"Ida" JULI

Katharina Adler wartet auf ihren ersten Roman über ihre Urgroßmutter. Von
ZEITmagazin Nr. 50/2017

Am 24. Juli erscheint im Rowohlt Verlag mein erster Roman. Ich habe die letzten fünf Jahre daran gearbeitet. Den Wunsch, dieses Buch zu schreiben, habe ich noch viel länger mit mir herumgetragen. Es war das wichtigste Schreibvorhaben meines Lebens – und auch das schönste. Der Roman heißt Ida und handelt von meiner Urgroßmutter. Sie war eine frühe Patientin von Sigmund Freud, er hat sie später als den "Fall Dora" beschrieben. Sie war gerade 18 Jahre alt, als ihr vom Vater eine Behandlung bei Freud verordnet wurde. Es war das Jahr 1900, sie litt unter anderem unter Stimmproblemen und einem Reizhusten. Freud war damals noch nicht berühmt, er war nicht mal Professor, und er hat seine relativ neuen Methoden – die Sprachkur und die Traumdeutung – an Ida Bauer (später Adler) angewendet.

Ida brach die Behandlung nach knapp drei Monaten ab und wurde deswegen von amerikanischen Feministinnen später zur Heldin stilisiert: eine junge Frau, die es wagte, einem wesentlich älteren Arzt zu sagen, dass sie von seinen Methoden nichts hält. Unter dem Pseudonym "Dora" hat sich die Geschichte meiner Urgroßmutter schon vor der feministischen Einschätzung verselbstständigt. Sie wurde zum Beispiel auch als "abscheuliche Hysterikerin" verunglimpft. An Ida Adlers weiterem Leben über Freuds Behandlung hinaus, an ihr als Mensch, gab es wenig Interesse.

Ich habe den Roman geschrieben, um mehr über diese Frau herauszufinden, über die durch Freuds Krankengeschichte einerseits so viel bekannt ist, und andererseits so wenig. In unserer Familie wurde von ihr gesprochen, aber niemand wusste wirklich viel über sie. Sie war eine Anekdote. Zum Wenigen, was ich wusste, gehörte beispielsweise, dass Ida ihren Sohn die Hausaufgaben immer dreimal machen ließ. Ich hatte das Bild einer strengen Frau mit großen Ambitionen vor Augen, die gleichzeitig sehr humorvoll ist. Diesen zwei Polen habe ich auf meinen Recherchen nachgespürt. Im Amsterdamer Institut für Sozialgeschichte liegt der Nachlass meines Urgroßonkels Otto Bauer, ihrem Bruder. Er gehörte zu den führenden Marxisten in Österreich, wurde 1934 vertrieben und floh zuletzt nach Frankreich. Ida kam viel später nach. Sie musste weiter nach Casablanca und ist von dort aus, auf einem der letzten Schiffe, in die USA gelangt.

Aber die tatsächliche Geschichte steht nicht über allem. Der Roman ist ein fiktionales Werk, unterfüttert mit Recherche, eine Mischung aus Fundstücken und Imagination. Diese Mischung hat vieles geklärt: Ich meine jetzt zu wissen, woher Idas Härte und Unnachgiebigkeit kamen, aber auch ihre humorvolle Seite. Ich habe versucht, ihre Ambitionen zu verstehen und nachzuempfinden. Diesen Roman zu veröffentlichen ist für mich ein gewaltiger Schritt.

Die Arbeit war fast existenziell, ich habe mich dem Buch derart verschrieben, dass beinahe alles andere in den Hintergrund getreten ist. Manchmal erscheint mir der Gedanke, dass es im Juli 2018 tatsächlich erscheinen wird, unwirklich. Der 24. Juli ist eine Art Nullpunkt. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt, ich habe nicht mal konkrete Pläne für die Zeit danach gemacht. Gut, es gibt ein paar vage Ideen für neue Vorhaben. Ein Roman allein macht keine Autorin, das Weiterschreiben ist wichtig. Da bin ich so streng wie meine Urgroßmutter.

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