Matthias Platzeck Der Umarmer

Vor vier Jahren trat Matthias Platzeck aus gesundheitlichen Gründen als Ministerpräsident von Brandenburg zurück. Nun wirbt er für den Dialog mit Russland. Wenige Themen sind ähnlich explosiv – und auch in seiner Partei, der SPD, macht sich der ehemalige Bürgerrechtler damit nicht nur Freunde. Was treibt Platzeck an? Von
ZEITmagazin Nr. 46/2017

An manchen Tagen ist nicht ganz klar, worunter Matthias Platzeck mehr leidet, unter der SPD oder dem deutsch-russischen Verhältnis. An diesem Montagabend im Oktober ist es einmal nicht seine Partei. Sie hat am Vortag die Wahl in Niedersachsen gewonnen. Platzeck sitzt gut gelaunt in der Talkshow hart aber fair und verfolgt auf einem Monitor im Fernsehstudio die Nachrichten, über die SPD-Anhänger heißt es da: "Ihre Partei kann auch siegen. Sie wissen gar nicht mehr, wie sich das anfühlt." Selbst der Erfolg klingt so wieder klein. Platzeck lächelt verzagt. Es trifft ihn, wie schlecht es seiner Partei geht und wie über sie geredet wird. Mit ihm im Studio sind der Grüne Boris Palmer und der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber, deren Parteien vermutlich bald eine Koalition bilden werden. In der Sendung reden die beiden später über Flüchtlinge, die Obergrenze und sind sich oft schon sehr, sehr einig. Ab und an schaut Platzeck ein wenig irritiert zu ihnen, als könne er diese neue Allianz noch nicht ganz fassen.

"Jamaika ist überall zu Hause, nur nicht in Ostdeutschland", sagt Platzeck am nächsten Tag in einem Restaurant in Berlin-Prenzlauer Berg. Er ist jetzt 64 und sieht müde aus, er hat in der letzten Nacht nur drei Stunden geschlafen. Elf Jahre lang, von 2002 bis 2013, war er Ministerpräsident seines Heimatlandes Brandenburg und währenddessen auch einmal sechs Monate SPD-Chef. In der Zeit als Parteivorsitzender erlitt er einen Nerven- und Kreislaufzusammenbruch. Nach einem leichten Schlaganfall musste er 2013 schließlich zurücktreten. Nun ist er Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, das sich für eine Verbesserung der Beziehungen der beiden Länder einsetzt. Platzeck hat kein Parteiamt mehr und wird trotzdem in die wichtigen Talkshows dieser Republik eingeladen, Stoiber mag ihn, Palmer lobt ihn. Er sitzt in gefühlt hundert Stiftungen, Kuratorien, Beiräten und fegt von Termin zu Termin. Wer ihn in diesen Monaten begleitet, hat nicht den Eindruck, dass er sich schont, sein Verhalten gleicht eher einem steten Kampf gegen den eigenen Körper. Äußerlich wirkt er fit. Aber er müsse aufpassen, sagt Platzeck, und hin und wieder zum Arzt.

An diesem Morgen hat er sein Haus in der Uckermark verlassen, ist nach Berlin gefahren, um in der Früh Michail Schwydkoi, den Sonderbeauftragten des russischen Präsidenten für internationale kulturelle Zusammenarbeit, zu treffen. Gemeinsam sorgten sie sich darum, wie die Außenpolitik der neuen Bundesregierung gegenüber Russland aussehen wird, wenn der Außenminister vielleicht Cem Özdemir heißt. An Platzecks Namen hat sich ein seltsames Substantiv geschmiegt: "Russlandversteher". Diese Bezeichnung gibt es nur im Zusammenhang mit Russland. Im Unterton schwingt ein Vorwurf mit: Ist Platzeck naiv oder womöglich gar ein Putin-Freund? An seiner Person spiegelt sich die Ambivalenz der Deutschen gegenüber Russland wider. Auf der einen Seite wünschen sich 81 Prozent der Bevölkerung nach einer Umfrage der Körber-Stiftung ein engeres Verhältnis zu Russland, auf der anderen Seite stützt die Bundesregierung die Sanktionen der EU gegen Russland wegen der Annexion der Krim und des Krieges in der Ostukraine. Nach Platzecks Rede zur Frage "Brauchen Europa und Russland einander wirklich?", die er mit einem deutlichen Ja beantwortet, feiern ihn in diesem Frühjahr im Dresdner Schauspielhaus mehr als 800 Menschen mit Standing Ovations. Der Bild- Chef Julian Reichelt wirft ihm hingegen bei Maybrit Illner vor, Lobbyarbeit für Russland zu betreiben – "bezahlt oder unbezahlt". Platzeck wirkt wie ein Seismograf der deutsch-russischen Beziehungen. Daran, wie er gesehen wird, kann man ermessen, wie es um das Verhältnis steht. "Ich hatte selten so viel Gegenwind wie in den letzten vier Jahren", sagt Platzeck. Seit er Leiter des Deutsch-Russischen Forums ist.

Im Augenblick vereint Matthias Platzeck drei Eigenschaften, die in der Öffentlichkeit keine Begeisterung auslösen: Er ist ein ostdeutscher Mann, er ist in der SPD und setzt sich für das deutsch-russische Verhältnis ein. Warum streitet der allseits geschätzte Platzeck für etwas, wofür er kaum Beifall erntet? Sagt es etwas über Deutschland aus, wie er beurteilt wird?

