Psychologie Was ist die Seele?

Die Smartphones, in die alle ständig starren, bekommen die auch irgendwann eine Seele? © Matthew Pillsbury courtesy Benrubi Gallery, New York

"Früher beteten die Angehörigen für den Sterbenden", sagt Eppler. "Sie versuchten alles zu tun, damit der Mensch vom Leid befreit und die Seele vom Bösen in der Nachwelt verschont würde." Heute stünden eher die Angehörigen im Vordergrund, und die Seele diene mehr als Gedankenkonstrukt, das ihnen über den Verlust hinweghelfen solle.

"Neben den Religionen hat die Aufklärung auch einen deutlichen Einfluss auf den Umgang mit dem Tod und der Existenz von einem Jenseits. Auch die Vorstellung der Seele hat sich so verändert", sagt Eppler. Das Leben im Diesseits werde heute so geschätzt und ausgekostet, dass das Jenseits fast nichtig erscheine – schließlich arbeite auch die Wissenschaft pausenlos daran, das Leben in Richtung Ewigkeit zu verlängern. "Trotzdem bleibt es ein kulturübergreifendes Phänomen, dass etwas über den Tod hinaus bestehen kann: die Seele."

"Die laienhafte Vorstellung ist wohl, dass die Seele das Wesenhafte ist. Das, was bleibt, wenn der Körper verschwindet." Gerold Eppler deutet auf sein liebstes Exponat, eine Installation, Ray of Hope von Marlies Poss. In einem viereckigen Drahtkäfig hängen sich zwei Teile einer Frau gegenüber: eine zusammengefallene Hülle, ihr hautähnlicher Körper, und gegenüber etwas wie ein Schatten, die Seele, zerfranst, aus feinem Draht; an jener Stelle, wo sich der Käfig öffnet.

Wie stellt er sich selbst die Seele vor? "Die Seele ist etwas, was unzerstörbar ist", sagt Eppler. "Man bewirkt mit seinem Handeln etwas, das auch ohne die persönliche Anwesenheit wirkt. Allein schon bei einer einzigen Begegnung. Man sagt etwas, der andere geht darauf ein. Ein Gedanke geht in den anderen über und lebt so eine Zeit lang fort." Die Seele also als etwas, das Individuen verbindet, das sie zur Gemeinschaft werden lässt. Wenn man diesen Gedanken einmal weiterverfolgt, könnte es dann sein, dass man der Seele auch dort nachspüren kann, wo man sie nicht unbedingt vermutet? Zum Beispiel auf dem Fußballplatz? Im Fußball heißt es ja über bestimmte einzelne Spieler, sie seien die "Seele der Mannschaft". Manchmal kommt es aber auch vor, dass eine ganze Mannschaft eine Seele hat, ein profaneres Wort dafür lautet Teamgeist. Ein Experte für diesen Teamgeist ist der Fußballtrainer Ismail Atalan, 37. Er hat es geschafft, ein Außenseiterteam zu Erfolgen zu führen, die weit über das hinausgehen, was die Einzelspieler, addiert man lediglich ihre Fähigkeiten, eigentlich hätten erreichen können.

Atalan, ein Kurde, der mit fünf Jahren nach Deutschland kam, war lange Amateurtrainer. 2015 übernahm er den Verein VfL Sportfreunde Lotte, der damals in der Regionalliga West spielte, also in der vierten deutschen Liga. Und mit seiner Mannschaft schaffte er ein Wunder, ein Pokalwunder.

2016 nahm Lotte, inzwischen Drittligist, am DFB-Pokal teil und schlug hintereinander drei Bundesligamannschaften. Zunächst Werder Bremen, dann Bayer Leverkusen und schließlich den Zweitligisten 1860 München (mit 2:0). Erst Borussia Dortmund konnte Lotte im Viertelfinale stoppen. Was war in diese Mannschaft gefahren, das sie so gut werden ließ? Ebendas, was manche Teamgeist nennen – und andere Seele.

