Harald Martenstein Über die Schauspielkunst

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ZEITmagazin Nr. 48/2017

Als Kolumnist muss man über alles Mögliche schreiben, manchmal sogar über Wolken. Wenn man sich an den Schreibtisch setzt, lautet der erste Gedanke meistens: "Ich weiß auch nicht." Als Profi legt man trotzdem los, manchmal kommt ja etwas dabei heraus.

Dem gängigen Vorwurf "Sie haben keine Ahnung!" kann ich aus tiefstem Herzen zustimmen. Andererseits: Wer hat schon wirklich eine Ahnung? Die Leute, die behaupten, sie hätten eine, wissen am allerwenigsten. Je mehr man über irgendwas weiß, desto besser ist man nämlich über den riesigen Umfang der eigenen Wissenslücken informiert, das weiß ich genau.

Vor Jahren hatte ich mal eine tragende Rolle in einem afrikanischen Low-Budget-Historienfilm. Ich war einer von zwei deutschen Missionaren im Dschungel von Ghana, Kolonialzeit. Der ghanaische Regisseur sagte, dass echte weiße Schauspieler ihm zu teuer sind. Wir Missionare waren die Guten. Wir sollten ein Dorf von der Herrschaft eines bösen Medizinmanns befreien und die Bewohner zum Christentum bekehren. "Was sind typische deutsche Namen?", fragte der Regisseur. Wir sahen uns kurz an, dann antworteten wir: "Müller zum Beispiel. Und Beckenbauer." Der Regisseur war begeistert, er sagte: "Na klar! Da hätte ich selber drauf kommen müssen." Also waren wir Müller und Beckenbauer. Ich war Beckenbauer.

Die schwarzen Schauspieler und die Statisten trugen Baströckchen, die Statisten waren Studenten und Professoren aus der Hauptstadt. Ich fragte sie, ob sie die Baströckchen nicht bescheuert finden. Sie antworteten, dass es halt ein historischer Stoff sei und dass Kunst manchmal wehtut. Höhepunkt der Handlung war ein Gottesdienst in der Dschungelkirche. Beckenbauer sollte deutsch und lateinisch predigen, sehr eindringlich, damit die Macht des Medizinmanns gebrochen wird. Ich kann mich nur noch an Beckenbauers Schlusswort erinnern: "Kruzifix und Halleluja!" Das Schwierigste waren die Insekten, die alle partout nur Weiße stechen wollten. Autan wirkt in Afrika nicht. Während der Predigt habe ich mich mehrfach bekreuzigt, um mich unauffällig an den juckenden Stellen zu kratzen. Die zweite Rolle war dann schon an der Seite von Mario Adorf.

Ich spielte einen Sensationsreporter, Adorf einen alten Star, der mit einer jungen Frau angebandelt hat, gespielt von Fritzi Haberlandt. Ich musste ihn aufdringlich fragen, ob an den Gerüchten über diese Affäre was dran sei. Die zwei oder drei Sätze habe ich tagelang geübt. Dann trat Mario Adorf auf, und die Sätze waren komplett weg. Adorf schaute mich intensiv an, mehr nicht, und die Sätze waren wie durch Zauberei wieder da. Mario Adorf ist eine Art Gott, für mich zumindest.

Jetzt habe ich unter der Regie von Detlev Buck den Herausgeber eines Lifestyle-Magazins gespielt. Das Darstellerpanorama reicht von Frederick Lau über Judy Winter bis zu Kida Ramadan. Ich wollte den Herausgeber, der ziemlich fies ist, ein bisschen so anlegen wie Jack Nicholson in Shining. Aber als ich die ersten Bilder sah, wurde mir klar, dass ich eher wie Otto der Außerfriesische rüberkomme.

Buck erzählte, dass auch der von mir hochgeschätzte Autor Ferdinand von Schirach zum Cast gehört. Schirach habe sich seine Szene selbst geschrieben. Er spielt einen Herrn, der mit seinem Dackel Gassi geht. Der Dackel schaut sein Herrchen fragend an, Schirach erwidert den Blick und sagt: "Ich weiß auch nicht." Ich sagte: "Wow, der wahrste Satz der deutschen Kulturgeschichte." Buck machte ein Pokerface und sagte: "Das wird ein Frauenfilm."

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Kommentare

6 Kommentare Kommentieren

ad #1: Liebe Redaktion, das war eine fiktive, ausschließlich satirisch angelegte Rede, die dem Kolumnisten als beckenbauerischem "Missionar" in einem Film von beachtlicher Kuriosität in den Mund gelegt worden ist. Ganz und gar nicht war dieser Text "Kritik" - ach was, eine Hommage an den begnadeten Nebendarsteller Martenstein, der mit sichtlichem Vergnügen und liebenswerter Selbstkritik sich seiner kinematographischen Auftritte erinnert hat. "Schauspielkunst" in glossierender Memoria ... Könnten Sie sich dazu hinreißen lassen, den Text wiederherzustellen?! Auf sonstige Bußleistungen Ihrerseits will ich gern verzichten. Wenn aber nicht, werde ich mir erlauben, diese latein-deutsche cäsaropapistische Missionspredigt dem Autor zuzuschicken. Es ist mir ein steter Greuel, daß diese Kolumne so wenig Resonanz in der Kommentarspalte findet. (Sollte der Autor allerdings der Ansicht sein, der Ritter von der traurigen Gestalt ginge ihm auf den Sack, dann würde ich darüber in mich gehen - und dennoch weiter kommentieren).