© Torsten Schumann

Berlin Ins Scheitern verliebt

ZEITmagazin Nr. 45/2017
Die Berliner Mängelliste ist lang: Der Müll und die Schulden türmen sich, die Verwaltung funktioniert nicht und schiebt ihr Scheitern auf "Softwareprobleme", Berliner Polizisten besaufen sich beim G20-Gipfel, und der Hauptstadtflughafen wird vielleicht nie eröffnet werden. Viele Bewohner haben den Eindruck, die Stadt verachte sie und biete ihnen keine gemütliche Heimat. Dennoch lieben viele es hier, so wie unsere Berliner Autoren. Warum eigentlich? Von und

Auf dem Boulevard Unter den Linden haben sie hinter zerbeulten Absperrgittern einen roten Teppich ausgerollt, in der Staatsoper werden an diesem Tag Ehrengäste erwartet. Über sieben Jahre hatte sich die Restaurierung des Rokoko-Baus hingezogen, die Baukosten stiegen um das Doppelte auf mehr als 400 Millionen Euro. Ein Untersuchungsausschuss wühlte sich tief in den sumpfigen Boden, auf dem das Musikhaus ruht, und fand die bekannte Berliner Mischung aus Hemdsärmeligkeit und Fatalismus. Tja, wurde halt ein bisschen mehr. Schicksal!

Zum Tag der Deutschen Einheit soll nun endlich alles fertig sein und die Wiedereröffnung gefeiert werden. Es hat aber dann doch leider bloß zu einem "Präludium" gereicht. In ein paar Tagen, erfuhren die Gäste, muss das Haus wieder schließen. Die Techniker sind nicht fertig geworden, es fehlen noch diverse Freigaben der Behörden – darunter die für den Brandschutz. Die zur Wiedereröffnung geplante Uraufführung muss bedauerlicherweise ebenfalls entfallen, der Komponist ist erkrankt. Stattdessen wird, als Provisorium zum Präludium, eine Tragödie geboten: Faust-Szenen von Schumann. Und so schallt an diesem Abend von der Bühne in den blattgoldenen Saal (dessen Nachhall durch Anhebung des Daches um exakt 0,7 Sekunden verlängert wurde) Berlins heimliche Hymne, gedichtet von Goethe: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis."

Das ist Berlin. Was ist nur los hier?

Wer in Berlin über das Regierungsviertel hinausspaziert, dem fallen überquellende Mülleimer ins Auge, Dreckhaufen auf den Straßen, verwahrloste Parks und tote Ratten. Die Bezirksämter schaffen es nicht, Geburtsurkunden zeitnah auszustellen, Heiratswillige kampieren in der Morgendämmerung vorm Rathaus, Tote dürfen nicht unter die Erde, weil Ämter überlastet sind. Die Zustellung einer Sterbeurkunde dauert bis zu 38 Tage. In Pankow überreichte ein Bote die Papiere in letzter Sekunde bei der Trauerfeier in der Friedhofskapelle. Die Software, die im Standesamt jede Ansprache verweigert, heißt übrigens Autista. Der Hersteller beteuert, überall anderswo funktioniere sie. Bloß nicht in Berlin.

Selbstverständlich verlief auch die Bundestagswahl nicht störungsfrei: 46 Hausmeister hatten sich geweigert, einen außerplanmäßigen Sonntagsdienst anzutreten und zu Wahllokalen umfunktionierte Schulen aufzuschließen. Erst zwei Tage vor Ultimo wurde gemeldet: "Die Wahl ist gesichert." Eine Schlagzeile, die es nur in Berlin gibt – und die dann doch ein bisschen voreilig war. Aus ganz Deutschland lagen die Ergebnisse vor, da wurde in Berlin noch immer gezählt – wegen "Softwareproblemen". Am frühen Morgen meldete dann auch Pankow Vollzug.

Tausende Gerichtsverfahren werden in Berlin eingestellt, weil die Justiz überlastet ist, nicht wenige Verdächtige kommen wegen Fristüberschreitung aus der Untersuchungshaft frei. Der Vorsitzende der Vereinigung Berliner Staatsanwälte sagt: "Ein funktionierendes Rechtssystem ist in Berlin nicht mehr vorhanden."

