Wolken Geschenk des Himmels

Was da über unseren Köpfen schwebt, versuchen Maler und Wissenschaftler seit zweihundert Jahren zu verstehen – zum Glück bleiben die Wolken geheimnisvoll. Wir haben Schriftsteller gebeten, ihre Wolkengedanken für uns aufzuschreiben, und Fotokünstler nach ihrem persönlichen Wolkenbild gefragt.
© Heji Shin

Heji Shin

Die deutsch-koreanische Fotografin blickt auf Menschen mit einem so weichen und neuen Blick, dass die Körper manchmal zu Wolkengebilden verschmelzen. Für uns sah sie in den Himmel

Florian Illies

In der dritten Klasse las uns unsere Klassenlehrerin jede Woche aus ihrem neuen Buch vor: Es hieß Die Wolke, und die Klassenlehrerin hieß Gudrun Pausewang. Im Malunterricht sollten wir in Wasserfarben vor uns hin assoziieren, doch ich konnte nicht weitermalen, wenn ich von vorne vom Lehrerpult hörte, wie sich eine atomare Giftwolke langsam unserem kleinen Städtchen nährte. So beschloss ich, künftig einfach nicht mehr nach oben zu gucken. Als ich es dann irgendwann doch einmal tat und merkte, dass die Wolken, die da über unsere Köpfe hinwegjagen, die sich türmen, knäueln und auflösen, dass diese Wolken gar nicht das Böse in sich tragen müssen, sondern vielleicht das Gegenteil sind, also das Freie, das Zeitlose, das Schöne – da war ich heillos verliebt.

Genauso wird es einst dem jungen John Constable gegangen sein, dem Sohn eines Windmühlenbesitzers im englischen Suffolk, der vom Vater gelernt hatte, immer nach oben zu schauen, damit er wusste, wie er die Windmühlenblätter zu stellen hatte. Und der dann, kaum war der Vater gestorben, nach Hampstead Heath zog, oberhalb des rußigen Kessels London, und dort unter dem hohen Himmel über der Heide in den Jahren um 1820 Wolken malte wie niemand zuvor: voll Liebe und Zärtlichkeit, ja, das auch, aber vor allem aus allertiefster Kenntnis ihrer Gestalt, aus einem Wissen um das Licht, das sich in ihren Rändern bricht, und um den Wind, der die Ränder zerzaust wie das Haar der Geliebten. Jeden Tag zieht Constable hinaus ins Freie, mit Pappe, Papier und Ölfarben, und für das, was er da tut, erfindet er ein neues Wort: skying. Nie davor und nie danach sind schönere Wolken gemalt worden als vor zweihundert Jahren in Hampstead Heath, auch die Millionen Fotos auf Instagram, Kategorie #cloudporn, kommen da nicht heran. Es ist ein ungeheures Sakrileg, das Constable da begeht: Er porträtiert eine einzelne Wolke, er holt sie quasi herunter auf die Erde, denn die Wolken, das war in der Religion und in der Malerei bis dahin der Ort, an dem die Götter wohnen. Wenn Caspar David Friedrich einen Himmel malte, dann durfte ihn niemand in seinem Atelier stören, denn das Firmament zu malen, sagte er, sei "Gottesdienst". Das also ist die unterschwellige aufklärerische Botschaft, die all diese faszinierenden kleinen Studien von ziehenden Wolken uns vermitteln: ob dort oben wirklich noch Engel wohnen?

Wolkengemälde von John Constable © John Constable/Privatsammlung, Kanada

Parallel dazu leistete ebenfalls in England die Naturwissenschaft ihre aufklärerische Arbeit. Luke Howard, der legendäre "Godfather of the clouds", klassifizierte 1803 als Erster die scheinbare Unbegreiflichkeit der Wolken, er unterschied die flirrenden Cirrus-Wolken von den Cumulus-Schäfchenwolken und den Stratus-Gebilden, die sich wie Bettlaken über den Himmel ziehen. Sogleich wurde er von Goethe besungen, der hoffte, nun sei endlich auch der letzte Zipfel der Welt beherrschbar und durchschaubar geworden. Aber denkste.

Wir können noch so viel wissen über Cirrus und Stratus und Sonder- und Zwischenformen wie Nimbostratus, doch auch nach zweihundert Jahren meteorologischer Forschung und zweihundert Jahren Kunstgeschichte bleibt: ein Geheimnis.

