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Wein SEPTEMBER

Gero von Randow wartet auf die besten Weine des Jahrgangs 2017. Von
ZEITmagazin Nr. 50/2017

Manche Leute können es einfach nicht abwarten. Sie wollen jetzt schon wissen, wie der Wein des Jahres 2017 schmecken wird. Auch wenn die deutschen Weißweine erst im Frühjahr auf die Flasche kommen, die besten gar erst Anfang September und die guten Roten noch später. In der ersten Septemberwoche 2018 werde ich einkaufen gehen. Aber man darf doch schon jetzt mal was probieren, oder etwa nicht?

Also suchten die Ungeduldigsten bereits ab Oktober 2017 ihre Lieblingswinzer heim. Erwartungsvoll stiegen sie die Kellertreppen hinab, Gläser in der Hand. In den Tanks und Fässern gluckerte es, da wandelten die Hefen Zucker in Alkohol und CO₂ um. Aus den Spundhähnen floss trübe Suppe. In ihr waren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander verschränkt. Erstes Resultat: Wir dürfen große Weißweine des Jahrgangs 2017 erwarten. Ihre Säure, sehr präsent, pikst und sticht fast gar nicht (und wird sich noch beruhigen); neben die Traubenaromen treten bereits andere wie zum Beispiel Kaffee, Schokolade, Kräuter, und die Flüssigkeit ist so viskos, dass auch eine spätere Filtrierung nichts an ihrem kompakten Auftritt ändern würde. Die schönsten Weißen werden elegant, ziseliert und manchmal stramm ausfallen, seltener voll oder rund. Wir haben Vielversprechendes im Rheingau probiert (Weingüter: August Kesseler, Georg Breuer), an der Nahe (Diel) und am Mittelrhein (Lanius-Knab).

In manchen Weißweintanks deutscher Winzer lagern freilich auch ziemliche Dünnmänner. Und die Roten? Sagen wir es so: Es war kein ideales Rotweinjahr, außer in den südlichen Regionen (hier und da gibt es noch weitere Ausnahmen). Mancher Winzer mottet seine für den neuen Rotwein frisch gekauften kleinen Eichenholzfässer wieder ein, für das kommende Jahr, und macht aus den blauen Trauben stattdessen viel Rosé.

Das Weinjahr 2017 war schon ziemlich hinterhältig. Es tat zunächst ganz harmlos. Ein kalter Winter wie aus dem Lehrbuch, der hoffen ließ, dass es kein Jahr der Schädlinge werden würde. Sodann ein warmes Frühjahr. Die Reben legten fast überall recht früh los, die Pflanzen hatten es nun warm und wuchsen schnell. Auch schön. In der Phase, in der sich aus der Knospe die ersten drei Blätter herauswinden, ist das zarte Gewebe besonders schutzlos den Rhombenspannerraupen und anderen natürlichen Feinden des Menschen ausgeliefert, und deshalb gilt: Je kürzer diese Wachstumsperiode, desto besser.

So weit ging alles gut. Dann kam der Frost.

Wenn die früh gewachsenen, zarten Austriebe frei stehen, ungeschützt vom Holz, aus dem sie gedrungen sind, gehen sie am Frost zugrunde. Die grünen Triebe werden schwarz und fallen ab. Fast überall, außer in den Weinbaugebieten Franken, Saale-Unstrut und Sachsen, schlugen in der letzten Aprilwoche die Spätfröste zu, teils sehr hart. Ihretwegen wird es von diesem Jahrgang weniger Wein geben (Tipp für den Einkauf: Vom guten 2016er ist noch reichlich vorhanden).

Einige Winzer wurden von den Frostmeldungen beim Abendessen überrascht, das sie sodann fluchtartig verließen, um auf ihren besten Parzellen mit Fackeln oder Paraffinkerzen die Temperatur zu stabilisieren. Leider waren diese speziellen Kerzen in ganz Europa knapp, viele Betriebe hatten sich damit vorsorglich eingedeckt. Die 37-jährige Caroline Diel, Winzerin an der Nahe mit internationalem Ruf, hatte nur für einen Hektar Kerzen in petto. Aber sie kannte eine weitere Strategie: "Der Frost war schon drei Tage vorher angekündigt. Genug Zeit, um die Begrünung zwischen den Rebzeilen zu mähen." Wozu das? "Damit die Frostkälte sich bis ganz nach unten bewegt, weg von den Trauben." Hat funktioniert.

Danach kehrte wieder Ruhe ein. Der Wein blühte munter. Sodann Sommer, Sonne. Noch mehr Sonne. Und wieder Sonne. "Für Pilzkrankheiten war es zu heiß, wir mussten nicht viel spritzen", sagt Simon Batarseh, der junge Kellermeister des Rheingauer Topwinzers August Kesseler. "Aber als Anfang Juli immer noch kein Regen kam, nahm die Blattmasse nicht mehr zu, weshalb sich die Photosynthese verlangsamte. Was konnten wir tun? Wenig. Die Begrünung verringern, denn die Gräser nahmen den Reben Wasser weg, außerdem den Boden aufbrechen und umdrehen, das reduzierte die Verdunstung." Ansonsten hieß es: warten auf den Regen.

