Armut in Großbritannien Harter Brexit

© Tobias Kruse
Jaywick ist offiziell der ärmste Ort Großbritanniens. Wenn man sich mit den Bewohnern unterhält, hört man Geschichten von Verwahrlosung und Gewalt. Aber auch die Hoffnung, dass es ohne Europa besser wird. Von
ZEITmagazin Nr. 49/2017

Am Ortseingang des elendsten Städtchens von England, Jaywick, steht ein großer Mann und filmt mit seinem Handy ein kleines Haus. Danny Sloggett hält sein Telefon hierzu am ausgestreckten Arm, was ein bisschen so aussieht, als müsse er das Gerät von sich wegdrücken wie ein Tier, das ihn anfallen will. Das ist Geschichte! Super Design!, kommentiert Danny seine Aufnahme, dabei ist das Haus wirklich kein Palazzo, sondern ein eingeschossiger brauner, trister Bau, der ebenso unauffällig aussieht wie die Nachbarhäuser. Das Haus steht zum Verkauf.

I’m the news of Jaywick, sagt Danny Sloggett über sich. Jeder hier in Jaywick kennt ihn und seinen YouTube-Kanal, Sloggett Vision, für den er zu dem Haus gefahren ist, denn hier, erklärt Danny seinen Zuschauern, habe einst Frank Stedman gesessen, the man himself, aus diesem Haus heraus hätten Stedman und seine Sekretärin in den zwanziger Jahren die ersten Baugründe von Jaywick vertickt. Also das hier, sagt Danny Sloggett, wobei er immer eher schreit als spricht, das ist, wo alles begann. Der Traum von Jaywick!

Traum von Jaywick, na, eher ein Albtraum, zumindest wenn man die Statistik der britischen Regierung konsultiert. Der zufolge ist das 5.000-Seelen-Örtchen die heruntergekommenste Kommune des Landes, Platz 32 844 im Armutsindex, das ist der letzte, und Jaywick steht schon zum zweiten Mal dort, erst 2010, 2015 dann wieder. Jaywick wurde deswegen berühmt. Klingt auch verrückt: Der desolateste Ort soll ein Badestädtchen an der Küste von Essex sein? Nicht irgendein Stadtteil im 130 Kilometer entfernten London oder ein Vorort im industrieverwüsteten Norden, bei Manchester oder so?

Regelmäßig kommen seither die Boulevardzeitungen vorbei, fahren in den Westen von Jaywick, in jenen erbärmlichsten Ortsteil namens Sands, fotografieren die verfallenden Geschäfte, die abgefackelte Pension Mermaid Inn, die Straßen, die eher Pisten sind aus Matsch und Dreck. Der Privatfernsehsender Channel 5 hat gleich eine ganze Serie über Jaywick gemacht, Benefits by the Sea, zu Deutsch "Sozialhilfe am Meer", in unendlichen Folgen und Weihnachtsspecials wird sie immer wieder ausgestrahlt und zeigt die größten Verlierer des Städtchens, die Großfamilien und Säufer und Junkies. Die Bewohner des Stadtteils Tudor, des wohlhabendsten Teils von Jaywick, behaupten manchmal, ihre Häuser gehörten zur Nachbarstadt Clacton. Sie schämen sich, das ganze Land denkt ja, dass in Jaywick nur Asoziale wohnen.

Deswegen ist das Städtchen natürlich einen genaueren Blick wert. Vielleicht kann man dort noch was über die Gründe lernen, aus denen sich die Briten vor etwas mehr als einem Jahr dazu entschlossen haben, die Europäische Union zu verlassen, um seither von einem politischen Schlamassel in den nächsten zu stolpern. Für den Brexit haben in England nämlich vor allem die ärmeren Teile der Bevölkerung gestimmt – in Jaywick waren tatsächlich 70 Prozent dafür. Die schwierige soziale Lage in dem Städtchen ist auch weit weniger die Ausnahme, als dem Land lieb sein kann. Jaywicks Armut ist kein Sonderfall. In den Jahren 2007 bis 2016 lag das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in Großbritannien bei 0,025 Prozent im Jahr. Die Wirtschaft wuchs damit weniger als die von Japan in dessen berühmter "verlorener Dekade" der Neunziger. Die Reallöhne sind seit Beginn der Finanzkrise um zehn Prozent gesunken, damit markiert Großbritannien das Schlusslicht der OECD-Länder – zusammen mit Griechenland. Eine Antwort der britischen Regierung auf die Krise waren drastische Kürzungen der Sozialleistungen. Einige der Folgen kann man in Jaywick beobachten.

