Harald Martenstein Über Toastbrot und Wutausbrüche

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 46/2017

Neulich sollte ich über "Deutschland" schreiben, ich wählte das Unterthema "deutsche Einheit". Da kenne ich mich aus. Ich bin aus dem Westen, aber habe seit vielen Jahren einen Wohnsitz in Brandenburg. Dort war mir aufgefallen, dass es im Restaurant oder an Imbissbuden zum Essen oft ungetoastetes Toastbrot gibt, eine Sitte, die mir kulinarisch fragwürdig und lustig vorkommt. Meine sanft kritischen Betrachtungen würzte ich mit einer Hommage an das positive Erbe der DDR-Küche, etwa die leckere Soljanka, und dem Hinweis, dass es auch in der Westküche Fragwürdiges gibt, zum Beispiel die von vielen verehrten Dosenravioli. Das nützte aber nichts.

Die Wut, die seitdem auf verschiedensten Kanälen über mich hereinbricht, übertrifft alles, was ich kannte. Jetzt erst weiß ich die Contenance zu schätzen, mit der Feministinnen auf spöttische Bemerkungen über die Genderforschung reagieren, das sind herzensgute Frauen. Ein Herr aus Aue schrieb: "Gerne würde ich mich bei den Gebrüdern Grimm melden und den Befehl ›Knüppel aus dem Sack‹ aussprechen. Als Ziel würde ich den Autor der vor Häme triefenden Toastbrot-Kolumne nennen." Die Grenzöffnung von 1989 erscheine ihm, weil er jetzt mit Leuten wie mir in einem Land lebt, als unkluge Entscheidung der DDR-Führung. Eine Dame schreibt: "Warum hetzen Sie?" Eine andere Dame: "Ich empfinde Ihre Kolumne diffamierend, demagogisch, populistisch."

Das einigermaßen belanglose Thema und der eher freundliche Duktus des Textes einerseits und die grundsätzliche Gekränktheit, die aus etlichen Briefen spricht, stehen in einem sonderbaren Missverhältnis. Diese Gekränktheit oder auch Wut kommt mir wie eine offene Wunde vor, die auch dann schmerzt, wenn man sie nur mit einer Taubenfeder berührt, nein, die Wut sucht geradezu nach Anlässen. Da kann man es als Wessi wohl nur noch dann richtig machen, wenn man gar nichts sagt. Interessant ist, wie kundig die Briefschreiber sich aus dem Repertoire der zurzeit gängigen Vorwürfe bedienen – Hetze, Populismus, Diffamierung, Demagogie. Sie haben gut zugehört. Alles, was man nicht mag, läuft heute sowieso unter "Populismus". Wenn mir das nächste Mal im Restaurant etwas nicht schmeckt, werde ich den Kellner rufen und sagen: "Dieses Schnitzel hetzt. Ihre Apfelschorle diffamiert mich."

Das Erstaunlichste aber ist, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit nicht mehr die gleiche ist, generell, damit meine ich nicht nur Ost und West. Oder war sie es nie? Viele Briefschreiber schwören Stein und Bein, dass im Osten kein ungetoastetes Toastbrot serviert wird, nie, niemals, frei erfunden. Ich aber habe das unzählige Male erlebt, jeder Westler, den ich kenne, hat es auch erlebt, und, verdammt noch mal, es ist doch auch nichts so Furchtbares, niemand ist perfekt, ich bin es am allerwenigsten. Da muss man doch nicht Prügel androhen, du Nase aus Aue. Viele Briefe kamen aus Thüringen, dort scheinen die Toastverhältnisse tatsächlich anders zu sein. Ich war wohl zu sehr auf Brandenburg und die Ostsee fokussiert, da bitte ich um Pardon, aber jetzt werde ich natürlich in Brandenburg zur Grilletta verarbeitet, dabei mag ich Brandenburg doch, aber das nützt nichts.

In allen möglichen politischen Fragen scheint es nur noch ein "Alles oder nichts" zu geben. Entweder findest du alles toll und stimmst allem zu, oder du bist ein Feind. Den besten Kommentar zum Thema "Deutschland 2017" hat wohl schon im 19. Jahrhundert Georg Büchner verfasst, er geht ungefähr so: "Jeder Mensch ist ein Toastbrot, es schwindelt einem, wenn man hineinbeißt."

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