Gesellschaftskritik Über das Einschlafen

© action press
ZEITmagazin Nr. 46/2017

Während der Arbeitszeit einzuschlafen ist in Firmen nicht unbedingt gern gesehen. Wer in einer mehrstündigen Konferenz zum Thema Unternehmensleitlinien einnickt und auch nur leise schnarcht, tut sich keinen Gefallen. Besser ist es dagegen, in eine Trance mit offenen Augen zu fallen und dabei sanft zu lächeln, auch wenn diese Trance nicht dieselbe Erholungswirkung hat wie ein Tiefschlaf. Gesundheit kann nicht immer vorgehen.

Es gibt jedoch schon seit einiger Zeit Anzeichen dafür, dass der Schlaf während der Arbeitszeit einen gesellschaftlichen Wandel erfährt. Der zeitlich befristete Mittagsschlaf wird seit geschätzt zehn Jahren gelobt als eigentlich ganz toll. Und das Amtsgericht Siegburg hat in diesem Sommer einem Mann recht gegeben, der gegen seine Kündigung wegen zu langen Schlafens im Pausenraum geklagt hatte. Das Gericht bekundete: "Nicht jede Nichteinhaltung der Pausenzeit ist gleich als Arbeitszeitbetrug zu werten."

So kam es wohl, dass auch Papst Franziskus sich traute, ganz öffentlich über seine Überschreitung von Pausenzeiten zu reden. Während er bete, sagte er im YouTube-Interview eines Katholikensenders mit dem futuristischen Namen TV2000, schlafe er auch schon mal ein. Vorsorglich begründete er sein Einschlafen theologisch: Es stehe ja in einem Psalm, man solle sich beim Gebet wohlfühlen wie ein Kind im Arm eines Vaters.

Rechtlich unklar ist, ob jedes Gebet zur Arbeitszeit des Papstes gehört. Jedenfalls hat Franziskus keine Ausführungen dazu gemacht, ob es sich um ein Geschäftsgebet oder ein Privatgebet handelte, vermutlich um keinen Ärger zu kriegen.

Sich als Einschläfer zu outen, hat der Papst natürlich mit Berechnung getan: Seine Klientel, oft über 70, ist nickerchenfreundlich eingestellt, und auch die Jüngeren finden das ganz süß. Ein stiller Protest gegen das ständige Leisten und Performen. Die meisten Menschen bevorzugen jedoch, um schnell einzuschlafen, ein langweiliges Buch oder eine Weltkriegs-Doku auf Phoenix. Ob der Papst dem Beten an sich einen Gefallen getan hat, indem er es als ähnlich schlaffördernd wie Phoenix-Dokus eingestuft hat, ist unter Theologen strittig.

Kleiner Tipp für alle im Büro beim Schlafen Erwischten: einfach behaupten, man fühle sich in der Firma nun mal so wohl wie im Arm eines Vaters.

Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren