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Jugendfußball Zurück zum Sport

Die Kinder unseres Autors spielen Fußball. Dummerweise in einem Berliner Verein. Denn in den Jugend-Ligen der Hauptstadt scheint jedes Mittel erlaubt, um zu gewinnen. Von
ZEITmagazin Nr. 51/2017

Williams heißt der Junge. Er spielt mittlerweile in der Jugend des FC Bayern München, leider zu spät. Hätten die Bayern ihn schon zur letzten Saison geholt, wäre der Mannschaft meines Sohnes ein Spiel und eine Erfahrung erspart geblieben, die seinen Glauben daran, dass es im Jugendfußball fair zugeht, erschüttert hat. Auf dieses Spiel angesprochen, schüttelt mein Sohn noch heute, Monate später, resigniert den Kopf und sagt: "Es war so unfair!"

Williams kann nichts dafür, er hat auch nichts falsch gemacht, er hat sogar sehr viel richtig gemacht, nur leider für die falsche Mannschaft, die nämlich, gegen die mein Sohn, zwölf Jahre alt, spielen musste. Williams hat sechs von acht Toren geschossen und zwei vorbereitet. Weil er die Namen seiner Mitspieler nicht kannte, rief er nur: "Du da, Junge, spiel zu mir!", und die Jungs spielten zu ihm und schauten zu, wie er es praktisch allein mit sieben Gegenspielern aufnahm. Es sah ein bisschen so aus, als trete eine Hobbymannschaft zusammen mit Lionel Messi an. Die Mannschaft, in der Williams spielte, gewann 8 : 1.

Es geschah in der Berliner D-Jugend-Landesliga, der zweithöchsten Spielklasse. Das Hinspiel war 1 : 1 ausgegangen, natürlich ohne Williams. Die fünf Minuten im Rückspiel, in denen der Trainer Williams eine Pause gönnte, beherrschte die Mannschaft meines Sohnes das Spiel und schoss ihr einziges Tor.

Dass Williams spielte, war nicht mal ein Regelverstoß. Er war zwölf und vom Alter her in der D-Jugend spielberechtigt, aber weil er so gut ist, spielte er längst in der C-Jugend seines Vereins, wo er sogar zweitbester Torschütze der Liga geworden war. Der Trainer hatte ihn nur für dieses eine Spiel in die D-Jugend-Mannschaft geholt. Er wollte um jeden Preis gewinnen, und das ist, was mich ärgerte. Nicht die Tatsache, dass die Mannschaft meines Sohnes verloren hat, daran ist sie gewöhnt, sondern die Erfahrung, dass schon im Kinder- und Jugendfußball mit allen möglichen Tricks gearbeitet wird, um zu gewinnen. Dass nicht der Spaß im Vordergrund steht und das faire Miteinander, sondern zu oft einfach nur das nackte Ergebnis.

Seit Jahren stehe ich an den Seitenlinien. Meine Söhne, 15 und 12, spielen im Verein, der jüngere träumt immer noch davon, Profi zu werden. Er hat dreimal die Woche Training im Verein, und bis vor Kurzem war er noch einmal die Woche beim Stützpunkt-Training. An den Wochenenden sind die Spiele. Ich bin fast immer dabei, bei Sonne, Regen und Frost stehe ich am Spielfeldrand, so wie Millionen anderer Väter und Mütter. 2,2 Millionen jugendliche Mitglieder hat der Deutsche Fußball-Bund, 120.000 Mannschaften treten jedes Wochenende in Deutschland gegeneinander an.

