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Das war meine Rettung "In meinen Träumen jagen mich entweder Nazis, Araber oder Tiere"

Die Autorin Lizzie Doron erbte das Holocaust-Trauma ihrer Mutter. Ein Professor half ihr, es zu überwinden. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 53/2017

ZEITmagazin: Frau Doron, Ihr Buch Sweet Occupation wurde nur in Deutschland – also auch nicht in Israel – veröffentlicht. Warum?

Doron: In dem Buch interviewe ich drei ehemalige palästinensische Terroristen. Ich versuche ihre Wut, ihren Hass und ihre seelischen Verletzungen zu verstehen und habe dabei gelernt, sie als Menschen zu sehen. In Israel werde ich deswegen von vielen einflussreichen Menschen als Verräterin betrachtet. Ich werde nicht einmal mehr zum Schoah-Gedenktag eingeladen. Ich bin in Israel keine liebenswerte Schriftstellerin mehr, die sich ausschließlich mit dem jüdischen Trauma der Schoah beschäftigt. Einer meiner skandinavischen Verleger sagte mir, er möchte keine Probleme mit den Muslimen, er könne mich bei Lesungen nicht beschützen. Ein französischer Verleger sagte, nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und im Bataclan, dass er eine Pause brauche. Mein Agent in England sagte: Da du Israelin bist, werden dich viele Israelkritiker boykottieren.

ZEITmagazin: Nur in Deutschland hat es also funktioniert.

Doron: Das ist der Preis, den eine Schriftstellerin zahlen muss, wenn sie eine klare Position bezieht, wenn sie über Hass, Ängste und Vorurteile und über den Umgang mit dem Feind schreibt.

ZEITmagazin: Sie werden ausgegrenzt, weil Sie bewusst brisante Themen aufgreifen und im Feind den Menschen erkennen, wie ist das für Sie?

Doron: In Israel habe ich gespürt, dass ich gehen musste. Ich kann kein Schaf sein. Ich kann ein Hund sein, ein Tiger, aber ich kann nicht blind mit der Herde laufen. Ich muss wegrennen, wie meine Mutter, die sich vor dem Transport nach Auschwitz gerettet hat.

ZEITmagazin: Wie hat sich das Leid Ihrer Mutter auf Sie ausgewirkt?

Doron: Mutter wollte so leben wie vor dem Holocaust. Sie sprach mit mir Deutsch, Polnisch oder Jiddisch, kochte so, als würde sie immer noch in Europa leben. Zu Hause musste ich meine israelische Identität verstecken, und nach außen musste ich die Identität meiner Mutter verbergen. Als Überlebende hat meine Mutter versucht, ihre jüdischen Wurzeln zu leugnen.

ZEITmagazin: Warum musste sie das gerade in Israel tun?

Doron: Meine Mutter fand, an Gott zu glauben sei ein Fehler. Sie hatte eine Riesenwut auf Gott und auf die Rabbiner. Als meine Mutter mit anderen nach Auschwitz deportiert werden sollte, rief ein Rabbi dazu auf zu beten, so werde Gott sie retten. Meine Mutter hingegen fand, dass Gott seinen Aufgaben nicht besonders gut nachkam. Ihr war klar, dass sie sich nicht auf den Rabbi und auf Gott verlassen konnte. Sie musste stattdessen ihre eigene Entscheidung treffen, was ihr letztlich das Leben gerettet hat. Zusammen mit einem anderen Mädchen ging sie zu einem deutschen Offizier und hat ihm gesagt, dass ein Fehler vorliege, sie seien gar nicht jüdisch. So entgingen beide dem Transport nach Auschwitz.

ZEITmagazin: Was hat dieser Schrecken mit Ihrer Mutter gemacht?

Doron: Da meine Mutter niemandem vertraute, zweifelte sie daran, dass ich überleben würde. Zu der Zeit, als Kinderlähmung sehr verbreitet war, erhielt jeder in der Schule eine Polio-Impfung. Meine Mutter hegte Zweifel daran, dass ich die richtige Dosis bekam, so wurde ich ein zweites Mal geimpft. Danach musste ich 24 Stunden ins Krankenhaus, weil man keinerlei Erfahrung mit einer zweifachen Polio-Impfung hatte und Angst hatte, dass ich doch die Kinderlähmung bekomme. Es durfte niemals Zweifel in unserer Familie geben. Wir mussten reagieren, handeln und kontrollieren.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielt Angst in Ihrem Leben?

Doron: In meinen Träumen jagen mich entweder Nazis, Araber oder Tiere. Ich habe gelernt, mit dieser Angst umzugehen. Ich habe während meines Studiums in einer Nervenklinik als Ergotherapeutin gearbeitet. Mein Professor wurde mein Therapeut, und er hat mich gerettet. Er hat mir geholfen, sodass ich meine Geschichte erzählen konnte. Ich war voller Angst. Überall sah ich Geister. Ich wusste, dass meine Mutter ein seelisches Wrack war, und ich sah, wie ich auch in ein schwarzes Loch abrutschte.

ZEITmagazin: Wie hat Sie Ihr Professor da rausgeholt?

Doron: Mein Professor sagte mir immer: Mit deiner Lebensgeschichte solltest du Patientin und nicht Therapeutin sein. Du hast so viel Fantasie, und ich habe Sorge, dass, wenn du deine Probleme nicht löst, aus dir ein Zombie wird. Er war derjenige, der mich ermutigt hat zu schreiben, und ich gestehe: Von dem Tag an, an dem ich begann, meine Erinnerungen aufzuschreiben, spürte ich die Energie weiterzumachen. Es ist ein ganz großes Glücksgefühl, jeden Morgen aufzuwachen und schreiben zu wollen.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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