An einem Junitag betritt Matthias Platzeck das Titanic-Hotel in Berlin. Er ist durchnässt, sein Haar zerzaust. Es ist der 76. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Gerade haben er und die russischen Gäste im Regen am Sowjetischen Ehrenmal in Tiergarten Kränze niedergelegt, die wurden vom Wind beinahe zerfetzt. Ein Bild mit Symbolkraft. Nun eröffnet Platzeck die "Potsdamer Begegnungen", organisiert von Platzecks Forum, um Deutsche und Russen zusammenzubringen. "Wir sind kritisch und nicht naiv, aber wir beginnen nicht jede Tagung mit all den Sünden der Russen", hatte Platzeck zuvor gesagt. Außenminister Sigmar Gabriel schickt ein Grußwort. Momentan erscheint jedes Grußwort zum Thema Russland gefährlich. Keine Meinung bleibt ohne Aufschrei, keine Äußerung ohne heftige Reaktionen. Auch Platzeck hat 2014 einen Satz gesagt, der ihn seither begleitet: "Die Annexion der Krim muss nachträglich völkerrechtlich geregelt werden, sodass sie für alle hinnehmbar ist." Für einen wie Platzeck, der stets um Ausgleich und Differenzierung bemüht ist, war das ein lauter, ein einseitiger Satz. Für viele in der Ukraine und im Westen hat er sich damit ins Abseits gerückt.

Es fällt auf, dass an der großen Tafel unter dem schweren Kronleuchter vor allem ältere Politiker und Diplomaten sitzen: Antje Vollmer, Horst Teltschik, Gernot Erler und auf der russischen Seite Michail Schwydkoi, Wladimir Grinin, der russische Botschafter in Deutschland, Leonid Dratschewski, Leiter der Gortschakow-Stiftung für öffentliche Diplomatie. Ihnen kann nicht mehr viel passieren. Platzeck sagt, es sei schwer, Nachwuchs zu finden, der sich für Russland interessiere. Er kann anschaulich erzählen, wie es früher im Präsidium seiner Partei zuging: Konferenz in Paris? Zehn Leute wollten hin. Symposium in Madrid? Fünf Leute. Seminar in Wolgograd? Alle suchten etwas in ihren Taschen und schauten schließlich zu ihm, dem Ostdeutschen. "Gibt es dort überhaupt guten Wein?", hätten manche Blicke gefragt.

Bei diesem Thema hebt sich Platzecks Stimme: "Wir waren mal die Fraktion mit dem höchsten Sachverstand in der Ostpolitik. Jetzt steht in den Lebensläufen Dublin, London, USA. Russland steht da nie." Der Westen kennt den Osten noch immer nicht besonders gut. Das Erbe des Kalten Krieges wirkt nach. Der Blick nach Osten erscheint nicht karrierefördernd, irgendwie unsexy. Platzeck sagt, er spüre das körperlich bei Veranstaltungen: "Es gibt tief sitzende Vorurteile im Westen gegenüber Russland – dunkel, kalt, ein bisschen brutal und gefährlich." Und die russische Regierung tut einiges, um diese Vorurteile zu bestätigen, das weiß auch Platzeck. Zugleich gibt es aktuell fast keine Krise, in der Russland nicht eine wichtige Rolle spielt: Syrien, Libyen, Iran, der Kampf gegen den globalen Terror.

Auf der Konferenz wirbt Platzeck für einen politischen Dialog, man müsse die Meinung der anderen aushalten. Beide Seiten bemühen sich um gegenseitige Wertschätzung. Platzeck gibt den Moderator, legt seinen Arm um Schultern, lacht viel. Irgendwann sagt einer der deutschen Teilnehmer, Russland habe gegen das Grundprinzip der europäischen Friedensordnung verstoßen, indem es Grenzen verschoben, sich die Krim einverleibt habe und die Separatisten in der Ostukraine unterstütze. Mitten in Europa wird ein Krieg geführt, der bis jetzt mehr als 10.000 Opfer gefordert hat. Muss man Russland noch härter kritisieren? Soll man aufhören, miteinander zu reden? Aber was ist dann die Alternative?

Am Ende der Tagung warten drei Journalisten in einem kleinen Raum. Platzeck sagt ihnen, dass die Sanktionen des Westens nichts gebracht hätten. Dass er sich von russischer Seite wünscht, auf die polnischen und baltischen Freunde zuzugehen und Vertrauen aufzubauen. Man müsse aber auch die Angst der Russen vor einer weiteren Nato-Erweiterung ernst nehmen. Die drei Journalisten sind von Russia Today, Rossijskaja gaseta und Sputnik. Die Potsdamer Begegnungen finden weitgehend ohne die deutsche Öffentlichkeit statt. Platzeck wird dafür angegriffen, dass er einem Propagandasender wie Russia Today ein Interview gibt. Aber was ist, wenn das die Einzigen sind, die berichten?

Russland spielt in Platzecks Leben so etwas wie die Hintergrundmelodie, mal lauter, mal leiser, aber stets präsent. Platzecks Vater kämpfte im Zweiten Weltkrieg gegen Russland, seinem besten Freund wurde neben ihm auf dem Panzer der Kopf weggeschossen. Ein Bild, das sich dem Sohn einprägte, weil der Vater detailliert davon erzählte. Matthias Platzeck ist in Potsdam aufgewachsen, um ihn herum lebten sowjetische Soldaten, die in der DDR stationiert waren. Er hatte eine Russischlehrerin, die ihn für russische Bücher und Filme begeisterte. Während seines Studiums der biomedizinischen Kybernetik war er für ein Praktikum in Leningrad. Später als Ministerpräsident wurde er Vorsitzender der Deutsch-Russischen Freundschaftsgruppe im Bundesrat. Nach seinem Rücktritt 2013 wurde ihm dann das Deutsch-Russische Forum angetragen. Es folgten die Proteste auf dem Maidan in Kiew, die russische Annexion der Krim. "Mit mir kam die Krise", witzelt Platzeck.

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