© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Das Schwierige im Leben hat mich geprägt"

Als ihr Mann in einer finanziellen Krise steckte, fand Gloria von Thurn und Taxis den Ausweg. Von
ZEITmagazin Nr. 46/2017

ZEITmagazin: Fürstin Gloria, bevor Sie Ihren Mann heirateten, mussten Sie erst einen Fruchtbarkeitstest bestehen. Wie war das für Sie?

Gloria von Thurn und Taxis: Ich war erst zwanzig und dachte: Gut, er ist ein alter Junggeselle und hat Angst vor der Ehe und dem Druck, unbedingt einen Erben zu produzieren – klar, dass er sehen will, ob es überhaupt klappt. Ich habe keinen Augenblick gezweifelt, dass ich sofort schwanger werde. Erst später habe ich mir gedacht, dass ich auch hätte sagen können: Moment, und wenn ich keine Kinder kriegen kann, verlässt du mich?

ZEITmagazin: Standen Sie unter großem Druck, einen Sohn zu gebären?

Von Thurn und Taxis: Ich nicht so sehr, den enormen Druck hatte er. Der Name sollte ja erhalten bleiben. Als unser drittes Kind ein Junge wurde, hat mein Mann durchgeatmet und ist wieder mit seinen Freunden losgezogen. Darunter habe ich sehr gelitten, weil ich mich darauf eingestellt hatte, dass wir als Familie jetzt alles gemeinsam machen – aber dann kamen seine Freunde ins Haus gepoltert, und ich wollte sie alle wieder rausschmeißen.

ZEITmagazin: Ihr Mann war 34 Jahre älter als Sie. Was haben Sie von ihm gelernt?

Von Thurn und Taxis: Ihm war sehr wichtig, dass ich mich bilde. Ich habe ja nicht studiert. Mein Mann war mir sehr ähnlich, er war auch auf der Flucht vor sich selbst. Er hat gehofft, in mir Halt zu finden, und ich in ihm. Bald merkte ich, dass ich die Stärkere bin und auf ihn aufpassen muss. Dadurch, dass ich praktisch mit der Muttermilch eingesogen habe, dass meine Familie zwar Geld und Schloss wegen der Enteignung durch Kommunisten nicht mehr hatte, die Identität und die Geschichte aber geblieben sind, wusste ich, dass wir auf der Standesebene absolut ebenbürtig waren.

ZEITmagazin: Ihr Mann hat Fehlspekulationen unternommen, und es gab Manager, die ihn bewegen wollten, das Erbe in eine Stiftung zu geben, statt es Ihnen zu vererben. Kurz vor seinem Tod gab er Ihnen eine Generalvollmacht. Wie kam das?

Von Thurn und Taxis: Mein Mann litt darunter, dass ihm die Kontrolle über sein Vermögen entglitten war. Ich schlug vor, die Akten durchzugehen, und erkannte, dass einiges im Argen lag. Mein Mann hatte Schwierigkeiten, das anzuerkennen. Ich wusste, dass nicht ich diejenige sein darf, die ihm sagt, dass ein Riesenproblem vorliegt. Meine Rettung war, dass ich damals meinem Mann jeden Tag die FAZ vorgelesen habe, das war so ein Ritual zwischen uns. Da stieß ich auf Nicolas Hayek, der im Alleingang die Schweizer Uhrenindustrie gerettet hat. Er kam zu uns und hat meinem Mann schnell klargemacht, dass er den Laden von einer anderen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft anschauen lassen muss, und er hat auch Lösungsvorschläge gehabt. Da war mein Mann erleichtert. Er hatte endlich erkannt, dass ich jemand war, der ihm wirklich helfen wollte. Er war schon sehr krank, und kurz vor der Operation im Krankenhaus hat er zu mir gesagt: Ich liebe dich. Auf diesen Satz hatte ich so lange gewartet.

ZEITmagazin: Sie sind Katholikin. Wer hat Sie zum Glauben geführt?

Von Thurn und Taxis: Der feste Glaube meines Vaters hat mich sehr geprägt, und auch der meiner Großmutter und meiner Tante. Ich habe immer dafür gebetet, auch so einen festen Glauben zu haben. In der schwierigen Zeit während der Krankheit meines Mannes war ich im Haus Thurn und Taxis komplett isoliert. Die Manager wollten mich loswerden. Da haben der Glaube und die Religion mir Kraft gegeben. Ich habe gebetet, dass ich das Richtige mache und sage, damit mein Mann mich nicht fallen lässt.

ZEITmagazin: Ist Ihr Glaube der Grund, warum Sie die Kirche kürzlich in den Missbrauchsfällen bei den Regensburger Domspatzen verteidigten?

Von Thurn und Taxis: Nein, mir geht es ums Prinzip. Dass immerzu auf der katholischen Kirche rumgehackt wird, finde ich ungerecht. Wo doch Missbrauch auch systematisch in hochgepriesenen reformpädagogischen Schulen stattfand. Sexuelle Kontakte zwischen Lehrer und Schüler als Teil eines sozialpädagogischen Experiments, um hierarchische Ebenen aufzubrechen, waren bei vielen intellektuellen Fachleuten weithin akzeptiert und wurden billigend in Kauf genommen. Und das unter den Augen vieler Politiker und Meinungsmacher.

ZEITmagazin: Wenn Sie zurückblicken – was hat Sie zu der gemacht, die Sie sind?

Von Thurn und Taxis: Das Schwierige im Leben hat mich geprägt: die Krankheit meines Mannes, der Tod, die Einsamkeit, die wirtschaftlichen Probleme und die menschlichen Enttäuschungen. Ich bin auch sehr zynisch geworden, aber ich habe Freude am Leben und bin neugierig auf die Menschen. Eigentlich finde ich, dass ich mich gar nicht verändert habe. Ich bin zurückhaltender geworden, aber vom Charakter her bin ich immer noch draufgängerisch.

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