Harald Martenstein Über Sexismus und das Ende der Kunst

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 44/2017

Was genau ist "sexistisch"? An der Berliner Alice-Salomon-Hochschule gibt es seit Wochen Streit über ein angeblich sexistisches Gedicht. Es ziert seit Jahren die Fassade, auf Spanisch, denn es stammt von Eugen Gomringer, einem 92-jährigen, ziemlich bekannten Lyriker, Sohn einer Bolivianerin. Der sexistische Text geht auf Deutsch so: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer".

Die Studentenvertretung Asta sagt, das Gedicht müsse weg, weil es "Angst macht", denn: "Potenziell übergriffige und sexualisierende Blicke können überall sein." Da hätte ich, als Rektor der Hochschule, meinen Studenten eine Angst-Therapie spendiert sowie einen Grundkurs in schöner Literatur, denn diese bedauernswerten Geschöpfe scheinen ja in ihrem kurzen, ereignisarmen Leben ausschließlich feministischen Trash aus der untersten Schublade gelesen zu haben. Der Akademische Rat dieses bildungsfernen Bildungsinstituts empfiehlt tatsächlich eine neue Fassadengestaltung, bis zum 15. Oktober durften Vorschläge eingereicht werden. Möglich ist auch, dass der sexistische Text bleiben darf, aber die "Kritik aufgegriffen" und das Skandalwerk "in einen Kontext gesetzt" wird, vielleicht mithilfe einer Warntafel: "Frauen sind keine Blumen. Man darf die nicht einfach gießen, düngen oder ohne ihre Einwilligung umtopfen. Schneiden nur nach Aufforderung und nur Haare, Fuß- oder Fingernägel." Zu bedenken ist, dass vor allem solche Sexisten das Gedicht als Ermutigung verstehen können, die des Spanischen mächtig sind. Die Warntafel muss mehrsprachig sein.

Wenn so etwas Schule macht, dann ist, nach einigen Tausend erfreulich produktiven Jahren, das Ende der Kunst gekommen. Hervorbringungen, die garantiert bei niemandem auch nur das geringste Unbehagen wecken können und keinerlei Uneindeutigkeit enthalten, heißen bekanntlich nicht "Kunst", sondern "Kitsch". Wenn man den sexualisierenden Blick aus dem Leben komplett verbannen möchte, gibt es sowieso nur ein einziges wirklich wirksames Rezept, die Burka.

Die Liste der verfemten Dichter wird lang sein. Auf Platz eins, kurz vor den frauenbewundernden Minnesängern, steht natürlich Heinrich Heine. Hier ein Auszug aus Alte Rose: "Und ich wollt die Rose brechen, / Doch sie wußte mich pikant / Mit den Dornen fortzustechen. / Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt / Und verklatscht von Wind und Regen – / Liebster Heinrich bin ich jetzt, / Liebend kommt sie mir entgegen. (...) Sticht mich jetzt etwa ein Dorn, / Ist es an dem Kinn der Schönen. / (...) Geh ins Kloster, liebes Kind, / Oder lasse dich rasieren."

Das Tolle an Heine: wie dieser Teufel es geschafft hat, Sexismus, Altenfeindlichkeit, Schleichwerbung für Kosmetikkonzerne, Pädophilie ("liebes Kind"), Klerikalfaschismus ("Kloster") sowie die Verharmlosung des Klimawandels ("Wind und Regen") in einem einzigen Gedicht unterzubringen.

Die Studierenden schreiben, dass Frauen nicht zu "bewunderungswürdigen Objekten" degradiert werden dürfen. Frauen, die solchen, mit den Worten des Autors Christoph Hein, "barbarischen Schwachsinn" verzapfen, werden doch niemals in diese Verlegenheit kommen, oder? Interessanterweise haben Künstler, Kolumnisten oder Fußballer mit Bewunderung keinerlei Probleme, im Gegenteil. Man sollte einfach in dem Gedicht überall dort, wo "Frauen" steht, meinen Namen einfügen, das wäre mein Vorschlag, "Ronaldo" geht auch. Und wer sich über den real existierenden Sexismus informieren möchte, sollte einfach den Namen "Harvey Weinstein" googeln.

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... und raten Sie mal, wer mit Empörung in der Feder gegen den "Feuilletonisten" Heine angeschrieben hat?! Richtig, der Moralist Karl Kraus ("Heine und die Folgen", 1910). Warum? "Feuilletonistisch ist Heines Polemik durch die Unverbundenheit, mit der Meinung und Witz nebeneinander laufen". Denn "wer über das Geschlechtsleben seines Gegners spottet" (es ging natürlich um Platen und Börne), "kann nicht zu polemischer Kraft sich erheben". Alles "nur lose Kalauer" (Kraus), auch "die Kuhmagd, die mit dicken Lippen küßt und beträchtlich riecht nach Mist" (Heine). Bekanntlich wurde das Büchlein des Kritikers nicht gelesen, wie er selbst eingesteht (Aug. 1911) - schuld ist natürlich ... "das Publikum läßt sich nicht täuschen , es hat die feinste Nase gegen die Kunst, und sicherer, als es den Kitsch zu finden weiß, geht es dem Wert aus dem Wege" (Kraus). Und da könnte die Erklärung für den "Skandal im Lehrbezirk" liegen: Einem Gedicht an der Fassade des eigenen Identitäts- und Deutungsbereichs Uni kann frau/man nicht ausweichen; es ist mehr als publiziert, es ist plakativ "veröffentlicht" und fordert ein Mindestmaß an Akzeptanz. Wer diese nicht aufbringt, ist gedanklich schnell bei der "direkten Aktion" des Bommi Baumann: "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Moralischer Solipsismus - auch dazu fiele Karl Kraus nichts mehr ein.