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Das war meine Rettung "Zuletzt habe ich Porsches gewaschen"

Samuel Finzi arbeitete in Berlin als Autowäscher und stand kurz davor, seine Schauspielkarriere aufzugeben. Von
ZEITmagazin Nr. 48/2017

ZEITmagazin: Herr Finzi, Sie haben mal gesagt: "Sobald man versucht, mich in ein System zu stecken, breche ich aus." Woher kommt dieser Drang?

Samuel Finzi: Wahrscheinlich aus meiner Kindheit. Meine Eltern haben oft zu mir gesagt: Willst du etwa wie alle anderen sein? Das war die größte Beleidigung. Vielleicht habe ich deshalb nicht immer den einfachsten Weg gesucht.

ZEITmagazin: Ihr Vater war in Sofia Schauspieler, Ihre Mutter Pianistin. Sind Sie sehr frei aufgewachsen?

Finzi: Kinder sind eh frei. Aber ich bin nicht gemaßregelt worden. Meine Eltern haben mich zu nichts gezwungen. Ich habe zum Beispiel das Klavierspielen aufgegeben, weil ich keine Lust mehr hatte, obwohl ich ganz begabt war. Meine Eltern haben das akzeptiert. Vielleicht wäre ich sonst heute Pianist.

ZEITmagazin: Aber Sie wollten lieber Schauspieler werden?

Finzi: Ich wollte an der Akademie für Theater- und Filmkunst in Sofia Filmregie studieren. Aber das Fach wurde in dem Jahr, als ich anfangen wollte, nicht angeboten. Also habe ich Schauspiel studiert, das war ein Teil des Regiestudiums, und ich dachte: Dann habe ich das schon mal.

ZEITmagazin: Wie fand Ihr Vater Ihre Wahl?

Finzi: Er hat sich Sorgen gemacht, jahrelang. Bis Die Perser vor zehn Jahren zur besten deutschen Inszenierung des Jahres gewählt wurde und ich auf dem Cover von Theater heute landete. Da war er beruhigt.

ZEITmagazin: Sie haben ihm aber auch Anlass zur Sorge gegeben: Als 23-Jähriger verließen Sie Ihre Heimat Bulgarien, um es als Schauspieler in Deutschland zu versuchen. Ganz schön mutig.

Finzi: In dem Alter macht man Dinge einfach. Egal ob sie laufen oder nicht. Man hat ja Zeit.

ZEITmagazin: Warum Deutschland?

Finzi: Ein bulgarischer Theatermacher, der hier arbeitete, schlug mir vor, bei einem Projekt mitzumachen. Er fragte mich, ob ich schnell Deutsch lernen könne, und ich sagte Ja. Ich hatte gesehen, wie man in Deutschland arbeitet, und das hat mich gereizt. Ich suchte damals etwas, das meine volle Konzentration forderte. Es war anfangs sehr schwer. Sprache ist ein elementarer Bestandteil des Schauspielers. Ich habe mich gefühlt wie ein Kind, das sprechen lernt. Und genau wie ein Kind habe ich damit gehadert, dass ich das, was in mir drin war, nicht artikulieren konnte. Bis es irgendwann ganz plötzlich passierte.

ZEITmagazin: Wie ging es nach Ihrem ersten Engagement weiter?

Finzi: Ich war arbeitslos, ziemlich lange, ungefähr ein Jahr. Ich kannte kaum jemanden und wusste nicht, wie ich mich bei einem Theater vorstellen sollte. Ich war kurz davor, meine Koffer zu packen, weil ich keinen Sinn darin sah, in Berlin irgendwelche Jobs zu machen, um zu überleben.

ZEITmagazin: Was für Jobs waren das denn?

Finzi: Alles Mögliche. Auf dem Bau. Als Kurier. Pfleger. Treppenreiniger. Zuletzt habe ich Porsches gewaschen, bevor sie nach einer Reparatur dem Kunden zurückgegeben wurden. Das war 1992. Kurz davor hatte ich den Regisseur Dimiter Gotscheff kontaktiert. Das änderte dann alles.

ZEITmagazin: Gotscheff stammte aus Bulgarien, kannten Sie sich von dort?

Finzi: Mein Vater kannte ihn vom Theater. Sie haben sich sehr gemocht, aber nie zusammengearbeitet.

ZEITmagazin: Wie haben Sie ihn kontaktiert?

Finzi: Ehrlich gesagt, war es meine Mutter, die ihn ansprach. Sie traf ihn in Bulgarien und erzählte ihm von mir. Er rief mich an und gab mir eine kleine Rolle. Unsere zweite Arbeit war dann schon Die Möwe in Köln, wo ich den Kostja spielte.

ZEITmagazin: Sie haben 20 Jahre lang zusammengearbeitet. Gibt es so eine Symbiose nur einmal im Leben?

Finzi: Ich habe das Glück, dass mir das überhaupt passiert ist. Und es ist ein großes Glück, jemanden zu finden, der einem das Gefühl gibt, dass es wichtig ist, was man macht. Dass man Teil einer Bewegung ist, die über eine Inszenierung hinausgeht. Es ist ein gemeinsamer Weg. Und er als Anführer sagte immer: Ich kann nur davon leben, was die Schauspieler mir geben. Er war Teil der Meute, das war für ihn lebensnotwendig. Oder, wie er sagte: "extenziell". Das Wort existenziell war ihm zu schwierig.

ZEITmagazin: Gotscheff starb 2013. Was fehlt Ihnen seitdem?

Finzi: Er war ein sehr warmer Mensch. Das fehlt. Und es fehlt so eine Konzentration, für mich persönlich und für das Theater. Er selbst sagte oft bei der Arbeit: Da ist ein Loch. Und jetzt ist da ein Loch, seit er weg ist. Letzte Woche habe ich von ihm geträumt. Wir haben zusammengearbeitet. Das war sehr schön.

Das Gespräch führte Anna Kemper. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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