Stil Anzug im Aufwind

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 42/2017

Als Reisen noch umständlich war, galt es als Hobby der Reichen, für das sie eine Menge Aufwand trieben. Die Koffer zur Zeit der Dampfschifffahrt glichen eher Schränken mit Henkeln, wer mal wegwollte, brauchte Personal, das einem das ganze Zeug hinterherschleppte. Man führte eine Menge Garderobe mit – ein Gentleman benötigte zwei Hemden pro Tag.

Dann veränderte sich das Reisen, die Transportmittel wurden günstiger, viel mehr Menschen konnten verreisen, mussten aber ihre Koffer selber tragen. Das wirkte sich natürlich auf die Reisegarderobe aus. Reisen bedeutete nicht mehr das Zelebrieren des eigenen Wohlstands, sondern wurde zu einem notwendigen Übel, um von A nach B zu gelangen. Das gilt vor allem für Flugreisen. Einst gab es den Jetset, nun gibt es den easyJet-Set. Der Koffer ist nur noch ein ratternder Trolley, den man ins Handgepäckfach stopft.

Als Fliegen noch Luxus war, zog man sich gut an, um im Flugzeugsessel einen Cocktail zu genießen. Heute trägt man schluffige Klamotten und genehmigt sich schnell noch einen billigen Bourbon, um kurz darauf hoffentlich in seinem unbequemen Sitz einzuschlummern. Während die Flugzeuge immer besser werden, geht es mit dem Kleidungsstil über den Wolken stetig bergab. Das Fliegen hat seinen Zauber verloren, es hebt uns nicht mehr gesellschaftlich empor. Es raubt uns den Schlaf und verursacht Jetlag. Entsprechend checkt man auf einem Langstreckenflug im Pyjama ein. Das ist problematisch. Denn das Leben geht gleich hinter der Passkontrolle am Zielflughafen weiter. Dort warten Termine, Meetings mit Menschen, denen man sich einigermaßen aufgeräumt präsentieren will. Wenn die Passagiere früher vom Schiff stiegen, warfen sie sich in Schale. Wenn sie heute aus einem Flugzeug steigen, sind sie verknittert und verklebt, als seien sie gerade aus den Kissen gerollt.

Flugzeuge werden nicht aus unseren Leben verschwinden, sie sollten uns also nicht daran hindern, gut angezogen einen anderen Kontinent zu betreten. Eine Lösung können sogenannte Travel Suits sein, wie es sie beispielsweise von Paul Smith gibt. Sie sind bequem und knittern nicht. Man kann sich in ihnen auf dem Sitz einrollen, und wenn man später aufsteht und aus dem Flieger steigt, sieht man trotzdem aus wie fein herausgeputzt.

Ein Travel Suit ist im Prinzip wunderbar. Man muss nur befürchten, dass diese Art von Anzug so praktisch ist, dass ein Mann, der sich daran gewöhnt hat, keinen zwingenden Grund findet, ihn jemals wieder auszuziehen.

Foto: Peter Langer / Fliegen wie ein Gentleman: Travel Suit von Paul Smith

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Genau und die First ist für Otto Normalverbraucher meist unerschwinglich. Wenn ich meinen Bekannten msl den Preis für ein First Ticket nach z. B. Tokio gebe, sind die Reaktionen meist irgendwo zwischen Wahnsinn und bescheuert angesiedelt. Ich habe so einen schönen Van Laack, aber sonderlich bequem finde ich den nicht. Und was den Artikel angeht, finde ich die Werbung für Paul Smith etwas unpassend für die Zeit. Es gibt so ein Teil auch in Deutschland bei Manufactum...

solches erleben Sie in der First eher selten. Aber haben Sie sich schonmal gefragt, was ein Vollzahler in der First auf einem Emirates Flug nach Australien empfindet, wenn die übrigen Gäste eine arabische Grossfamilie ist, deren Kinder den ganzen Flug krakeelen und herumtoben? Dagegen ist ein sockenmüffelnder Schrebergärtner in der Touriklasse ein witz.... Das sind Sorgen... Ich weiß.

#4  —  vor 3 Tagen

"Während die Flugzeuge immer besser werden, geht ....."
Bei meinem letzten Flug von Spanien nach hier hatte mein Vordersitz eine Traverse, die es mir geometrisch unmöglich machte meine Füsse unter den Vordersitz zu schieben. Daher konnte mein motzender Vordermann seine Lehne nicht kippen ohne meine Knie zu spüren.
Nach Erzählungen soll man in den neuen IC Zügen auch seinen Nachbar erheblich stören, wenn man nicht DIN gerecht gewachsen ist. Von wegen Inklusion!