© Nikita Teryoshin

Polsterei Aufgemöbelt

Früher war Polstern ein begehrtes Handwerk. Das könnte es wieder werden, wie ein Besuch in der Polsterei Jünemann zeigt. Von
ZEITmagazin Nr. 41/2017

Der Weg in die Polsterei Jünemann von Andreas Gebhardt führt durch enge Alleen und über altes Kopfsteinpflaster. Die Steine liegen so schief in der Erde, dass sich das Auto wie ein Schiff über Wasser bewegt. Jede Unebenheit ist wie eine Welle, die einen weiter aus der Stadt Berlin hinausträgt, hinein die kleine Gemeinde Eichwalde. Es ist ein bisschen, als fahre man in die Vergangenheit.

Vor einem Jahr ist Andreas Gebhardt mit seiner Polsterei in dieses Idyll aus Wald, Seen und Einfamilienhäusern gezogen. Weil die Miete im Berliner Stadtteil Friedrichshain zu teuer geworden ist, wo der Betrieb seit 1938 zu Hause war. Und weil die sehr junge Bevölkerung aus Start-up-Gründern und Nachtschwärmern, die den Stadtbezirk heute prägt, sich für traditionelles Handwerk kaum noch interessiert – mit ein paar Ausnahmen, was für Gebhardt ein Glück ist.

In Eichwalde schaut man leichter zurück. In den meisten Vorgärten stehen noch die bunten Zäune aus DDR-Zeiten. Häufig sind es selbst gebaute Kunstwerke, die vor der Wende in monatelanger Arbeit aus Industrieschrott gefertigt wurden, um sich und das Eigenheim ein wenig von der sozialistischen Massenästhetik abzugrenzen. Gebhardts Zaun ist aus Betonrauten zusammengesetzt, auf denen sich hier und da kleine Moosfelder gebildet haben, als wollten sie den Besucher schon am Eingang daran erinnern, dass hier nicht das Heute oder Morgen, sondern das Gestern regiert.

Andreas Gebhardt trägt braune Lederschuhe, ein blau-weiß kariertes Hemd und ein dazu passendes Schaltuch, die rechteckige Brille hat er sich auf die Stirn geschoben. Er erinnert eher an einen Künstler als an einen Handwerker. Gebhardt wirkt hellwach, obwohl er in diesen Tagen nur wenig zum Schlafen kommt. Noch ist das lange einstöckige Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert hinter ihm mehr Baustelle als Handwerksbetrieb. Der 49-Jährige hat sich hier viel vorgenommen. Die Miete, die er spart, will er gut investieren: Seine Polsterei soll nicht nur Werkstatt sein, sondern auch Ausstellungsraum für die vielen Designklassiker, die Gebhardt gesammelt hat. Er packt selbst mit an, wenn Handwerker den langen Raum hinter der Werkstatt umbauen, der einmal eine Kegelbahn war.

Das zerschlissene Polster gehört zu einem Sofaelement aus dem Palast der Republik. © Nikita Teryoshin

Im Möbellager im hinteren Teil des Gartens stapeln sich Sofas, Sessel und Stühle aus zwei Jahrhunderten. Sie kommen aus Deutschland, Italien, Dänemark, Amerika, Schweden und Tschechien und warten auf ein zweites Leben. Auf jemanden, der sie, wenn sie einmal durch Gebhardts Hände gegangen sind, in ihrer Einzigartigkeit zu würdigen weiß. In diesem Lager, zwischen Tomatensträuchern und einem alten Ahornbaum, stehen da auch Klassiker wie der Womb Chair von Eero Saarinen aus dem Jahr 1946 und mehrere Exemplare des Diamond Chair. Das Sitzmöbel aus einem filigranen Metallkorb wurde 1952 von dem italienisch-amerikanischen Designer Harry Bertoia für das Unternehmen Knoll entworfen und gehört zu den ikonografischen Designs des 20. Jahrhunderts. Auf Auktionen erzielen die Stühle, wenn sie Originale sind, mühelos einen dreistelligen Betrag.

