© Matthew Pillsbury courtesy Benrubi Gallery, New York

Psychologie Was ist die Seele?

Kein Mensch hat sie je gesehen, und über ihre Existenz wird seit Jahrtausenden gestritten. Gerade erlebt sie einen ziemlichen Aufschwung. Unsere Recherchen, um die Seele aufzuspüren, führten uns unter anderem in ein Restaurant in New York, auf einen Fußballplatz in Westfalen und in ein Bestattungsmuseum in Kassel. Von , , , , , , und
ZEITmagazin Nr. 53/2017

Vom Wesen der Seele

Von Sabine Rückert

Die Seele ist der Grund, warum ein Mensch lebt. In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments bläst Gott dem Menschen seinen Atem ein – und er atmet ebenfalls. Er ist jetzt belebt und "beseelt" durch den Lufthauch Gottes, ein Geschenk der göttlichen Macht.

Jeder, der einen Menschen sterben sah, kann sich vorstellen, dass es eine Seele gibt. Wenn eine Person tot, also zur unbelebten, reinen Materie geworden ist, erkennst du sie nicht wieder. Da liegt sie, fremd, als hättest du sie nie zuvor gesehen. Eine Hülle. Das Leben, die Seele, ist raus.

Andersherum bei der Geburt. Wer bei einer Geburt dabei war, versteht, was mit "Seele" gemeint ist. Da blickt dich plötzlich jemand an, der aus dem Nichts kommt. Und schreit den göttlichen Atem, der ihm eingeblasen wurde, mit aller Macht heraus. Der erste Schrei, der letzte Atemzug – das sind Erlebnisse, die als Begegnungen mit der Seele wahrgenommen werden.

Im Neuen Testament kommt der Begriff der Seele in persönlichen Krisen vor. Wenn sich die Frage stellt, was ist mir wichtig, wichtiger als mein Leben: Die Christen glauben, dass der Gewinn des wahren Lebens einen Menschen sein leibliches Leben – nicht aber die Seele – kosten kann. Die Hingabe des Lebens für etwas Größeres kann also eine richtige Entscheidung im Sinne der Seele sein. Wir können unser Leben aus uns heraus nicht verlängern, aber wir können es – für andere – verschenken.

Und wir können durch eine falsche Entscheidung alles verlieren – unsere Gottesnähe und Gottesebenbildlichkeit oder modern: unsere Identität. Im Markus-Evangelium sagt Jesus einen der berühmtesten Sätze der Christenheit: "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?"

Die Seele ist der letzte unverwechselbare und unverfügbare Kern eines Menschen. Die Wissenschaft versucht die Seele als biochemischen Vorgang in Gehirn und Körper (weg-) zu definieren. Google und Facebook bemühen sich, die Seele des Einzelnen durch Dauerbeobachtung all seiner Regungen zu durchschauen und zu erfassen. Damit wird aber nicht klar, was die Seele ist.

Jeder Mensch trägt von seinem innersten Wesen nur einen Bruchteil nach außen. Wir zeigen unsere Individualität, unsere Unteilbarkeit, besonders dort, wo wir sie (mit)teilen: in der Liebe. In ihr entäußert sich die Seele. In Beziehungen, lebendigen, guten, starken, ehrlichen Beziehungen, wird die Seele erkennbar. Anderen helfen, anderen etwas bringen, nicht nur für sich selbst da sein, das ist nach christlicher Vorstellung der Sinn des Lebens und gut für die Seele. Denn sie ist etwas, das von sich selbst weiter aufs Ganze weist und das ein Zeichen der Dankbarkeit ist für den geschenkten Lebenshauch.

Und wo wohnt die Seele? An vielen Orten. "Es waren Augen", beschreibt der Schriftsteller Jack London einen Mann, "die die Seele unter tausend Verhüllungen verbargen und die sich mitunter, bei seltenen Gelegenheiten, öffneten und ihr erlaubten, hervorzustürzen, als wolle sie sich nackt und bloß auf ein wundervolles Abenteuer in die Welt begeben."

Aber die Seele wohnt auch im Gesicht – sie ist überall: in der Art, wie du lachst, wie du redest oder schaust. In der Art, wie jemand geht oder die Brille hochschiebt. Jener Art, wodurch man selbst eineiige Zwillinge unterscheiden kann.