Was stimmt nicht mit Berlin? Diese Stadt ist ins Scheitern regelrecht verliebt, könnte man sagen. Und trotzdem verlieben sich auch immer mehr Menschen in diese Stadt. Zum Beispiel wir, die Autoren dieses Textes. Seit Jahrzehnten leben wir hier, arbeiten als Kolumnist und Chefredakteur beim Tagesspiegel, verfolgen und beschreiben den alltäglichen Wahnsinn dieser Metropole und ihre Unzulänglichkeiten, die nicht selten das Ergebnis von organisierter Unzuständigkeit sind. Hier dauert es drei Jahre, einen Zebrastreifen auf die Straße zu pinseln. Vier Jahre, die Statik einer Ampel zu berechnen. Sieben Jahre, eine Oper zu sanieren. Auch die Pergamonbaustelle auf der Museumsinsel wird zur Permanentbaustelle, ein Monument ihrer selbst, mit vier Jahren Verzug und der obligatorischen Kostenverdoppelung. Schuld sein soll ein historisches Pumpwerk, das der unterirdischen Arbeit im Wege steht. Seit elf Jahren versucht man hier, einen Flughafen zu bauen. Vor fünf Jahren platzte die geplante Eröffnung, wir haben unsere Einladungskarten zur Party noch. Jetzt heißt es: 2019 könnte es klappen – wenn alles gut geht! Doch wann geht hier etwas gut?

Dass die Stadt Probleme hat, einen Flughafen zu bauen oder eine Oper zu sanieren, wäre erträglich – funktionierten wenigstens die tausend kleinen Dinge des Alltags, etwa die Anmeldung eines neuen Pkw. So was kann viele Wochen in Anspruch nehmen. Die Autohändler bekommen die verkauften Modelle nicht vom Hof, die Käufer wissen nicht, wohin damit.

Der Neubau von Wohnungen, dringend nötig, verläuft ähnlich schleppend wie das Flughafenprojekt, obwohl guter Wille vorhanden zu sein scheint. Nirgendwo sonst sind die Wartezeiten beim Bürgeramt länger, die Schulen maroder, die Baustellen chaotischer, die Verantwortlichkeiten verworrener als bei uns in der Bundeshauptstadt. Hebammen warnen Hochschwangere vor Berlinbesuchen, im Ernstfall gibt es keine Betten und Ärzte. Wohnungsangebote finden sich kaum, aber regelmäßig ertönen Bannflüche der Berliner Politiker gegen die Profitgier privater Investoren. Die Bausenatorin sagt: "Wir leben bis zum Hals im Kapitalismus. Das ist das Problem." Aber im Sozialismus war’s hier auch nicht so doll. Und jetzt? Die FDP hat den Senat gefragt, ob er die Meinung der Senatorin zum Kapitalismus teilt. Die Antwort lautet: "Der Senat hat sich zu diesem Grundproblem noch keine abschließende Meinung gebildet." Wir werden uns also auch hier gedulden müssen.

Viele Berliner haben den Eindruck, dass sie und ihre profanen Bedürfnisse von den Regierenden regelrecht verachtet werden. Denen geht es offenbar um höhere Ziele als Geburtsurkunden oder Mülleimer. Aber welche Ziele das sein könnten, weiß auch niemand. "Kiffen und den Verfassungsschutz abschaffen", sagt der Innensenator, als er glaubt, dass ihm niemand zuhört.

Die Verachtung ist mittlerweile gegenseitig. An der Potsdamer Brücke wurde im Sommer wegen Bauarbeiten die Abbiegespur gesperrt, nur Busse durften durch. Alle anderen mussten einen lästigen Umweg in Kauf nehmen. Viele Autofahrer ignorierten das Verbot einfach, Verkehrsschilder haben in Berlin allenfalls dekorative Funktion. Einerseits ist die Polizei infolge Personalausdünnung zu entkräftet, um sich derlei Dingen mit der gebotenen Sorgfalt zu widmen. Andererseits wächst der Volkszorn, weil es in Berlin eine Koordination der zahllosen Baustellen nicht mehr zu geben scheint. Verschwörungstheorien grassieren: Sind Sadisten am Werk oder die Grünen oder beide? Um das Abbiegeverbot, nach etlichen schweren Unfällen, durchzusetzen, wurde die Kreuzung an der Brücke von bewaffneten Polizisten daraufhin rund um die Uhr verteidigt wie Fort Alamo. Das Verbot, auf Bürgersteigen Rad zu fahren, war hingegen nicht zu halten, es existiert nur noch auf dem Papier. Für das Verbot, sein Auto auf Radwegen abzustellen, gilt das leider auch. Einem genervten Radfahrer, der rücksichtslos parkende Autofahrer anzeigte, warf das Ordnungsamt "eine systematische und damit rechtlich unzulässige Verkehrsüberwachung" vor. Anzeigen von "Hilfssheriffs" werde man "nicht als Anzeige werten". Dies sei "Staatsaufgabe". Aber wo ist der Staat?