So ist die Wolke letztlich das größte antiaufklärerische Projekt der Kulturgeschichte. Klaus Reichert, der deutsche Wolken-Papst, hat letztes Jahr das wunderbar schwebende Buch Wolkendienst veröffentlicht. Er erzählt darin, wie die Wolken alle großen Maler, Dichter und Komponisten in ihren Bann zogen, wie Schönberg, Chopin und Busoni versuchten, Wolkenmusik zu erfinden, und Samuel Beckett, Bertolt Brecht, Baudelaire Wolkengedichte. Das scheinbar Ewige ist flüchtig, das scheinbar Flüchtige ist ewig – das ist die große Botschaft, wenn man zum Himmel blickt.

Gerade war der Himmel noch blau. Und schon zieht ein Gewitter auf. Oder auch wieder vorüber. Wolken können heiter sein oder melancholisch. Dumpf oder tanzend. Und genau das ist der Grund, warum man so leicht in den Bann dieser Ansammlungen von Wassertröpfchen über uns geraten kann: Sie sind ein Spiegelbild unserer selbst.

Wir gehen in dieser Ausgabe des ZEITmagazins noch weiter: Wir haben Schriftsteller und Künstler eingeladen, mit uns ihre Gedanken und Bilder von den Wolken zu teilen, diese wiederum haben wir in Beziehung zueinander gesetzt. Entstanden ist ein schwereloser, träumerischer Flug durch das ganze Heft, heiter bis wolkig, wir unten – und die unerklärlichen, unbeschreiblichen Wolken über uns.

© Wolfgang Tillmans

Wolfgang Tillmans

"Man with Clouds" heißt dieses Bild des 49-jährigen Turner-Preisträgers, der für seine Arbeiten häufig in den Himmel blickt.

Hans Magnus Enzensberger

Grenzen der Augentäuschung

Selbst wenn an dir eine Flotte

von Zeppelinen langsam vorüberzöge,

hoch oben im Blau des Himmels,

und ihre Rümpfe wären mit

schneeweißen Wolken bemalt –

du würdest die Werke der Luft

und des Wassers nie mit denen der

Kunst verwechseln

"Die Geschichte der Wolken" heißt ein Band des Dichters und Essayisten Hans Magnus Enzensberger. Und wenn irgendjemand so schreibt, wie die Wolken ziehen, also leichtfüßig, dann der 87-Jährige. Kaum hatten wir ihn gefragt, sandte er uns diese neuen Verse.

© Juergen Teller

Juergen Teller

Der 53-jährige Franke gehört zu den bedeutendsten Fotografen unserer Zeit. Er prägt die Magazinfotografie mit seiner Mischung aus Porträts, Modeaufnahmen, Landschaften. Dieses Wolkenbild fotografierte er im Barbican Centre in London.

Olga Grjasnowa

Eine Wolkendecke bereitet mir tiefstes

Unbehagen. So sind die Wolken

auch die Einzigen, denen ich einen

Zusammenschluss zu Familien übel nehme.

Einzeln sind sie noch zu ertragen.

Wer Bücher schreibt, welche "Die juristische Unschärfe einer Ehe" heißen oder "Der Russe ist einer, der Birken liebt", wie die 1984 in Baku geborene Autorin, wer also zu Hause ist im Spiel mit Klischees, der ist wie gemacht für einen Blick in die Wolken.

© Mårten Lange

Mårten Lange

Der schwedische Fotograf, geboren 1984, beschäftigt sich in seinen vielfach ausgestellten Arbeiten mit Naturphänomenen.

Ferdinand von Schirach

Wir starren nach unten gebeugt auf die

Handys, aber wir sprechen von "hochladen"

und von der "Cloud". Natürlich leben

auch unsere neuen Götter in den Wolken.

Es war immer schon der richtige Ort.

Er beschäftigt sich mit Schuld und Sühne, mit Strafe und Sprache. Aber bei Ferdinand von Schirach, diesem Erzähler des alltäglichen Schreckens, kommt nie der Himmel vor. Umso größer sein Erstaunen, als er für uns den Blick nach oben wandte.

© Stefanie Moshammer

Stefanie Moshammer

Die 28-jährige Österreicherin, die 2016 das Foto-Spezial des ZEITmagazins gestaltete, wurde gerade vom Foam-Museum in Amsterdam zu einer der besten europäischen Nachwuchs-Fotografinnen gekürt.

Köln, Juli 2009 © Gerhard Richter

"Tiefland. Unter Westströmung tags.

Westliche Winde nachts."

Gerhard Richter

Seine "Wolken"-Gemälde sind Teil der Kunstgeschichte, Widerstandskämpfer gegen die Weltmacht Abstraktion. Ja, sagte Gerhard Richter, als Florian Illies ihn anrief, die Wolken ließen ihn wirklich nicht mehr los. Und so schickte er uns neueste fotografierte Blicke nach oben.

