Ich habe einen Traum Kelly Clarkson

"Ein Pop-Püppchen wollte ich nie sein"
© Katharina Poblotzki
ZEITmagazin Nr. 47/2017

Ein Traum begleitete mich seit meiner Kindheit: Ich bin ein kleines Mädchen und in einem brennenden Haus eingeschlossen. Ich will gerade hinauslaufen, da höre ich ein Wimmern aus einem Schrank, laufe zurück und finde einen verschreckten Jungen, der etwas älter ist als ich. Ich will ihn aus dem Schrank ziehen, aber jedes Mal, wenn ich ihm die Hand reiche, endet der Traum abrupt.

Keine Ahnung, ob dieser Traum einen tieferen Sinn hat. Und ich habe ihn nicht mehr geträumt, seitdem ich selber Kinder habe. Wahrscheinlich ist für diesen Traum in meinem Leben kein Platz mehr. Seitdem ich Mutter geworden bin, quälen mich andere Albträume. Da stürzen meine Kinder Treppen hinunter und ähnlich furchtbare Dinge. Oft leide ich wegen dieser Träume sehr. Ich wache dann immer wieder schweißgebadet mitten in der Nacht auf und bin froh, dass ich das alles nur geträumt habe. Aber vermutlich geht das den meisten Eltern so.

Ich habe eine blühende Fantasie, und auch in meinen Tagträumen male ich mir die wildesten Dinge aus, die meinen Kindern zustoßen könnten. Ich flippe also ständig aus, was vermutlich mehr über mich aussagt als über das Wesen meiner Träume.

Als Kind war ich oft geistig abwesend und tief in meinen Gedanken versunken. Um in der Musikbranche Erfolg zu haben, muss man auch an seine Träume glauben. Was das angeht, waren meine Träume immer sehr mächtig. Als kleines Mädchen wollte ich so singen können wie Aretha Franklin. In der Schule bin ich dann erstmals mit meiner Stimme aufgefallen.

Davon, dass ich mal ein Popstar sein könnte, habe ich aber tatsächlich nie geträumt. Ich fand mich dafür eigentlich zu klein. Außerdem halte ich es für Zeitverschwendung, mich mit meiner Frisur und meinem Make-up zu beschäftigen. Ich trage auch gern Trainingsanzüge, nur zum Trainieren habe ich keine Lust. Ich bin ein Jeans-und-T-Shirt-Girl – ein Pop-Püppchen wollte ich nie sein. Mein Ehrgeiz beschränkte sich tatsächlich darauf, als Backgroundsängerin Erfolg zu haben und im Schatten anderer Sänger die Welt zu sehen.

Als ich nach Los Angeles zog, fühlte sich das für mich zuerst wie ein Albtraum an. Da sagten mir irgendwelche Manager, dass ich Leadsängerin werden sollte, aber dafür etwas an meinem Gesicht, meiner Kleidung und meinem Repertoire ändern müsse. Das ging so weit, dass ich sie fragte, ob es überhaupt irgendetwas gebe, was sie an mir in Ordnung fänden. Aber dann bewarb ich mich bei American Idol, und dadurch kam Bewegung in meine Karriere. Denn da ging es wirklich nur darum, ob man singen kann oder nicht. Wenn ich heutzutage vor die Tür gehe, trage ich immer noch Trainingsanzüge und kein Make-up. Das führt dazu, dass ich selten erkannt werde. Und das ist für mich ein Traum.

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