Vor ein paar Monaten eröffnete der wunderschöne Pierre-Boulez-Saal in der Barenboim-Said-Akademie. Seitdem herrscht an Veranstaltungsabenden in der Französischen Straße wegen wild parkender Autos ein gefährliches Chaos. Akademie-Direktor Michael Naumann beantragte deshalb dringend eine Halteverbotszone, doch der Antrag des Ex-Kulturstaatsministers wurde erst mal abgeschmettert: Die Sachbearbeiterin teilte mit, ihr sei es "auf Grund anderer termingebundener Aufgaben nicht möglich, kurzfristig Anträge zu prüfen", und: "Schon allein das Prüfverfahren nimmt einige Monate in Anspruch." Auf die Beschwerde Naumanns meldet sich nun ein anderer Sachbearbeiter mit folgendem Hinweis: "Eine Anordnung von Halteverboten wird kaum dazu führen, dass das Auftreten von Falschparkvorgängen verhindert werden kann." Dass solche Verbote in Berlin ernst genommen würden, halte er ohnehin "aus jahrelanger Beobachtung heraus für sehr unwahrscheinlich". Die Kapitulationserklärung endet mit der üblichen Maßregelung: "Das von Ihnen beobachtete Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer legen Sie bitte nicht der Straßenverkehrsbehörde zur Last." Vor diesem Hintergrund kann der auswärtige Beobachter vielleicht verstehen, warum die amtliche Mitteilung "Berlin geht fünf Tage gegen Falschparker vor" den lokalen Zeitungen eine Meldung wert ist.

"Raserhauptstadt" ist Berlin übrigens nicht, diesen Titel trägt wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge Hamburg. Rasen ist aufgrund des Verkehrsaufkommens bei uns auch nur in sehr frühen Morgenstunden möglich. Doch was Aggression und Anarchie angeht, lässt sich Berlin nicht lumpen. Eine Lehrerin schreibt: "Wir mussten heute aus Sicherheitsgründen unsere Schülerlotsen abziehen. Die zuständige Polizeibeamtin will und kann die Verantwortung für die Kinder nicht mehr übernehmen."

Seit einiger Zeit kann man beim Ordnungsamt Meldungen auch online einreichen. Den Bearbeitungsstand markiert eine digitale Ampel, meist steht sie auf Gelb, oft noch Wochen später. "Beschwerde über Feuerwerke im Bereich des Osthafens", gemeldet Ende August, Status Ende September: "In Bearbeitung". Bis Silvester hat sich die Sache erledigt. Andere nutzen das Tool offen zur Denunziation – so ist bei Nennung von Name und Adresse zu lesen, bei welcher Familie in Lichtenberg "seit mindestens 5 Jahren ein Hund mit dem Namen Atze" lebt, "welcher nicht angemeldet ist! Außerdem bekommt der Hund viel zu wenig Auslauf." Das Amt meldet ausnahmsweise: "Erledigt" – der Fall wurde an die Steuerbehörde weitergereicht.

Meist aber wird Müll gemeldet, sehr viel Müll. Den stellen die Leute hier einfach auf die Straße, das ist zwar verboten, aber: egal. Schauen Sie mal, was an einem ganz normalen Tag allein in Neukölln neu auf die Liste kommt, jeweils mit genauer Adresse: Sperrmüll, Staubsaugerteile, Glas, Einkaufswagen, Couch, Pflastersteine, Metall, Bauschutt, Hausmüll, Dämmwolle, Schilderfuß, Monitor, Couch, Plastik, Farbeimer, Verpackungsmaterial, Mikrowelle, Matratze, Klappliege, Holzteile, Waschmaschine, Kleinmobiliar, Kleidungsstücke, Dämmplatten, Kühlschrank, Teppiche, Kisten, Kartons, Autoreifen, Babybadewanne, Styroporplatten, Wäscheständer, Stuhlteile, Elektroteile, Tasche, Holzregal, Müllsäcke, Standfüße, Holzplatten, Sofa, Schrank, Bettgestell, Schreibtisch, Mülltüten, Elektroschrott, Bretterstapel ... es hört gar nicht mehr auf.

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Alles ist war, nichts ist übertrieben!
Leider muss ich das als Hauptstadtbewohner jeden Tag am eigenen Leib erleben.
Ich bin schon gespannt darauf, wer sich als Mann und Frau eintragen muss, wenn mein Freund und ich diesen Monat noch unsere Heirat anmelden werden. Die Software der berliner Standesämter kennt immer noch keine gleichgeschlechtlichen Eheschließungen.
Ein kleines Detail, aber es macht verdrießlich.
Berlin zermürbt auf Dauer.