"Die Seele einer Mannschaft ist die Hilfsbereitschaft der Spieler – wie sie sich gegenseitig unterstützen", sagt Atalan. "Ein Mitspieler macht einen Fehler, der zu einem Tor führt, und dann guckst du die zehn anderen an: Wie reagieren sie? Gehen sie zu ihm rüber und lassen ihn nicht allein? Unterstützen sie ihn in den nächsten Minuten? Oder umgekehrt: Freuen sie sich, wenn ein anderer ein Tor erzielt?"

Eine Mannschaft ohne Seele, sagt Atalan, könne langfristig keinen Erfolg haben. Träten zwei Mannschaften gegeneinander an, von denen die eine auf dem Papier über die sportlich besseren Spieler verfüge, die andere aber über mehr Seele, Spirit und Zusammenhalt, werde in neun von zehn Fällen das zweite Team gewinnen.

Und wie erschafft man die Seele einer Mannschaft? Atalan nennt drei Faktoren: Einzelspieler, die keine Egoisten sind. Ein Interesse der Spieler füreinander, für das Leben, die Kultur, die Persönlichkeit des anderen. Und schließlich: ein menschlicher Umgang von Trainer und Verein mit den Spielern.

Man ist früher auch einmal in die Kirche gegangen, um im Gebet seine Seele mit Gott zu vereinen. © Matthew Pillsbury courtesy Benrubi Gallery, New York

Und dann sagt Atalan noch etwas Überraschendes. Es bezieht sich auf jenen Verein, der eine Art Gegenmodell zu Lotte ist, den FC Bayern. Das Erfolgsgeheimnis von Bayern München, glaubt Atalan, sei nicht das Geld, wie so viele glauben. Sondern die Seele. "Ich bin überzeugt, dass Bayern so erfolgreich ist, weil Uli Hoeneß sehr gut zu den Menschen ist. Es liegt nicht am Geld. Nicht nur. Sondern daran, dass Hoeneß mit Menschen immer fürsorglich umgegangen ist." Uli Hoeneß – die Seele des FC Bayern München. Das würde ihm gefallen.

Wenn ein Mensch die Seele eines Vereins sein kann – kann dann auch ein Ort die Seele einer Stadt, eines Stadtteils sein? New York, Stadtteil Harlem. Die Adresse lautet 328 Malcolm X Boulevard. Hier befindet sich seit 1962 das familiengeführte Sylvia’s Restaurant. Barack Obama ist schon hierhergepilgert, ebenso Ed Sheeran, Naomi Campbell, Bill Clinton, James Brown, Janet Jackson, Whoopi Goldberg, Denzel Washington, LL Cool J und Beyoncé. Sylvia’s Restaurant besteht aus einer Bar und zwei Esszimmern. Es ist das berühmteste Soul-Food-Lokal der USA. An den Backsteinwänden hängen Fotos der prominenten Besucher, im Hintergrund läuft Soul-Musik, zum Beispiel von James Brown.

Wer heute bei Sylvia’s bestellt, bekommt dasselbe vorgesetzt wie die Gäste damals, 1962: Fried Chicken, Sweet Potatoe Pie, Bohnen namens Black Eyed Peas, Chicken-Wings, Maisbrot. Es sind Gerichte, die schon Sylvia Woods’ Großmutter zubereitet hat. Sylvia Woods nannte sie Soul-Food. Die Speisen sollten eine Verbindung herstellen zwischen den afroamerikanischen Gästen und ihren Vorfahren. Zu den Frauen und Männern also, die im Süden der USA als Sklaven arbeiten mussten.