Alexander Kluge

Schon in ihrem gemeinsamen Buch "Dezember" lud Alexander Kluge Fotografien von Gerhard Richter mit neuer Bedeutung auf: Seine Assoziationen zu den neuen Fotos Richters für das ZEITmagazin sind wie ein Trampolin, auf dem auch unsere Gedanken Sprünge machen könne.

Köln, September 2015 © Gerhard Richter

"Die Großwetterlage verband die junge Frau mit ihrem Bruder,

von dem sie wusste, dass er als Arbeitsgefangener,

wegen politischer Straftaten, in einem Lager im Vorharz

Moorarbeiten ausführte."

Zypern, März 2009 © Gerhard Richter

"Und schöne weiße Wolken

ziehen dahin.

Mir ist, als ob ich längst

gestorben bin."

Sils, August 2017 © Gerhard Richter

"Weiße Kinder schleifen leis /

über’n See auf dünnem Eis ..."

© Eva O’Leary

Eva O’Leary

Die Fotografin Eva O’Leary wurde 1989 geboren, lebt in New York, beschäftigt sich mit dem Konzept des "Natürlichen" und schickte uns sofort ihr Lieblings-Wolkenbild. Der Mann mit dem Hund ist übrigens ihr Vater.

Wolf Biermann

Kunststück

Wenn ich mal heiß bin

Wenn ich mal heiß bin

Lang ich mir ’ne Wolke runter

Und wring sie über mir aus.

Kalte Dusche.

Kunststück

Nach einem Interview für das Feuilleton der ZEIT kam das Gespräch auf Wolken (bei Florian Illies unvermeidbar). Und siehe da, Wolf Biermann zückte sogleich dieses herrliche Gedicht.

© Oliver Helbig

Oliver Helbig

Die Aufnahmen des Reportagefotografen entstehen häufig aus der Luft: im Flugzeug nämlich, wenn er auf Reisen ist.

© Viviane Sassen

Viviane Sassen

In den Bildern der Mode- und Kunstfotografin Viviane Sassen spürt man das Lastende und das Leichte. Deshalb gab es niemand Besseren, um das, was Botho Strauß das "Weibliche" der Wolken nennt, in ein Bild zu fassen.

Botho Strauß

Tatsächlich ist der gewöhnliche Mann,

egal ob Draufgänger oder Spießer,

ein Hohn auf die sexuelle Idee, 

nach der der Mensch entworfen ist.

Diese ist grundsätzlich weiblich.

Ihre Lesart ist die der Wolke,

deren Nuancen wechseln beständig wie

ihre Formationen. Und wenn die

Wolke nicht weiblich ist, dann gibt es

nichts Weibliches auf der Welt.

Spätestens als auf dem Cover von "Allein mit allen" tröstende Wolken erschienen, war klar, dass Botho Strauß, dieser einzigartige Menschenbeobachter, auch den Wolken ein Geheimnis entlocken würde.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Schön, schön ... Hat die liebe Redaktion denn auch an die ältesten Personifikationen von Wolken gedacht, "Hai Nephelai" aus der Feder des großen Spötters Aristophanes?! Wie spricht der sophistische Priester Sokrates (ja, genau der!): "... und du strahlender Himmel und, Göttinnen, ihr erhab'nen blitzdonnernden Wolken, erhebt euch, erscheint dem denkenden Mann, ihr Herrinnen, über ihm schwebend" (übs. N. Holzberg) ... und weiter u.: "... sie sind die himmlischen Wolken, für müßige Männer große Göttinnen, die Urteilskraft und Diskutierfähigkeit und Verstand uns verleihen und Phantasie und Umschreibung und Schlagfertigkeit und die Kunst zu fesseln". Letzteres konnte man auch sehr dialektisch verstehen: ... die Gedanken, Ideen, Begriffe, die uns Dialektik verleihen und Logik, und den Zauber des Worts, den blauen Dunst, Übertölplung, Floskeln und Blendwerk" (übs. L.Seeger). Auf "Die Wolken" bezogen sich die Ankläger des Sokrates, wenn sie ihn als Jugendverderber bezichtigten. Platons "Apologia" nimmt auf die Komödie des Aristophanes ausdrücklich Bezug - hierin sei Sokrates "Luftschifferei" (aerobatein) unterstellt worden und viel anderes Blabla (phlyarian phlyarounta). Die satirischen "Wolken" haben dem Philosophen Tod und Unsterblichkeit eingebracht ... Man stelle sich mal vor: Welkes "Heute-Show" brächte einen Habermas zu Fall - oder Böhmermann einen Despoten Erdogan ... nein, das geht leider nicht mehr. Die heutigen "Wolken" sind nur noch Göttinnen des Feuilletons.