Allein in Berlin gibt es fast 2.100 Jugendmannschaften. Anders als in Teilen von Mecklenburg-Vorpommern, wo Mannschaften zusammengelegt werden, damit überhaupt noch ein Spielbetrieb zustande kommt, nimmt in Berlin mit jeder Saison die Zahl der Kinder zu, die in Fußballvereine eintreten, weil immer mehr Menschen in die Stadt ziehen. Die fußballerische Infrastruktur ist für diesen Zuwachs nicht ausgelegt. Es gibt Vereine, die keine neuen Mitglieder mehr aufnehmen, weil sie weder über genügend Trainer noch über Trainingskapazitäten verfügen, da müssen sich manchmal 20 Mannschaften einen Sportplatz teilen, der dann geviertelt wird, damit vier Mannschaften gleichzeitig trainieren können. Es fehlt auch an Schiedsrichtern. Wenn zu den Spielen an den Wochenenden einer auf dem Platz steht, ist die Überraschung groß. Häufiger ist es so, dass kein Schiedsrichter erscheint, obwohl einer vom Verband "angesetzt" wurde. Alle warten auf den Schiedsrichter, aber er kommt nicht, und niemand weiß, warum. Nicht selten springt dann ein Vater ein, der, wenn es gut läuft, eine ungefähre Vorstellung von den Regeln hat. Oder einer der Trainer. Was dann zu absurden Situationen führt: Der Schiedsrichter gibt den Spielern Anweisungen oder, das habe ich auch schon erlebt, lässt Freistöße erst ausführen, nachdem sich seine Spieler richtig aufgestellt habe. Normalerweise ist es nur eine Frage der Zeit, bis er sich mit dem Trainer der anderen Mannschaft in die Haare bekommt. Was ich auch sehr oft sehe, sind Spieler, die zwölf Jahre alt sein sollen und die Statur eines Rugbyspielers haben, eines erwachsenen wohlgemerkt. Wir Eltern machen oft Witze darüber und malen uns aus, wie sich die Nummer 5 des Gegners nach dem Spiel ans Steuer seines Autos setzt und sich im Wegfahren den Ehering an den Finger steckt. Chris, Trainer der D-Jugend der SG Prenzlauer Berg, der Mannschaft, in der mein jüngerer Sohn spielt, sagt, er habe in jedem Spiel Hintergedanken, ob alles mit rechten Dingen zugehe. Bei einem Spiel wollte er den gegnerischen Co-Trainer begrüßen und stellte fest, dass es einer der Spieler war. Zwar ist der Schiedsrichter angehalten, Stichproben zu machen und sich die Spielerpässe zeigen zu lassen, aber es ist nicht ungewöhnlich, dass in den Pässen Kleinkindfotos kleben.

Es gibt Spiele, da habe ich schon vorher ein mulmiges Gefühl. Auf der Hinfahrt sitzen dann Kinder im Auto, die lange vor dem Anpfiff in sich gekehrt sind, weil sie ahnen, was sie auf dem Platz erwartet. Mein zwölfjähriger Sohn erzählt mir von Gegenspielern, die ihm zuriefen, sie würden ihn weggrätschen oder ihm gar die Beine brechen. Vor Kurzem hat der gegnerische Trainer nach einem verlorenen Spiel der Mannschaft meines Sohnes gedroht: "Wir sehen uns wieder!" – und zwar im Tonfall von Don Corleone. Von anderen Eltern höre ich dann öfter "Das gehört zum Fußball dazu" und "Später in der B- und A-Jugend geht es noch heftiger zur Sache". Und ich frage mich dann jedes Mal, ob ich zu empfindlich bin, ein Schönwetterspielervater, und ob es das ist, was der Fußball meinem Sohn beibringen soll: sich eben auch mal durchzusetzen, wenn es schwierig wird. Vielleicht bin ich ein Romantiker, aber stolz bin ich vor allem dann auf meine Jungs, wenn sie nach einem Foul dem Gegner die Hand geben oder den Ball ins Aus spielen, wenn sich ein Spieler wehgetan hat. Das zahlt sich aber nicht immer aus. Ich habe schon erlebt, dass zwei Abwehrspieler derselben Mannschaft beim Kopfball mit der Stirn zusammenstießen und liegen blieben und der gegnerische Trainer seinem Stürmer zurief, er solle weiterspielen, und dieser dann allein vor dem Torwart stand und den Ball ins Netz schob. (Und weil es mal wieder keinen richtigen Schiedsrichter gab, zählte das Tor.) Das sind Momente, in denen ich mich zusammenreißen muss, um nicht zu einem dieser Brüllväter zu werden.