Die Geschichte der Gründerin Sylvia Woods ist in den USA berühmt. In jungen Jahren arbeitete sie Anfang der 1960er Jahre als Kellnerin in Johnson’s Luncheonette. Als der Inhaber in Rente ging, bot er das Lokal seiner besten Mitarbeiterin zu vergünstigten Konditionen an. Mithilfe ihrer Mutter, die auf einer Farm in South Carolina arbeitete, bekam Woods das Geld zusammen und wurde eine der ersten afroamerikanischen Unternehmerinnen der Gegend. Die Schwarzen unterstützten Woods, sie waren stolz auf die ehemalige Kellnerin.

Sylvia Woods ist vor fünf Jahren gestorben, seitdem führt die Familie das Lokal weiter. Zum Beispiel ihre Enkeltochter Tren’ness Woods, 45 Jahre alt, in Queens geboren. "Soul-Food ist mehr als nur Essen. Es geht um Liebe. Wenn meine Großmutter ihr Fried Chicken zubereitet hat, war das wie ein Geschenk: Es war das Beste, was sie einem Gast tun konnte. Wenn sie von Seele sprach, meinte sie die warme Art, mit der wir Afroamerikaner einander begegnen", sagt Woods. Wer mittags um eins eine Stunde im Restaurant verbringt, begreift, was sie meint. Ältere schwarze Damen kommen an Krückstöcken zur Tür herein und werden vom Kellner mit "Hey Baby, how are you doing?" begrüßt. Viele der Gäste schauen auch kurz in der Küche vorbei, um den Köchen und Mitarbeitern Hallo zu sagen. Kaum einer verlässt nach dem Essen das Lokal, ohne umarmt worden zu sein von einem Mitglied der Familie Woods, zum Abschied wünschen sie den Gästen "a soulful day". Und was hat Tren’ness Woods über die Seele gelernt, hier, an diesem herzlichen Ort? "Die Seele ist nicht greifbar, sie ist etwas, das man in sich trägt und das einen als Menschen ausmacht. Die Seele ist der Ort in uns, wo die Liebe wohnt. Sie prägt den Rhythmus, mit dem wir durch das Leben gehen."

Der Ort, wo die Liebe wohnt. Ein Ort auch, der kaputtgehen, der krank werden kann. Den Gedanken, dass der Körper mit der Seele eine Einheit bilde, gab es in der Naturheilkunde schon immer, in der deutschen Schulmedizin ist er relativ neu, hat aber mittlerweile die Fachrichtung Psychokardiologie hervorgebracht. "In der Psychokardiologie befassen wir uns mit der Schnittmenge von psychiatrischen Erkrankungen, psychologischen Einflüssen und kardialen, also Herzerkrankungen", sagt Andreas Binner, Assistenzarzt in der kardiologischen Abteilung des Vivantes Klinikums Neukölln in Berlin. Vollkommen unmedizinisch könnte man sagen: Wenn die Seele krank wird, dann auch das Herz. Binner drückt es so aus: "Inzwischen weiß man, dass Menschen, die unter Depressionen oder starker Angststörung leiden, ein erhöhtes Risiko für eine koronare Herzerkrankung haben."

Mittlerweile weiß die Wissenschaft, dass jedes Gefühl eine körperliche Reaktion mit sich bringt. Jeder kennt das: Herzklopfen beim ersten Kuss oder wenn man es gerade so geschafft hat, eine stark befahrene Straße zu überqueren. "Angst ist in erster Linie etwas Gutes. Sie schützt uns, damit wir uns nicht naiv Gefahren aussetzen", sagt Johanna Kretschmann. Die Diplompsychologin arbeitet als Psychotherapeutin in der psychiatrischen Ambulanz im Vivantes Klinikum mit Binner zusammen. "Aber wenn die Angst über einen längeren Zeitraum übermäßig und in unangebrachten Situationen auftritt, kann man von einer psychischen Störung, einer Erkrankung sprechen." Es kann sein, dass der Patient im Angstzustand gefangen bleibt und die psychische Erkrankung zu Herzproblemen führt. Ein psychisches Leiden. Also ein Leiden der Seele.

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