Seinen letzten Diamond Chair hat Gebhardt vor ein paar Monaten aus einem Müllcontainer gerettet. Er schüttelt den Kopf, während seine Finger auf dem Gittergeflecht ihre Bahnen ziehen. "Für die Leute muss heute alles immer neu sein." Die meisten wüssten gar nicht mehr, dass alte Möbel einen Wert hätten. Gebhardt ist Nostalgiker. Als Kind bewunderte er die geschichtsträchtige Einrichtung im Bauernhof seiner Großeltern in Baden-Württemberg. Er erinnert sich an ein massives Biedermeiersofa, ein Buffet aus der Gründerzeit, an feine Stoffe und Holzverzierungen. Diese Möbel waren für ihn Zeitmaschinen. Türöffner zu Epochen, in denen Sofas, Sessel und Stühle in Handarbeit entstanden und Handwerker wie Polsterer, Tischler und Weber mit entschieden, wie ein Wohnzimmer auszusehen hatte und wie dessen Besitzer sich niederließen. Bevor Ikea darüber bestimmte.

Als Jugendlicher fing Andreas Gebhardt an, für den Eigengebrauch Stühle auseinanderzunehmen, zu reparieren und neu zu beziehen. Nach dem mittleren Schulabschluss entschied er sich für eine Ausbildung zum Textilmechaniker. Er wollte wissen, wie Stoffe hergestellt, gefärbt und verarbeitet werden.

1989, nach dem Mauerfall, zog Gebhardt dann nach Ostberlin. Wie viele seiner Generation war er neugierig auf das fremde, so lange abgeschottete Land. Er arbeitete in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern und spezialisierte sich auf das Färben von Stoffen. Nebenbei erkundete er die neuen Bundesländer, begann alte Möbel zu sammeln und verliebte sich in die Mentalität der Ostdeutschen. In ihre "Gemütlichkeit", den "Zusammenhalt", das gemeinsame Bier nach Feierabend und "die Einfachheit des Lebens". Es war ein Leben, das zwischen den Zeiten zu schweben schien.

Die Qualität des Stoffes bestimmt den Preis der Polsterarbeit mit. © Nikita Teryoshin

Mitte der neunziger Jahre entdeckte Gebhardt die Polsterei Jünemann. Auf dem Weg nach Hause lief er an dem großen Schaufenster in Friedrichshain vorbei, blieb stehen und sah zu, wie drinnen gehämmert, gesägt, genäht und geleimt wurde. Wie alte kaputte Sofas, Sessel und Stühle repariert und wieder brauchbar gemacht wurden. "Ich war fasziniert", sagt er. Am nächsten Tag brachte er ein geerbtes Gründerzeitsofa zu der kleinen Werkstatt. Meister Heinz Jünemann und der Geselle Detlef Patzak sollten das Sofa für ihn herrichten – aber Gebhardt wollte auch, dass sie ihn in ihre Geheimnisse einweihten. Eine Lehrstelle brauche er nicht, er wolle nur zusehen, learning by doing. Und die beiden sagten Ja.

Gebhardt gab also seinen Beruf als Textilmechaniker auf und fing als Quereinsteiger in der Polsterei Jünemann an. Unter der Anleitung des Meisters, der den Betrieb seit den sechziger Jahren führte, lernte er, wie man Gurte spannt, Federn schnürt, Palmfasern auflegt und in Fasson bringt, wie man mit Rosshaar, Polsterwatte und Vlies die nächste Polsterschicht aufträgt und Stoffe in Falten schlägt – wie man also ein Gründerzeitsofa auseinandernimmt und restauriert und wieder zusammenbaut. Ob diese Arbeit Zukunft haben würde, darüber dachte er nicht nach. Er folgte seiner Leidenschaft. Als Heinz Jünemann 2004 in den Ruhestand ging, legte er den Betrieb in Gebhardts Hände. Für diesen ist das Erbe bis heute eine Verpflichtung: "Ich wollte die Handwerkstradition weiterführen, deshalb habe ich auch den Firmennamen nicht geändert. Der allein bürgt schon für Qualität."

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