Es ist der Trainer, der den Charakter einer Mannschaft prägt. Leider können sich die meisten Vereine ihre Trainer nicht aussuchen. Sie sind froh, wenn sie jemanden finden, der Kindermannschaften betreut. Vor allem natürlich die Vereine, die eher selten etwas gewinnen und in den unteren Ligen herumkrebsen.

Damals, als wir mit dem Fußball anfingen, hat es einige Anläufe und diverse Probetrainings gebraucht, bis ich einen Verein gefunden habe, dessen Trainer ich meine Söhne guten Gewissens anvertrauen konnte. Es gab welche, die schon während des Trainings im Beisein der Eltern die Kinder anbrüllten oder Kinder, die sich wehgetan hatten, weinend liegen ließen. Oder sie um den Platz scheuchten wie Felix Magath zu seinen besten Zeiten. Es ist keine zwei Wochen her, da sind sich nach einem Spiel meines jüngeren Sohnes der gegnerische Trainer und sein Co auf dem Platz vor den Augen der Kinder an die Gurgel gegangen, dem Co war der Geduldsfaden gerissen, er hatte den Trainer angeschrien, weil der die Kinder immer so anschreie. Sie ließen erst voneinander ab, nachdem Mütter dazwischengegangen waren und eine drohte, die Polizei zu holen. Bei einem Spiel meines älteren Sohnes hat kurz vor Ende der gegnerische Co-Trainer die Schiedsrichterin, ein Mädchen von vielleicht 15 Jahren, so wüst beschimpft, unter anderem als Missgeburt, dass sie das Spiel abbrach und sich erst mal in der Kabine einschloss. Zwar musste sich der pöbelnde Co-Trainer danach vor dem Sportgericht verantworten und an einem Anti-Aggressions-Training teilnehmen, was aber nichts daran ändert, dass dieser Mann zum Trainerstab einer Kindermannschaft gehörte.

Sebastian Lingens hat immer wieder mit solchen Trainern zu tun. Lingens, 36, ist einer von 14 Sportrichtern, die beim Berliner Fußball-Verband für den Jugendbereich tätig sind. Er macht den Job ehrenamtlich, eigentlich ist er Anwalt. Etwa 1.000 Aktenzeichen gibt es pro Saison im Jugendbereich, also Regelverstöße, die der Schiedsrichter im Spielbericht meldet.

Vielleicht bin ich ein Romantiker, aber ich bin stolz auf meine Jungs, wenn sie einem Gegner nach einem Foul die Hand geben

Ungefähr 750 davon landen vor dem Sportgericht. Jeden Dienstag ab 18 Uhr finden die Jugendverfahren statt, im Haus des Fußballs in Berlin-Halensee. Drei Räume, Tische in U-Form, an deren Kopfseite die Richter sitzen. Geahndet werden Tätlichkeiten, Beleidigungen, Spielabbrüche. Viele Spielabbrüche, erzählt Lingens, würden von Trainern provoziert, die Schiedsrichter beleidigen oder mit ihrer Mannschaft einfach den Platz verlassen. Es kam auch schon vor, dass Schiedsrichter nach dem Spiel bis zur Bushaltestelle verfolgt wurden. Lingens sagt, die Aggression werde meist von außen auf den Platz getragen, entweder durch Eltern oder eben durch die Trainer; die Kinder selbst seien nicht das Problem. Er habe schon Gerichtsverfahren erlebt, nach denen sich die Kinder wieder vertrugen, während die Erwachsenen sich immer noch wie die Kesselflicker stritten.