Der fiel schließlich auch. Dann fiel er immer noch. Wieder wurde es allmählich zu viel. "Die Pflanzen hatten sich auf Trockenheit eingestellt", sagt Caroline Diel, "plötzlich spülte das Wasser ihnen die Nährstoffe hinein. Es drohte die Gefahr übertriebenen Wachstums, wir haben viel Laub und auch Trauben weggeschnitten."

In einigen Gegenden knallten die Wassermassen im August mit solcher Gewalt auf die Hänge, dass es danach wie Hagelschaden aussah. In anderen war es tatsächlich Hagel. Und bei den unmittelbaren Nachbarn: nix los. Das Wetter flog mit seiner riesigen Streubüchse über die deutschen Weinbaugebiete, um hier Panik und dort Entzücken auszulösen.

In der Zielgeraden kam man dann wieder zusammen. Wer das Jahr verstanden hatte, wartete nicht auf den gewohnten Termin, sondern telefonierte früher als sonst die Erntemannschaften zusammen. Denn viele Beeren waren schon Ende September reif, manche überreif; wegen der starken Blüte waren die Trauben dicht mit Beeren bepackt, und infolge der späten Niederschläge waren diese oft dick und prall, die Beerenhäute entsprechend dünn. Ein bisschen zu viel Enge, und die Beeren platzten auf. Signal für Schädlinge, für Pilze und Essigfliegen und Wespen und was nicht alles. Fäulnisalarm! Der dramatischste Moment des Jahres.

Die 33-jährige Theresa Breuer, Chefin des erstklassigen Weinguts Georg Breuer aus Rüdesheim: "Unser Prinzip hieß jetzt nicht Schadensbegrenzung, also nicht hinter dem herzurennen, was grad schlecht wird, sondern Konzentration auf die schönen Sachen. Das macht ja auch mehr Spaß. Der Rest ist dann egal. Man kann nun mal nicht überall gleichzeitig sein. Und dann war es so: drei Wochen tolle Trauben, am Schluss nicht mehr ganz so toll."

Caroline Diel ging ähnlich vor. Pausenlos im Weinberg unterwegs, oft begleitet von ihren drei kleinen Kindern, meistens eine Beere im Mund, prüfte sie die Reifezustände ihrer Spitzenlagen. Entdeckte hier einen feinen Riss in der Beerenhaut oder stellte dort fest, dass die unterschiedlichen Reifezustände der Beeren einer Traube gerade die richtige Mischung für den Wein ergeben würden. Also: lesen.

Oder doch nicht? Sollte man vielleicht noch etwas warten und eine fast perfekte Traube einen weiteren Tag hängen lassen, auf die Gefahr hin, dass es feuchter wird und die Schimmelpilze kommen? "Wir haben das ganze Jahr auf diese Tage hingearbeitet, da durften wir nicht im letzten Moment die Nerven verlieren", sagt Caroline Diel. Und siehe da, das Wetter spielte an der Nahe ganz am Schluss wieder mit. Manche Traube hat noch einen Kick Sonne abbekommen, der ihr das letzte Quäntchen Zusatzqualität verschaffte. Lohn der Angst.

Nervenzerfetzend war das Warten auch in der Oberweseler Toplage Bernstein Am Lauberbaum. "Jedes Mal, wenn die Trauben gerade vom Wind getrocknet waren, kam wieder ein Guss", sagt Jörg Lanius. "Am 11. Oktober war dann mal für mehrere Stunden kein Regen zu erwarten, und ich habe gesagt: Nicht länger warten, alle Mann raus, schnell reinholen. Tags darauf: Regen."

Richtig entschieden. Oder doch nicht? Jetzt strahlt die unschuldigste aller Oktobersonnen die herbstfarbenen Rebberge an, aber die Lese ist vorbei. Jörg Lanius sieht das gelassen. Er entkorkt eine Flasche aus dem Jahr 1999: Riesling Auslese mit frischen Aromen von Kumquat und Thymian. "Tja,", lächelt er, "die haben wir damals am 2. und 3. November gelesen. Nicht wie diesmal alles bis Mitte Oktober."

Und, Herr Lanius, Ihr Ausblick? "Das Jahr 2016 war schwierig und brachte dann schöne Weine. Das Jahr 2017 war auch schwierig. Also bin ich Optimist."

Kommentare

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Die Weinberge, die viele als Sinnbild des Südens bezeichnen, sind nichts anderes als hässliche Monokulturlandschaften, wo vielerorts exzessiv Herbizide, Fungizide, Insektizide & Pestizide eingesetzt werden. Wenn dann im Text erwähnt wird "Für Pilzkrankheiten war es zu heiß, wir mussten nicht viel spritzen" kann man schon ahnen, wie exzessiv in anderen Jahren gespritzt wurde. Hier mal zwei Links aus der Schweiz über die Auswirkungen des Einsatzes.
https://www.srf.ch/news/s...
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