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Das war meine Rettung Zadie Smith fiel aus dem Fenster. Dank ihres "dicken Hinterns", wie sie selbst sagt, hat sie überlebt.

Sie wollte nur eine Zigarette am Fenster rauchen, und stürzte ab. Die Schriftstellerin Zadie Smith konnte sich nur deshalb retten, weil sie ruhig blieb. Von
ZEITmagazin Nr. 51/2017

ZEITmagazin: Frau Smith, Sie vermischen in Ihren Büchern Fiktion und Realität. Wie kann man solche Gegensätze eigentlich zusammenbringen?

Zadie Smith: Meine Lebensphilosophie besteht darin, sich mit dem scheinbar Widersprüchlichen, Unbequemen anzufreunden. Ich lebe Gegensätze aus und trenne sie nicht. Ich neige dazu, Widersprüche und Kompliziertes interessant zu finden anstatt bedrohend.

ZEITmagazin: Was ist falsch daran, Stellung zu beziehen und verbindlich zu sein?

Smith: Wenn Menschen Widersprüchliches in sich unerträglich finden und es nicht tolerieren, neigen sie zu gewalttätigen Reaktionen. Sie glauben, sich unbedingt festlegen zu müssen. Ich denke zum Beispiel an den offensichtlich schwulen Muslim, der in einem Nachtclub für Schwule in Orlando all diese Menschen niedergeschossen hat. Es ist völlig natürlich und gesund, zwei vermeintlich widerstreitende Seiten in sich anzunehmen und sich mit ihnen anzufreunden. Wenn ich schreibe, versuche ich aufzuzeigen, dass Gegensätzliches nicht negativ ist. Und überhaupt: Ich bin eine Person voller Widersprüche. Für mich ist es keine Tugend, immer ausgeglichen zu sein, ich mag lieber Menschen, die flexibel sind. Wenn jemand sagt: "Ich weiß nicht, wer ich bin", ist das für mich etwas Positives.

ZEITmagazin: Sie sind eine angesehene Schriftstellerin, Ihr ganzes Leben haben Sie die Erfolgsleiter erklommen. Sind Sie schon mal abgestürzt?

Smith: Im wahrsten Sinne sogar. Als ich 15 Jahre alt war. Ich bin damals vom obersten Stockwerk unseres Hauses, so aus 20 Meter Höhe, gestürzt, als ich heimlich eine Zigarette rauchte und mich vor meiner Mutter versteckte. Es war eine groteske Situation, weil jeder dachte, dass ich mich umbringen wollte.

ZEITmagazin: Was ist genau passiert?

Smith: Ich saß auf der Kante des Fenstersimses, rauchte eine Zigarette und war melancholisch. Dann fiel ich aus dem Fenster, das hat schon Misstrauen geweckt. Als ich fiel, versuchte ich mich noch an der Regenrinne festzuhalten, doch ich realisierte, dass diese bald brechen und ich deshalb sterben würde. Es war in dem Moment gar nicht so dramatisch, ich war eigentlich sehr ruhig und bei vollem Bewusstsein. Das überraschte mich, weil ich überhaupt nicht mutig bin und dachte, es ist fast schon komisch und bescheuert, auf diese Weise mit 15 Jahren zu sterben. Während all diese Gedanken mir durch den Kopf schossen, war mein Körper total entspannt. Später sagten mir die Ärzte, dass das von großem Vorteil war: Wäre ich ängstlich gewesen oder hätte wild gestrampelt, wäre ich wohl gestorben.

ZEITmagazin: Sie sehen so zierlich aus, haben Sie sich denn keine Knochen gebrochen?

Smith: Ich war damals sehr dick und landete in aufrechter Sitzhaltung mit ausgestreckten Beinen auf meinem Hintern, der alles abfederte. Meine Beine und mein Becken waren gebrochen, aber ich war nicht tot. Es stimmt, was man sagt, dass das Leben in so einem Augenblick wie ein Blitz an einem vorbeizieht. Ich fühlte mich seltsam euphorisch, ich habe ein derartiges Gefühl nie wieder gespürt. Dass es nicht zum Äußersten kam, verdanke ich letztlich meinem dicken Hintern. Er hat mir das Leben gerettet.

ZEITmagazin: Haben Sie nicht das Bewusstsein verloren?

Smith: Ich war die ganze Zeit bei vollem Bewusstsein, es war wirklich eine sehr merkwürdige Situation. Menschen, die so eine Nahtod-Erfahrung gemacht haben, sagen einem, dass alles, was hinterher passiert, ein Gewinn ist. Durch den Unfall habe ich entschieden, etwas mit meinem Leben anzufangen. Damit endete meine Pubertät.

ZEITmagazin: Gibt es irgendeine Beziehung zwischen Ihrer Arbeit als Schriftstellerin und dem Sturz aus dem Fenster?

Smith: Ja. Fünf Jahre später, auf den Tag genau, wurde mein kleinster Bruder von einem Laster überfahren und wäre daran fast gestorben. Er wurde sehr schwer verletzt, aber er überlebte. Das löste in mir ein Gefühl aus, meine Einstellung zum Thema Tod zu überdenken. Ich habe ein großes Problem mit der Zeit, denn ich finde es sehr schwierig, im Augenblick zu leben. Ich denke immer daran, was kann ich jetzt tun, was mache ich danach, immer versuche ich, so produktiv wie möglich meine Zeit zu nutzen. Alles, was ich immer werden wollte, war Schriftstellerin. Für mich ist es eine Ermahnung, in welch kurzer Zeit ich meine Arbeit erledigen muss. Das war mir schon mit 15 Jahren klar, dass ich gewisse Aufgaben erfüllen muss. Der Unfall war wie ein Arschtritt, der mir klarmachte, dass ich mit meinem Leben etwas anfangen muss.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer
Gesprächsreihe.

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