Chris, Trainer der D-Jugend der SG Prenzlauer Berg, der Mannschaft meines jüngeren Sohnes, steckt sich mittlerweile vor jedem Spiel als Erstes mit vier Hütchen eine Coaching-Zone am Spielfeldrand ab, die Eltern nicht betreten dürfen, eine Empfehlung des Berliner Fußball-Verbands. Er hat mal erlebt, wie ein Zuschauer aufs Feld gesprintet kam und ihn mit einem Faustschlag niederstrecken wollte. Ausgerechnet Chris, der an der Seitenlinie fast eine buddhahafte Ruhe ausstrahlt und nicht mal in Rage gerät, wenn einer seiner Spieler auf die Knochen bekommt. Ich habe ihn noch nie brüllen gehört. Für die Kinder ist er eine Vertrauensperson geworden, einer, dem sie von ihren Schwierigkeiten in der Schule erzählen und von ihren Ängsten vor wichtigen Spielen. Diese vertraute Gemeinschaft ist ein Grund, warum ich will, dass meine Söhne Fußball spielen. Ein anderer: Der Verein ist der einzige Ort in ihrem Leben, der soziale Milieus aufbricht. Im Verein spielen Kinder, die anders groß werden als meine, in anderen Stadtteilen, mit Eltern, die kein Deutsch sprechen. Da ist ein Junge, der mit seiner Familie aus Afghanistan geflohen ist und in einem Flüchtlingsheim am anderen Ende der Stadt wohnt und trotz zweistündiger Fahrt zu jedem Training kommt. Ist es nicht das, worum es gehen sollte beim Jugendfußball? Um die Gemeinschaft und einen Trainer, der sich für sie verantwortlich fühlt?

Neben seinem Job in einer IT-Firma widmet Chris 20 Stunden in der Woche seiner D-Jugend, ehrenamtlich; er bekommt fünf Euro Aufwandsentschädigung pro Trainingseinheit, bei dreimal Training in der Woche macht das 15 Euro, dazu kommen 1,25 Euro pro Spiel am Wochenende. Die Fahrten zahlt er aus der eigenen Tasche oder nimmt das Rad quer durch die Stadt. Einen Trainerschein hat er bislang nicht gemacht, 120 Euro kostet der Lehrgang für die C-Lizenz, dazu 30 Euro für die Erstellung der Lizenz. Damit der Verein die Kosten übernommen hätte, hätte sich Chris für einen längeren Zeitraum verpflichten müssen, und das wollte er nicht. Und nicht jeder Club zahlt seinen Trainern den Lehrgang, es gibt welche, die das Geld lieber in die Weihnachtsfeier der Herrenmannschaft investieren. Vom Berliner Fußball-Verband bekommen die Vereine pro Jahr für jede gemeldete Jugendmannschaft 140 Euro, es ist Geld aus den Lotto-Mitteln. Während allein die 36 Profivereine mehr als eine Milliarde Euro pro Saison an Fernsehgeldern einnehmen, spielte die Mannschaft meines jüngeren Sohnes jahrelang in denselben langärmligen Trikots, auch im Sommer, bis eine Mutter einen Sponsor auftat. Mein älterer Sohn hat einen Trainer, der selbst noch in der Ausbildung steckt und gerade von seinem Ersparten neue Trikots für seine Mannschaft gekauft hat. Vor elf Jahren, im Alter von 16, fing er als Jugendtrainer an. Was sich verändert habe? Das Niveau drifte immer weiter auseinander, sagt er. Da sind einerseits die Leistungsvereine, die höherklassig spielen, spendablere Sponsoren haben, gute Trainer, bessere Spieler. Und da sind andererseits die Vereine, die sportlich nichts reißen und statt eines Trainers oft einen Vater an der Seitenlinie haben, weil sich sonst niemand finden lässt. Dürfte er sich etwas vom Verband wünschen, dann eine bessere Trainerförderung. Ansonsten ist er durchaus glücklich, sagt er, immerhin habe jede Mannschaft in seinem Verein mittlerweile genügend Bälle.

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