David Bowie Reise ins Ich

© Christine de Grancy
ZEITmagazin Nr. 49/2017

ZEITmagazin: Frau de Grancy, wie kam es dazu, dass Sie diesen Besuch in der Nervenklinik Gugging fotografieren konnten?

Christine de Grancy: André Heller stand in Verbindung zu Bowie und Eno und lud mich ohne größere Erklärungen einfach dazu ein, mitzukommen.

ZEITmagazin: Wissen Sie, warum sich Bowie für diesen Ort interessierte?

de Grancy: David Bowie hatte einen Halbbruder, Terry Burns, der wegen Schizophrenie in eine Anstalt gekommen war. Als Bowie nach Gugging kam, wirkte er überhaupt nicht irritiert – das war auffallend. Er war da nicht der Star, der große David Bowie, sondern konzentrierte sich voll auf den Ort und die Leute. Man spürte bei ihm die Verbindung zu seinem Bruder, so wie er da alles beobachtete. Terry Burns hatte 1985 Selbstmord begangen. Das ist natürlich etwas Furchtbares für den Menschen, der zurückbleibt.

ZEITmagazin: Wie hat Bowie sich Ihnen vorgestellt?

de Grancy: Gar nicht. André Heller sagte: "Das ist meine Freundin Christine, wir kennen uns seit 1970." Mehr nicht. Heller hatte mich aber so eingeführt, dass Bowie und Eno mich einfach machen ließen. Ich war aber auch so chamäleonhaft, dass ich nicht weiter aufgefallen bin.

ZEITmagazin: Auf Ihren Bildern sieht man einen Bowie ohne Posen, ohne Verkleidungen, ohne Schutzschild. Gab es Situationen, die Ihnen so intim erschienen, dass Sie keine Bilder machen wollten?

de Grancy: Nein, die gab es nicht. Aber ich wusste: Ein Schritt zu viel von mir, und da zerbricht etwas. Als Bowie Oswald Tschirtner umarmte, diesen zerbrechlichen Mann, da merkte ich, dass er völlig offen ist. Es gibt auch ein Gruppenbild, auf dem Bowie, Eno und Heller mit den Patienten zu sehen sind, und es ist überhaupt nicht klar, wer da eigentlich die sogenannten Normalen sind. Auf einem anderen Foto sieht man Bowie und Eno lachen – es ist ein emotionales Bild, das zeigt, dass diese zwei Menschen einander sehr mögen. Man kann verstehen, warum David Bowie seine letzte Mail an Eno schickte, in der er sein Sterben ankündigte und sich verabschiedete.

ZEITmagazin: Wie haben die Patienten auf David Bowie reagiert?

de Grancy: Die haben nicht gewusst, wer er ist. Die sind ja auch nicht ganz von dieser Welt.

ZEITmagazin: Wie sprach Bowie mit den Patienten?

de Grancy: Die Patienten sprachen kein Englisch. Allerdings gab es da sowieso kaum ein Gespräch, das war dort normal. Sie schauten sich vor allem die Arbeiten der Patienten an. Ein Patient trug seine Gedichte vor. Oswald Tschirtner hat sich gefreut, wenn er merkte, dass seine Arbeiten jemandem gefallen. Das Verbindende stellte immer wieder André Heller her. Der war den Patienten auch vertraut, weil er schon oft dort gewesen war.

© Christine de Grancy

ZEITmagazin: Wusste Bowie von den Verbrechen, die in Gugging während der Zeit des Nationalsozialismus verübt worden waren?

de Grancy: So wie ich André Heller kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass er das nicht erwähnt hat. Hellers Vater musste ja vor den Nazis flüchten, und er ist ein zutiefst politischer Mensch. In Gugging wurden mehr als sechshundert kranke Menschen umgebracht.

ZEITmagazin: Welchen Eindruck machte David Bowie an diesem Tag auf Sie?

de Grancy: Was Bowie durch den Kopf ging, ob er an die nächste Platte oder an seinen Bruder gedacht hat, weiß ich natürlich nicht. Seinen Bruder hat er jedenfalls nicht erwähnt. Er war sehr auf die Menschen dort fokussiert. Man sieht das auch in dem Bild, auf dem Bowie mit dem Zeichenblock in der Hand völlig konzentriert den Patienten und Maler August Walla anschaut. Bowie hat an diesem Tag überhaupt viel gezeichnet. Natürlich wäre ich ihm am liebsten über den Rücken gekrochen, um zuzuschauen. Aber das wäre zudringlich gewesen.

Christine de Grancys Bilder werden in der Ausstellung "Bowie in Gugging" zum ersten Mal vom 5. Dezember 2017 bis zum 17. Februar 2018 in der Galerie Crone in Wien zu sehen sein. Die Bilder, die von der Galerie Crone im Archiv der Fotografin entdeckt wurden, sind dort als Edition mit 18 Fotografien erhältlich

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