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Das war meine Rettung "Wow, ich hatte so ein tolles Leben"

Ein schwerer Autounfall lehrte den israelischen Autor Etgar Keret, sein Leben wertzuschätzen. Ein Interview von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 45/2017

ZEITmagazin: Herr Keret, Sie gelten als eher linker israelischer Schriftsteller. Können Sie die Boykottaufrufe gegen Ihr Land nachvollziehen?

Etgar Keret: Ein Boykott sagt: Ich möchte nicht mit dir reden, ich möchte nichts von dir hören. Nicht miteinander zu reden ist der beste Weg, nichts zu erreichen. Ein Boykott verallgemeinert und entmenschlicht, weil er alle Menschen auf eine Stufe stellt. Er lässt keine Veränderungen zu. Ein Boykott ist für mich ein Widerspruch in sich. Er hat nichts mit Kultur zu tun, da Kultur offene Kommunikation bedeutet – man spricht offen miteinander, drückt Gefühle aus, und man bemüht sich zu verstehen, wie andere denken.

ZEITmagazin: Was denken Sie über die politische Situation in Israel?

Keret: Ich finde es frustrierend, in einem Land zu leben, das von Menschen regiert wird, mit denen ich mich nicht identifizieren kann und deren Handlungen ich ihnen seit über 20 Jahren verüble. Ich zahle meine Steuern, und ich weiß, dass ein Teil davon in die Siedlungen fließt, um ein System zu festigen, das ich komplett ablehne. Ich bin gegen die Besetzung der palästinensischen Gebiete.

ZEITmagazin: Wie schafft man es, politische Gegner mit Respekt zu behandeln, wenn man sie im Grunde ablehnt?

Keret: Ich komme aus einer Familie, in der jeder politisch anders denkt. Meine Schwester ist eine orthodoxe Jüdin, hat elf Kinder und erkennt Israel nicht an. Sie akzeptiert den Premierminister nicht, weil er am Sabbat Auto fährt und nicht koscher isst. Mein älterer Bruder gehört einer Gruppe von radikalen Antizionisten an und ist für die Einstaatenlösung. Mein Vater gehörte dem rechten Flügel an, wie meine Mutter, die beiden hatten jedoch unterschiedliche Ansichten. Mein Vater sagte immer, wir wollten alle das gleiche Ziel erreichen, aber wir unterschieden uns in der Strategie. Der größte Verlust, den ich heute sehe, ist, dass wir die grundsätzliche Fähigkeit verlieren, miteinander zu sprechen.

ZEITmagazin: Sind Sie ein Optimist?

Keret: Lustig, dass Sie mich das fragen. Ich habe mal meinen Vater gefragt: "Wie kannst du nur so ein Optimist sein?" Er antwortete: "Als ich aufwuchs, dachte ich, das Leben bestehe aus Holocaust und Nazis, ab dann wurde alles besser. Wie kann ich da kein Optimist sein?" Einer seiner besten Freunde war ein Deutscher, der bei der Wehrmacht gewesen war. Ich fragte ihn: "Wie kannst du mit dem befreundet sein?" Mein Vater sagte: "Er wurde mit 17 in die Wehrmacht eingezogen und bereut heute alles."

ZEITmagazin: Haben Sie je eine Krise erlebt?

Keret: Mein Leben lang wollte ich eine Novelle schreiben, aber es funktionierte nicht so gut, deshalb speicherte ich das halb fertige Werk auf meinem Laptop und machte sicherheitshalber ein Back-up. Eines Tages wurde in meine Wohnung eingebrochen, und die beiden einzigen Sachen, die gestohlen wurden, waren mein Laptop und die Back-up-Diskette. Ich hatte über ein Jahr lang an der Novelle gearbeitet und war dabei aber immer mehr zu dem Schluss gekommen, dass sie mir nicht gefiel. Eigentlich hat dieser Einbrecher mich von zwei weiteren Jahren befreit, in denen ich daran geschrieben hätte. Ich empfinde das als Segen.

ZEITmagazin: So kann sich ein schlimmes Erlebnis als positive Wende im Leben erweisen.

Keret: Ja. Vor neun Monaten hatte ich eine Vorlesung in Connecticut, und ein Fahrer sollte mich nach Boston bringen. Er fuhr sehr schnell und erfasste ein anderes Auto, es knallte. Ich war übersät mit Glasscherben, und der Benzintank fing an auszulaufen. Eine Stichflamme schoss hoch. Ich konnte nicht mehr atmen und sagte mir: Okay, das war es. Gleichzeitig dachte ich: Wow, ich hatte so ein tolles Leben, es ist so verdammt kurz gewesen. Ich hoffe, meine Frau wird wieder heiraten, weil mein Sohn ziemlich wild und auch ein wenig chauvinistisch ist, und es wäre gut, wenn da jemand wäre, der ihm sagt: Ab ins Zimmer.

ZEITmagazin: Wie haben Sie überlebt?

Keret: Eine Polizistin zog mich aus dem Wagen, bevor er zu explodieren drohte. Erst in dem Moment wurde mir klar, dass ich nicht sterben würde. Meine Rippen waren gebrochen. Ich war monatelang traumatisiert. Ich hatte Schmerzen, konnte nicht schreiben und hatte Sprachstörungen. Durch die vielen Medikamente bekam ich Verstopfung und wollte nichts mehr essen. Ich leide immer noch an Schlafstörungen. Es war eine unglaubliche Erfahrung für jemanden, der ständig rumzickt und sich viel beschwert. Heute ist mir bewusster, dass ich das Leben wertschätze. Gleichzeitig hat es mich Leuten nähergebracht, mit denen ich keinen Kontakt mehr hatte, die mir aber in jenem Moment in den Sinn gekommen waren, weil ich mich von ihnen verabschieden wollte.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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