Ich habe einen Traum Rossy de Palma

"Ich flüchte in den Zug, ein Schaffner will den Fahrpreis kassieren, der Preis, sagt er, sei mein Leben"
© Mark Pillai
ZEITmagazin Nr. 49/2017

Vor wichtigen Entscheidungen, wenn ich besorgt bin oder ängstlich, bitte ich das Universum: "Wenn es etwas gibt, das ich wissen muss, sag es mir in meinen Träumen." In der Regel bekomme ich die Antworten, die ich brauche.

Wenn ich wach bin, habe ich intensive Wunschträume. Oft halte ich Zwiesprache mit dem Schicksal, schildere meine Wünsche und sage: "Es wäre toll, wenn diese Träume in Erfüllung gehen würden. Aber wenn du etwas anderes mit mir vorhast, wenn du denkst, ich könnte auf andere Weise nützlich für die Welt und die Menschen sein, lass es mich wissen." Ich bin bereit, demütig meinem Schicksal zu folgen, gleichzeitig versuche ich, es aktiv zu gestalten und meine Träume wahr zu machen.

Vieles von dem, was ich mir je erträumt habe, ist wahr geworden. Zeit meines Lebens hat mich das Schicksal verwöhnt. Mein größter Traum war immer, geliebt zu werden. Und schon als junges Mädchen habe ich davon geträumt, Mutter zu werden. Auch wenn das ein Klischee sein mag – es ist das Beste, was in meinem Leben geschehen ist. Diese große Liebe, die kaum zu begreifen ist, voraussetzungslos und an keine Erwartungen oder Bedingungen geknüpft, sie ist ein Wunder.

Als ich jung war, hatte ich metaphernreiche Träume. In einem davon stehe ich am Fuß einer hohen Treppe, um mich herum lebende Leichen, die nach mir greifen und mich die Treppe hinaufjagen. Oben teilt sich der Weg. Direkt vor mir ein Zug, rechts ein Warnschild mit Totenkopf-Symbol. Ich flüchte in den Zug, ein Schaffner will den Fahrpreis kassieren, der Preis, sagt er, sei mein Leben. Ich steige aus. Auf der linken Seite ein düsterer Weg, große, dunkle Bäume, kalt und unheimlich. Am Ende dieses Weges dann ein wunderschöner See, warmes Wasser, Sonnenstrahlen glitzern auf der Oberfläche, alles ist friedlich und harmonisch. Dann wache ich auf.

Dieser Traum hat mich nachhaltig beeindruckt. Er hat mir eindrücklich gezeigt, dass es möglich ist, mein persönliches Paradies zu finden, aber dass der Weg dahin auch durch die Dunkelheit führt.

An diesen Traum musste ich in meinem späteren Leben häufig denken: Ich habe viele wunderbare Phasen erlebt, aber der Weg war immer wieder von tiefer Dunkelheit überschattet. Ich bin stolz darauf, dass ich mir meine Naivität und unschuldige Neugier bewahrt habe.

Die Realität ist für mich oft zu dunkel, als dass ich sie ertragen könnte. Deshalb bin ich Künstlerin geworden: Poesie, Musik und Malerei stärken meine Widerstandskraft all dem gegenüber, was in dieser Welt Beängstigendes geschieht. Als ich zum Beispiel von den Vorgängen in Katalonien erfahren habe, war ich gerade in Madrid und habe für eine Oper geprobt. Wir waren erfüllt von Vorfreude darauf, zusammen etwas Schönes zu schaffen, das Menschen zusammenbringt. Zeit damit zu verbringen, neue Grenzen zu errichten, erscheint mir so absurd. Wir müssen zusammenfinden, nicht das Trennende betonen.

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