Stil Übers Knie gelegt

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 47/2017

Mit Overknee-Stiefeln gibt es ein Problem, spätestens seit Julia Roberts damit als Prostituierte Vivian durch den Film Pretty Woman lief. Viele Männer glauben, Stiefel, die bis zu den Oberschenkeln reichen, seien für Sexarbeiterinnen bestimmt oder gehörten irgendwie zur Fetisch-Mode. Schlimmstenfalls nehmen sie an, dass Frauen mit so einem Outfit eine gewisse Botschaft senden möchten. An wen wohl? Natürlich an die sie anstierenden Herren. Es ist interessant, dass dieses Denkmodell offenbar noch in vielen Köpfen vorherrscht: Eine Frau zieht sich auffordernd an, weil sie möglichst von Fremden angesprochen werden will. In diesem Fall mit der Bemerkung, wie aufregend ihre Stiefel doch seien. Als ob wir in Zeiten lebten, in denen es keine anderen Möglichkeiten gäbe, jemanden kennenzulernen, als sich in einer Bar anquatschen zu lassen. Hier gilt es, mögliche Missverständnisse auszuräumen, ansonsten drohen viele unangenehme Begegnungen. Denn in diesem Herbst gibt es so viele Overknees wie selten zu sehen.

Bei Louis Vuitton, Dior und Nina Ricci sind es eher klassische, unterschiedlich weit geschnittene Stiefel, die auf Kniehöhe oder knapp darüber enden. Balenciaga und Givenchy bieten Stiefel aus elastischen Synthetikstoffen. Bei Balenciaga reichen sie weit die Oberschenkel hinauf, bei Givenchy sind sie eng wie eine zweite Haut. Isabel Marant hat maskuline, weit geschnittene Stiefel im Western-Style aus dickem Leder mit Blumenprägung entworfen. Rick Owens verbindet den Wildlederschaft von Overknee-Stiefeln mit Sneakern, Y/Project bietet gewaltige, an Motorradbekleidung erinnernde Overknees an, die weit von den Beinen der Trägerin abstehen.

Overknee-Stiefel sind keineswegs als besonders feminin zu betrachten, ursprünglich galten sie sogar als eher männlich. Im 15. Jahrhundert begannen Männer sie als Reitstiefel zu tragen, da sie unter dem modisch gewordenen Wams nur dünne Socken anhatten und die Beine somit zusätzlich bedeckt werden mussten. Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelte sich der Overknee-Stiefel zum Frauenschuh, allerdings unter besonderen Vorzeichen: Ihn trugen Frauen, denen es darauf ankam, sich ein maskulines Symbol anzueignen. Theater-Schauspielerinnen beispielsweise, wenn sie in die Rollen junger Männer schlüpften. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts inszenierten Designer wie René Mancini für Balenciaga oder Roger Vivier für Saint Laurent den Overknee-Stiefel als Teil einer Frauenmode, die im Kontrast zu Christian Diors femininem New Look stehen sollte. Mit alldem haben Overknees zu tun. Nur nichts mit dienstbaren Frauen.

Foto: Peter Langer / Overknee-Stiefel von Saint Laurent

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