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Schalke 04 MAI

Stefan Willeke wartet auf die Meisterschaft von Schalke 04.
ZEITmagazin Nr. 50/2017

Vor ein paar Monaten habe ich mir im Fernsehen einen klischeebeladenen Film angeschaut, der vom FC Schalke handelte (ich sehe alle Filme, die vom FC Schalke handeln, auch die einfallslosen, aber das führt an dieser Stelle zu weit). Die überraschendste Szene in dem Dokumentarfilm widmet sich einem Ort, an dem sich Fußballfans treffen, die eine Meisterschaft der Schalker Mannschaft persönlich erlebt haben. Nachmittags um drei sitzen sie an einem Tisch in einem lückenlos gekachelten Raum, trinken Bier, sprechen von Männern, die Klodt, Kuzorra oder Szepan hießen, und beim Singen des Schalker Vereinsliedes halten sie einander an den Händen. Dieser Ort ist der Aufenthaltsraum einer Altenwohnanlage im Gelsenkirchener Stadtteil Bulmke-Hüllen. Die letzte Meisterschaft ereignete sich nämlich im Jahr 1958. Eine Betreuerin der Altengruppe erklärt im Film, dass solche Nachmittage eine therapeutische Wirkung auf die Seelen der Bewohner hätten, und ich dachte: Verdammt, eine Therapeutin in einem Schalke-Gesprächskreis, das könnte irgendwann mal mein Kontext sein. Ich, der ich 1964 und damit sechs Jahre nach der letzten Schalker Meisterschaft auf die Welt kam, habe diese Alten zunächst um das Privileg beneidet, höchstpersönlich mit Schalke Meister geworden zu sein. Aber dann wurde mir klar, in welch gigantischen Zeitspannen ich zu fühlen habe – wie bei einem Wunder. Ich glaube, dass sich das Wunder alle 60 Jahre ereignet. Warum alle 60 Jahre? Keine Ahnung. Ein Wunder folgt keiner Logik. Im Jahr 2018 wird es wieder so weit sein: Schalke wird Meister. Am 12. Mai, ungefähr um viertel nach fünf.

Als fast 50 Jahre ohne Schalker Meisterschaft vorbei waren, im Mai 2007, ließ der Erzrivale des FC Schalke, der Verein Borussia Dortmund, ein Flugzeug über Gelsenkirchen kreisen, das ein Flatterband mit einem vergifteten Gruß hinter sich herzog. In fetten Buchstaben stand da: "Ein Leben lang keine Schale in der Hand". Ich bin kein besonders ausgefallener Schalke-Fan, und so ist mir Borussia Dortmund zutiefst unsympathisch. Mit dem Auto umfahre ich Dortmund nach Möglichkeit, nehme dafür lange Umwege in Kauf. Mit meinem Autokennzeichen, das mit 1904 endet, dem Gründungsjahr des FC Schalke, könnte ich in Dortmund ohnehin nur wenige Minuten risikolos parken. In meinen 53 Lebensjahren habe ich nur zweimal das Dortmunder Stadion betreten; das eine Mal auf wiederholte Einladung eines guten Freundes hin, das andere Mal war das Stadion durch ein Länderspiel neutralisiert (aber auch das führt viel zu weit).

Ich habe alles getan, um mich auf das Wunder vorzubereiten. Ich kenne den Zeremonienmeister des Wunders, den Trompeter aus der Fankurve des FC Schalke, den Dachdecker Trompeten-Willy. Ich kenne den einzigen Nachkommen des ehemaligen Wunderstürmers Stan Libuda ("An Gott kommt niemand vorbei – außer Libuda"). Ich kenne den Vereinsbeauftragten für Wunder, einen Pfarrer aus dem Schalker Ehrenrat. Ich kenne den, nennen wir ihn, Kulturbotschafter des Vereins, den Schauspieler Peter Lohmeyer (Das Wunder von Bern). Ich habe den Mitverantwortlichen eines Wunders, dem früheren Schalker Spieler Youri Mulder, lange danach befragt, wie die Mannschaft 1997 den Uefa-Cup gewann. Ich saß auch schon im Wohnzimmer des Schalker Jahrhundertspielers Klaus Fischer, und wer sich jemals näher mit Klaus Fischer beschäftigt hat, der ahnt, wie ein Wunder beschaffen sein muss.

Ich könnte auch all die Faktoren benennen, die gegen ein Wunder sprechen: die Stärke des derzeitigen Tabellenführers, die sportlichen Gründe (Verzagtheit in wichtigen Spielen, Torchancen-Bilanz), die politischen Gründe (Hauptsponsor Gazprom), die moralischen Gründe (die skandalumwitterten Geschäfte des Großschlachters Clemens Tönnies im Schalker Aufsichtsrat). Aber ein Wunder zeichnet sich dadurch aus, dass es sich über naheliegende Einwände erhebt.