Erste Fahrt also in den Ort hinein, über sumpfiges Weideland und schmale, heckengesäumte Straßen. Hier in der Gegend wurde mal ein Speer aus der Altsteinzeit gefunden, das älteste Artefakt der Britischen Inseln überhaupt, ausgerechnet in dieser Region begann also die Geschichte Englands. Dann kommt Jaywick, und erst einmal denkt man, was regen sich denn alle so auf? Man fährt durch den Teil, den sie hier Village nennen, und es gibt immerhin einen Imbiss und das Pub Never Say Die und das Pub The Sheldrake und einen kleinen Lebensmittelladen, dazwischen nette Häuschen. Am Kreisverkehr sieht man linker Hand auch zum ersten Mal den Strand, der richtig schön ist, Sand, Dünengras und raue Nordsee, wir biegen allerdings rechts ab, denn wir sind verabredet mit Danny Sloggett, der in diesem Teil von Jaywick lebt. Erste Ahnung, wieso Jaywick als so heruntergekommen gilt: Dannys Straße besteht aus Schlaglöchern, viele der Häuschen hier verfallen, die Gärten sind verwildert, ein paar Autowracks stehen im hohen Gras. Dannys eigenes Haus ist unfassbar, so eine Art Weihnachtsmarktbude oder Lebkuchenhäuschen, holzverkleidet, er hat die ganze Fassade mit allem möglichen Schrott behängt, Windräder, rostendes Metall, Plakate, auf dem Dach flattert ein riesiger aufblasbarer Schneemann im Wind. Klopfen, klingeln, nichts rührt sich, die Verabredung platzt – wie sich später herausstellt, ist Danny zwar zu Hause, schläft aber tief.

Wir fahren also alleine weiter in den Stadtteil Sands, wo sich Jaywicks Tristesse in voller Pracht entfaltet. Am Strand entlang verläuft hier eine braune Mauer, die vor dem flutenden Meer schützen soll, aber auch den Blick verbaut. Der Mauer folgt die Hauptstraße Brooklands, von der in regelmäßigen Abständen winzige Seitenstraßen abgehen. Die Kommune hat sie im vergangenen Jahr neu asphaltiert, sie sehen jetzt sehr ordentlich aus, nicht mehr wie zuvor wie Schlammpisten in einem mittelalterlichen Dorf, aber sie sind wirklich extrem eng, und die Minihäuser, die an ihnen entlang gebaut sind, stehen so nah beieinander, dass sich manche Nachbarn durch die offenen Fenster die Hand reichen können. Häuser ist auch großzügig ausgedrückt, in Sands gibt es jedenfalls eine Menge Ein-Zimmer-Häuser, Wohnraum maximal 20 Quadratmeter. Ein paar der Gebäude sind aus Holz, andere gemauert, einige wurden vor ein paar Jahren von der Regierung mit trostlos graubraunen Iso-Platten beklebt, gegen die Kälte. Fast überall liegt Müll im Vorgarten, rostige Waschmaschinen, Baumaterial. An einigen Stellen eingezäuntes Brachland, im hohen Gras Plastik, Kloschüsseln und Hundescheiße. Ein Basketballplatz, verlassen, ist das einzige Freizeitangebot in Sands.

Parallel zur Brooklands führen winzige Gässchen von Seitenstraße zu Seitenstraße, auf denen spazieren ständig Jungs, Kapuze tief ins Gesicht gezogen, die laufen in Häuser hinein und wieder heraus, haben offenbar was abzugeben oder abzuholen, Drogen, flüstern ältere Anwohner, Gras, Speed und Koks. Die Jungs reden natürlich nicht. Der Wind pfeift, es nieselt.

Jaywick-Sands ist so eine Art postapokalyptisches Feriendorf. Von 1800 bis etwa zum Zweiten Weltkrieg wurden sogenannte Plotlands geschaffen: Sehr kleine Parzellen wurden zu einem kleinen Preis an Leute mit ein bisschen Geld verkauft, inklusive Baurecht. In den 1920ern begriff der Geschäftsmann Frank Stedman – der aus dem Haus am Ortseingang –, dass es viele Londoner Kleinbürger in den Ferien in das Badestädtchen Clacton-on-Sea zog, und so kaufte er westlich von Clacton Land, verscherbelte es in kleinen Portionen als Plotlands, und bald wuchs da eine kleine Siedlung aus Ferienhäuschen der Londoner middle class: Jaywick, jener Teil, der heute Sands ist. Stedman legte nun Straßen an, Brooklands und die Seitenstraßen, jede nach einem berühmten englischen Autobauer benannt, damals gab es in England ja auch noch viele davon, Wolseley, Talbot, Swift, Morris, Bentley, Vauxhall, das war eine andere Zeit, vor dem Kahlschlag der britischen Industrie, vor Thatchers Privatisierungsfuror, in dessen Folge viele ehemals staatliche Unternehmen dichtmachen mussten.

