Die großen Fragen der Liebe Muss sie den abwesenden Vater verteidigen?

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ZEITmagazin Nr. 47/2017

Die Frage: Solange David klein war, fragte er nicht weiter, warum sein Vater Moritz so selten auftauchte. Später freute er sich über die Geschenke und wollte von seiner Mutter Sonja wissen, wann denn Papa wieder einmal komme. David weiß nicht, dass Moritz ihn eigentlich nicht wollte. Moritz hatte bereits zwei Kinder aus einer geschiedenen Ehe und trennte sich von Sonja, als sie schwanger wurde. Er zahlt pünktlich das Minimum an Unterhalt und ist freundlich zu David, weicht aber weiteren Verpflichtungen aus. Solange Sonja ihm das nachsieht, bekommt David wenig Zuwendung; wenn sie ihn kritisiert, wird es noch weniger. Sie ist es leid, Moritz’ Ausreden mitzutragen – viel Arbeit, viele Reisen. Aber darf sie aufhören, Moritz zu verteidigen? David braucht doch einen Vater!

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Der Gedanke, dass Kinder ein ihnen und einander zärtlich zugetanes Paar benötigen, um gut aufzuwachsen, ist ein Produkt romantischer Ideale jüngeren Datums. Es reicht, wenn Sonja Moritz nicht schlechtmacht und David darin unterstützt, sich seine eigene Meinung über den Vater zu bilden. Dazu gehört auch, ihm taktvoll zu erzählen, dass Moritz bereits eine Familie hat und sie sich ein Kind wünschte, er aber nicht. Es wird noch einige Zeit dauern, bis David den vollen Umfang der Krise zwischen seiner Mutter und seinem Vater begreift, aber solange ihn Sonja darin fördert, seine Gefühle ernst zu nehmen und seine eigenen Urteile zu finden, bringt er alles mit, um sich mit Moritz auseinanderzusetzen. In welchem Umfang das möglich wird, ist nicht Sonjas Sache, sondern die von Moritz und David.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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