Ich habe mit Kollegen öfter darum gewettet, dass der FC Schalke Meister wird. Ich habe diese Wetten immer verloren, ich habe viele Abendessen in teuren Restaurants zahlen müssen. Aber ich bin geduldig. Ich habe die groteske Ungerechtigkeit des Schiedsrichters in den letzten Minuten des letzten Bundesligaspiels im Mai 2001 überstanden, als Schalke schon Meister war, es aber offiziell nicht wurde. Ich habe den damaligen Vereinsmanager Rudi Assauer weinen sehen. Ich habe mich anschließend an die schmerzsteigernde Besänftigungsformel "Meister der Herzen" gewöhnt. Ich habe was ausgehalten.

Nach verlorenen Wetten musste ich zweimal in der großen Konferenz der ZEIT ein Trikot von Borussia Dortmund tragen. Es war fürchterlich. Es war überhaupt nicht auszuhalten. Ich habe vor Kurzem wieder mit einem Kollegen gewettet. Sollte ich verlieren, müsste ich wieder in einem Dortmunder Trikot am Konferenztisch der ZEIT sitzen. Aber ich verliere nicht. Diesmal nicht.

Das Wunder steht 2018 bevor. Ich besitze eine Zahnbürste des FC Schalke, ich schlafe manchmal – viel zu selten – in Schalke-Bettwäsche, ich habe eine Schalker Fahne, einen Schalke-Pullover, eine Schalke-Mütze, zwei Schalker Trikots, 34 Schalke-Bücher, den Schalke-Film Vier Minuten Deutscher Meister, drei Autogrammkarten von Rudi Assauer und das neue Schalke-Stickeralbum, in dem keines der 204 Sammelbildchen fehlt. Kurz nachdem meine Kinder auf die Welt gekommen waren, stattete ich sie mit Schalke-Schnullern und Schalke-Lätzchen aus. Später, als Kleinkind, versuchte mich mein Sohn frühmorgens aus dem Bett zu werfen, indem er sich über meinen Kopf beugte und in mein Ohr rief: "Steh auf, wenn du Schalker bist."

Man könnte mich nachts aus dem Schlaf reißen, und ich könnte sofort alle Jahre aufsagen, in denen Schalke Meister wurde, sieben Jahreszahlen, angefangen bei 1934. Wenn es mir morgens nach dem Aufstehen schlecht geht, höre ich unter der Dusche das Steigerlied, gesungen von den Fans im Schalker Stadion. Ich habe einen persönlichen Tonbandmitschnitt mit dem Attacke-Signal von Trompeten-Willy. Ich weiß, wo in der Vereinskneipe der Stammplatz der Schalker Legende Ernst Kuzorra war, ich kenne auch seinen ehemaligen Tabakladen. Ich stand am Grab von Stan Libuda und später vor der Rolf-Rüssmann-Gedächtnisecke, die der Schalker Golfkreis eingerichtet hatte. Ich besitze einen Kugelschreiber des früheren Mannschaftskapitäns Olaf Thon – und ungleich wichtiger noch: die Telefonnummer von Klaus Fischer. Wenn Schalke spielt, halte ich immer zu Schalke. Spielt Schalke nicht, halte ich immer zu der Mannschaft, die gegen Dortmund spielt. Noch habe ich nicht den hochneurotischen Punkt erreicht, an dem ich die Zahl 9 (1909 ist das Gründungsjahr von Borussia Dortmund) in Briefen und Emails durch 8 + 1 ersetze, aber wer weiß, ob dieser Punkt nicht noch kommt. Bei Europa- und Weltmeisterschaften bin ich für das Land mit den meisten Spielern aus Schalke (manchmal Belgien, einmal Rumänien). Bei der EM im Sommer letzten Jahres war ich für die Mannschaft aus Belgien, allein wegen des Trainers Marc Wilmots, der vor 20 Jahren als Schalker Spieler den Uefa-Cup holte. Manchmal glaube ich, dass mich Fußball gar nicht richtig interessiert. Ich will nichts wissen über die Unzulänglichkeiten des Videobeweises oder die Nachwuchshoffnungen von Hannover 96. Ich will eigentlich nur, dass Schalke spielt. Und dass Schalke gewinnt.

Dank einer Kollegin, die zeitweise in Mexiko lebte, beherrsche ich den Schlachtruf "Ihr seid scheiße wie der BVB" jetzt auch auf Spanisch, und ich habe mit einer kostbaren Rarität, meiner blau-weißen Angelrolle des FC Schalke, einen Hecht gefangen. Ich bilde mir ein, dass es 19.04 Uhr war, als er den Köder nahm.

Also los. Ich bin bereit.

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