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Das war meine Rettung "Mich verletzt Unehrlichkeit"

Renate Künast bekommt anonyme Hassmails. Am schlimmsten findet sie aber Beleidigungen aus ihrem Umfeld. Von
ZEITmagazin Nr. 47/2017

ZEITmagazin: Frau Künast, neulich schrieb Ihnen jemand: "Wenn ich nicht bestraft werden würde, würde ich Sie töten." Wie gehen Sie mit solchen Hassmails um?

Renate Künast: Ich habe mir die Haltung erarbeitet, mich unabhängiger zu machen von der Beurteilung anderer. Das heißt nicht, dass ich davon gänzlich frei bin. Ich bin im Innersten meines Herzens klein und schüchtern. Die Leute sagen meist: Aber das kann doch nicht sein!

ZEITmagazin: Wie bekommen Sie diesen Spagat zwischen schüchtern im Herzen und hart in der Politik hin?

Künast: Mein Vater ist auf einem Bauernhof in Thüringen groß geworden, wo Züchtigung als Erziehungsmaßnahme gang und gäbe war. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist er nach Düsseldorf umgezogen. Meine Mutter kam aus Recklinghausen. Wir waren vier Kinder, und das Geld war knapp. Realschule, gar Abitur, das war kein Thema. Mein Vater sagte nur: Das Mädchen heiratet doch, und damit war alles gesagt. Mein Vater hat als Fahrer für einen Unternehmer gearbeitet. Ab und zu bekam er von seinem Chef Wild geschenkt, was wir als Kinder gar nicht mochten. Mein Vater erzählte immer, wie toll das schmeckt. Wir Kinder guckten indigniert, und irgendwann brach es aus mir heraus: Wenn das so eine Delikatesse ist, warum verschenken sie es dann und essen es nicht selber? Der Satz war noch nicht ganz raus, ich war selber beeindruckt, da hatte ich eine Ohrfeige sitzen. Mir ist die Dankbarkeit meines Vaters auf den Senkel gegangen. Manchmal denke ich, so hat es angefangen. Missstände will ich ansprechen.

ZEITmagazin: Sie waren als Erste aus der ganzen Verwandtschaft auf der Fachoberschule. Haben Sie das aus eigener Kraft geschafft?

Künast: Ich habe Glück gehabt, dass aus mir eine selbstbewusste Person geworden ist. Es hätte auch sein können, dass ich am Ende alles, was mein Vater sagt, verinnerliche. Meine Grundschullehrerin war die Erste, die an mich geglaubt hat, und sie hat mir geholfen, dass ich auf die Realschule gehen konnte. Dafür habe ich gekämpft und bin überzeugt: Kinder brauchen positive Bezugspersonen. Später habe ich Sozialarbeit studiert, in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel gearbeitet und 1985 das Jura-Studium in Berlin abgeschlossen. Da war mein Vater der Stolzeste. Menschen, die mir ihre Wertschätzung gezeigt haben, waren für meinen Mut ungeheuer wichtig. Sie gaben mir Antrieb, mich weiterzuentwickeln, sodass mich abwertende Aussagen oder sogar Hassmails heute nicht mehr erschüttern.

ZEITmagazin: Sie scheuen nicht die Auseinandersetzung, noch nicht einmal mit Personen, die Sie im Internet beschimpfen und die Sie besucht haben. Warum?

Künast: Jeder Mensch hat das Bedürfnis, halbwegs respektvoll von anderen behandelt zu werden. Es hat für mich Sinn gemacht, mal zu gucken: Wer ist das? Mir war klar, dass ich dabei aufpassen muss. Wir haben einen Hassbrief-Schreiber in der Uckermark besucht, und meine Begleitung hat das Auto gleich in die Gegenrichtung geparkt, damit wir nicht noch wenden müssen, wenn es Ärger gibt. Am Ende kam es ganz anders, und wir saßen auf der Terrasse beim Kaffee.

ZEITmagazin: Auch in der eigenen Partei kann es hart zugehen. Sie haben mal gesagt: "Schwierig wird es, wenn die eigenen Leute eine Niederlage gegen dich funktionalisieren." Wie meinen Sie das?

Künast: Von den Rechten angegriffen zu werden, von Personen, mit denen man überhaupt nichts zu tun hat, das ist das eine. Ich habe aber erlebt, wie hart es auch innerhalb einer Partei zugehen kann, so wie nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2011. Da gab es schon Angriffe, wo ich mal Luft holen und auch auf mich selber aufpassen musste. Ich habe das teilweise als Hass empfunden. Als ich die Bürgermeisterwahl verloren hatte, haben Leute in meiner Partei, die weiterkommen wollten oder mit mir nicht zufrieden waren, das ausgenutzt. Das war eigentlich das Schlimmste: Bekannte Gesichter, die die Unwahrheit sagen, wo du merkst, dass sie andere gegen dich in Stellung bringen. Man sagt zwar Parteifreund, aber man lernt, dass eben nur eine begrenzte Zahl wirkliche Freunde sind.

ZEITmagazin: Wie schaffen Sie es, die Dinge nicht an sich heranzulassen?

Künast: Mich verletzt Unehrlichkeit, darauf kannst du dich auch am schlechtesten vorbereiten. Und du denkst: Mit wem sitzt du jetzt eigentlich am Tisch? In solchen Situationen fühlst du dich schon alleingelassen. Du musst dann wieder dahin kommen, zu überlegen: Was ist eigentlich das Wichtigste im Leben? Man muss dann so etwas wie eine Reset-Taste drücken, um den Kopf frei zu haben. Da hilft laufen, Fahrrad fahren, an der Ostsee entlang, den frischen Wind um den Kopf wehen lassen oder Shiatsu, eben einfach nur einatmen und ausatmen.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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