Sands wuchs, bald entstand das Village, dann Tudor. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Jaywick ein florierendes kleines Badestädtchen, alte Fotos zeigen Wimpel im Wind und lachende Badende und Buden. Einmal in der Woche legte ein Dampfer aus Frankreich an, für Gäste vom Festland, und es gab eine Schmalspureisenbahn und abends Tanzvergnügen. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber zogen viele Londoner, arbeits- oder obdachlos geworden durch den Krieg, permanent in die bloß für die Sommerfrische gedachten Strandhäuschen. Damals gab es noch nicht mal eine vernünftige Kanalisation, die kam erst 1977, man musste also schon bescheiden sein, um das ganze Jahr über in Jaywick leben zu wollen, oder halt arm. Aus den Strandhütten entwickelte sich eine Wohngegend. Die Kreisverwaltung war zwar dagegen, versuchte sogar ein paarmal, die Leute aus den Häuschen zu vertreiben und Jaywick platt zu walzen, aber die Anwohner wehrten sich erfolgreich. Weiter runter ging es mit dem Ort in den Siebzigern, weil der Tourismus zusammenbrach. Auslandsreisen wurden ja immer billiger. Als Mitte der Achtziger auch noch das Butlin’s schloss, ein riesiges Resort zwischen Clacton und Jaywick, verschwanden die letzten Jobs, und Jaywick war hinüber.

Zweiter Versuch bei Danny Sloggett, das ist ein wichtiger Mann hier. Jeder, mit dem man in Jaywick spricht, fragt einen irgendwann: Hast du schon mit Danny geredet? Danny kann man offenbar irgendwie von Jaywick gar nicht trennen, er lebt hier seit seinem 13. Lebensjahr. Danny kennt alle, und alle kennen Danny. Dieses Mal macht er auch die Tür auf. Handschlag wie ein Bär, elektrisiertes Grinsen. Unfassbarer Typ, riesig, Statur wie ein Türsteher, mit dem Burberry-Shirt, der Goldkette und den Adidas-Gazelle-Schuhen sieht er aus wie ein Roadie der Band Oasis. Wir werden hereingebeten. Dannys Haus ist von innen mindestens so eigenartig wie von außen. Sehr duster, die Wände mit Zeitungsschnipseln und Fotos zugekleistert, in einer Ecke ein gigantischer Fischtank, so trübe, dass man erschrickt, wenn die fetten Fische am Glas entlangstreichen. Auf dem Sofa sabbernd Floyd, Dannys stinkende Bulldogge.

In den vielen Stunden, die wir mit Danny verbringen werden, kommt nach und nach heraus: Sein Vater, ein Bauarbeiter, war früher der Anführer eines Bikerclubs, eines von der unangenehmen, stressmachenden Art. Dannys Vater hat viele Kinder mit vielen Frauen. Als Danny etwa zwölf Jahre alt war, bekam seine Mutter Krebs. Er wurde sehr wütend und schwer kontrollierbar und musste für ein Jahr in eine Art Heim. Dann starb seine Mutter, und Danny geriet auf die schiefe Bahn, Diebstahl und so. Am Ende war Danny achtmal im Knast, jedes Mal wegen Auto- und Motorradfahren ohne Führerschein.

Danny sagt immer Shine on, ständig, zu allem und jedem, als Begrüßung, als Abschied, als Lob, als allgemeinen Ausdruck der Freude: Shine on, und manchmal wirft er dann noch eine Kusshand. Shine on ist aus einem Pink-Floyd-Song, Shine On You Crazy Diamond, vom Album Wish You Were Here, das 1975 erschien, in Dannys Geburtsjahr, und Pink Floyd, sagt Danny, ist seine Lieblingsband und war die Lieblingsband seiner Mutter.

Um seinen 25. Geburtstag herum, sagt Danny, als seine erste Tochter geboren wurde, habe er begriffen, dass das Leben keine Generalprobe sei, und beschlossen, ein anderer zu werden. Er lernte Maurer, baute in Jaywick mit eigenen Händen drei Häuser. Heute vermietet er zwei, das dritte bewohnt er mit seiner Freundin und seinen beiden Töchtern, wenn die nicht gerade bei ihren Müttern sind. Zwei Häuser noch, träumt Danny, zwei weitere Häuser in Jaywick will er noch besitzen und vermieten, dann will er die Welt bereisen. Sozialhilfe, schwört er, habe er nie bezogen, wolle er nie beziehen. Er arbeitet hier und da für Leute, die einen Handwerker brauchen, streicht seine Mieten ein. Und wenn Danny langweilig ist, macht er Sloggett Vision oder irgendwelche Projekte für die Community.

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