© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Mein Ego hat quasi seinen eigenen Tourbus"

Der Musiker Asaf Avidan verlor den letzten Anker im Leben, dann kaufte er sich eine Gitarre. Von
ZEITmagazin Nr. 49/2017

ZEITmagazin: Herr Avidan, Sie sind ein erfolgreicher Musiker. Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben?

Asaf Avidan: Einsam. Mein Vater war Diplomat, und wir zogen ständig um. Kaum hatte ich neue Freundschaften geschlossen, musste ich mich schon wieder verabschieden. Als ich 13 wurde, verließ mein Vater meine Mutter und uns drei Jungs. Meine Mutter schaffte es irgendwie, uns alle durchzubringen. Aber ich wurde ein wirklich beschissener Teenager, Rebellion pur, voller Zorn, ständig in Schlägereien verwickelt. Ich wurde sogar verhaftet, und mit 14 wollte mich die Schule rauswerfen. Meine Mutter steckte mich dann in eine Kunstschule. Und von da an änderte sich mein Leben, ich fand endlich ein Ventil für all die Emotionen, die in mir brodelten.

ZEITmagazin: Mit 21 Jahren hatten Sie Lymphdrüsenkrebs – eine dramatische Erfahrung.

Avidan: Ich habe nie geraucht oder Drogen genommen, ich habe Sport gemacht, und dennoch hat mein Körper mich betrogen. Natürlich war das eine schlimme Zeit, aber während der gesamten Krebstherapie hatte ich nie auch nur eine Millisekunde das Gefühl, ich werde das nicht überleben. Eigentlich lauert der Tod doch ständig hinter der nächsten Ecke. Viel beängstigender finde ich, dass wir alle irgendwann alt und hinfällig werden. Ich verstehe gar nicht, wie die Menschheit bei dieser Zukunftsaussicht noch funktionieren kann und nicht die ganze Zeit laut kreischend im Kreis rennt.

ZEITmagazin: Die Trennung von Ihrer ersten Freundin 2006 hat Sie nach eigenen Aussagen aus der Bahn geworfen.

Avidan: Unsere Beziehung war symbiotisch. Als sie endete, brach meine Welt zusammen. Es war wie ein Strudel, in dem man immer tiefer und tiefer gesogen wird. Als sie die gemeinsame Wohnung verließ, beschloss ich: Ich wohne da nicht allein. Und eigentlich mag ich Tel Aviv gar nicht. Ich geh zurück nach Jerusalem. Und scheiß drauf, ich kündige auch meinen Job. Zu der Zeit hatte ich beim Film in der Animation gearbeitet, und das war eigentlich mein absoluter Traumjob. Aber ich gab alles auf und verlor somit jeden Anker, den ich im Leben hatte. Und dann entdeckte ich die Musik. Es mag klischeehaft klingen, aber das war meine Rettung. Ich besorgte mir eine Gitarre, lernte ein paar Akkorde und verfasste meine ersten Songs. Es war ein hervorragendes Ventil.

ZEITmagazin: Sind deshalb die meisten Ihrer Lieder über Liebe so negativ?

Avidan: In meinen Liedern erforsche ich meine Gefühlswelt. Und das mach ich eher, wenn es mir nicht so gut geht. "My life is like a wound. I scratch so I can bleed" ist ja auch eine Textzeile in einem meiner Songs. Es muss wehtun, bevor es besser werden kann. Ich schrecke nicht vor meinen Gefühlen zurück, sondern erforsche meinen Schmerz und meine Angst, stelle mich meinen eigenen Dämonen. Das ist das Einzige, was ich wirklich gut kann. Denn wenn alles gut läuft, genieße ich lieber das Leben. Vielleicht sind meine Erwartungen an die Liebe einfach zu hoch. Der Wunsch nach etwas Neuem und das Bedürfnis nach Beständigkeit liegen in mir immer im Konflikt. Ich ertrage es nicht, länger als zwei Sekunden mit mir allein zu sein. Eigentlich fühle ich mich immer einsam, wenn niemand da ist. Dieses Nicht-allein-sein-Können treibt mich in Beziehungen oder Affären. Das bringt dieses ganze Drama in mein Leben.

ZEITmagazin: Wie ist es, ganz allein im Scheinwerferlicht auf der Bühne zu stehen?

Avidan: Wenn alle Blicke auf mich gerichtet sind, werde ich so lebendig wie nie. Da bin ich auch kein bisschen allein. Auf der Bühne fühle ich mich mehr wie der, der ich eigentlich bin, wie eine vergrößerte Version meiner selbst.

ZEITmagazin: Das klingt nach einem großen Ego.

Avidan: Mein Ego hat quasi seinen eigenen Tourbus. Manchmal beherrsche ich diesen Körper, und manchmal übernimmt mein Ego. Als ich so um die 20 war, hatte meistens mein Ego die Kontrolle. Ich bin heilfroh, dass das nicht mehr so ist.

ZEITmagazin: Ihr aktuelles Album Gold Shadow handelt von Ihrer zweiten langen Beziehung, die in die Brüche ging.

Avidan: Da verlor ich den Glauben an die Monogamie. Und dann lernte ich eine Frau kennen, die mir andere Möglichkeiten des Zusammenlebens enthüllte. Wir begannen zu experimentieren. Es geht im weitesten Sinn um freie Liebe, wobei ja keine Liebe jemals wirklich frei ist; um Polyamorie, die Möglichkeit, mehrere Menschen zu lieben. Eigentlich bin ich eine sarkastische und auch ein wenig versnobte Person und war mir sicher, mich schon durch und durch zu kennen. Aber da habe ich ganz neue Seiten an mir entdeckt. Das neue Album The Study on Falling ist diesem Wachsen gewidmet. Es ist inspirierend, nicht mit dem Strom zu schwimmen.

Das Gespräch führte Herline Koebl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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