Die Seele liegt auch in der Vergangenheit, in der Kindheit, in der die Eltern und die engste Umwelt den Neuankömmling prägen – durch ihre Art der Zuwendung, ihre Stimme, ihre Worte, ihre Präsenz, ihre Liebe, ihren Umgang miteinander. Liebe und Zuwendung lassen die Seele reifen, prägen das Innere des Menschen mehr und mehr und machen aus ihm das, was er wird und jeden Tag mehr ist: ein Unikat.

Die Seele in uns entwickelt sich also – wenn sie gepflegt wird – jeden Tag ein Stückchen weiter bis zum letzten. Danach wohnt sie – so glauben es die Christen – bei Gott selbst, der sie in ihrer Einzigartigkeit aufhebt (Luther spricht vom "Schlaf der Seele") bis zum Jüngsten Tag.

Die Seele wohnt an vielen Orten – sie ist überall zugleich und nirgends zu fassen. © Matthew Pillsbury courtesy Benrubi Gallery, New York

Auf der Suche nach ihrem Geheimnis

Von Matthias Kalle, Sascha Chaimowicz, Heike Faller, Lilith Grull, Tillmann Prüfer, Matthias Stolz und Annabel Wahba

Schuld an dieser Recherche ist Ryan Gosling, nicht Gosling selbst, sondern die Figur, die er im Kinofilm Blade Runner 2049 spielt. Wobei es streng genommen bloß auf einen Satz ankommt, den diese Figur sagt.

Blade Runner 2049 ist eine Fortsetzung, und wie im ersten Teil aus dem Jahr 1982 geht es um die Frage, was den Menschen zum Menschen macht. Beide Filme sind Dystopien, das heißt: böse Utopien. Sie spielen in einer unwirtlichen Zukunft, in der lebendige Menschen mit "künstlichen" Menschen – also mit biologischem Material ausgestatteten Maschinen – zusammenleben, den sogenannten Replikanten. Diese wurden von den Menschen geschaffen, um die Drecksarbeit zu erledigen, aber einige Modelle gerieten zu gut, begehren nun auf und werden gejagt – eine Aufgabe, die unter die Drecksarbeit fällt und daher wiederum von gefügigen Replikanten erledigt wird. Ryan Gosling also spielt K, einen dieser braven Replikanten, und er macht bei seiner Jagd eine unfassbare Entdeckung: Ein weiblicher Replikant ist schwanger geworden und bringt tatsächlich ein Kind zur Welt. Ks Aufgabe besteht nun darin, dieses Kind zu finden und zu töten, denn wenn die Welt erführe, dass Replikanten Kinder zur Welt bringen können, fiele das gesamte System in sich zusammen. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine wäre aufgehoben.

K möchte den Auftrag nicht ausführen. Zu seiner Vorgesetzten sagt er, er habe noch nie etwas getötet, was geboren wurde. Als die Vorgesetzte fragt, wie er das meine, sagt er jenen Satz: "Geboren zu werden – das bedeutet, eine Seele zu haben, denke ich."

Es war schon immer eine Qualität Hollywoods, komplizierte Sachverhalte oder philosophische Fragen so zu illustrieren, dass Millionen Kinozuschauer den Sinn verstehen. Ein andere Qualität Hollywoods besteht darin, dem Zeitgeist nachzuspüren – und tatsächlich hat die Seele gerade Konjunktur. Das Wort taucht überall in den Regalen der Buchläden auf, es gibt ein neues Interesse an Innerlichkeit, an einer Art Rückzug – gerade weil die Welt zurzeit ein seelenloser Ort zu sein scheint. Die Seele ist zudem etwas, worauf sich die Weltreligionen einigen können – einzig der Buddhismus will nichts mit ihr zu tun haben, dessen Konzept der Wiedergeburt kommt ohne die Seele aus.

Nur: Was genau soll das sein – die Seele?

Und wo ist sie zu finden?

Wir können schon vorab verraten: Es gelang uns Autoren leider nicht, den Sitz der Seele letztgültig zu recherchieren. Wir wissen auch immer noch nicht, ob es sich bei der Seele um ein stoffliches Ding handelt oder eher um eine Art Gas oder um Licht oder um Musik. Auch bei der Sache mit der Unsterblichkeit wagen wir nicht, uns festzulegen. Aber wir haben einige Erkenntnisse darüber erlangt, was die Seele sein könnte. Dafür haben wir mit ungewöhnlichen Experten gesprochen: etwa mit einem Fußballtrainer und einer Technikphilosophin. Wir haben Soul-Food gegessen und ein Bestattungsmuseum besucht. Wir haben gelesen, Filme geschaut und Musik gehört. Und wir sind zurück in die Vergangenheit gereist.

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