© Alex Trebus für DIE ZEIT

Aldo Sohm Cheers to New York

Der Tiroler Aldo Sohm gilt als weltbester Sommelier. Dabei hat ihm der Wein einst gar nicht geschmeckt. Von
Aus der Serie: Das Österreich-Porträt DIE ZEIT Nr. 1/2018

Immer wieder läuft Aldo Sohm an diesem Mittwochabend die paar Meter vom Restaurant, in dem er arbeitet, durch die Dezemberkälte von New York in seine Bar, um nach den Gästen zu sehen. Einige Minuten steht er im Eingang und lässt den Blick durch die Runde schweifen, bevor er ein bekanntes Gesicht findet und für ein kurzes Gespräch an den Tisch kommt. Sohm könnte Gastgeber einer Dinnerparty in einem Manhattaner Apartment sein, wäre da nicht die Kleidung: ein schwarzes Jackett, darunter eine lange schwarze Schürze. In der Hand hält Sohm eine kleine Schale, die mit ihrer Kette an eine alte Taschenuhr erinnert und den Österreicher in der modernen Bar seltsam entrückt wirken lässt. Es ist ein Tastevin, und mit ihm stellt Sohm sicher, dass kein schlechter Wein den Abend ruiniert.

Wer sich von den hohen Bürotürmen der 51. Straße abwendet und durch die Drehtür ins Innere der Bar tritt, der hat das Gefühl, der Hektik der Metropole für einen Moment zu entkommen. Aus den Lautsprechern kommen vertraute Klänge der achtziger Jahre, an den Wänden hängen Bilder von Keith Haring, auf den deckenhohen Regalen an der Wand finden sich Fisch-Figuren aus Holz und das gerahmte Foto einer Tiroler Bergkulisse. In der Mitte steht ein großes Ledersofa. Einen Barkeeper gibt es nicht, und auch sonst hat die Aldo Sohm Wine Bar mit den anderen Bars in Midtown, in denen sich die Angestellten der Büros rund ums Rockefeller Center nach Feierabend treffen, wenig zu tun.

Die beruhigende Wirkung ist gewollt, denn Aldo Sohm ist auf einer Mission: Der Sommelier will seinen Gästen die Angst vor gutem Wein nehmen. "Sobald du jemanden einschüchterst, hast du verloren", erklärt er, während er an einem Tisch in einer kleinen Nische seiner Bar sitzt.

Der 46-jährige Tiroler mit dem dünnen grauen Haar und einem wachen Blick scheint voller Faszination für alles, was er sieht. Er spricht schnell, den Akzent aus seiner Heimat hat er nicht abgelegt, immer wieder wechselt er im Gespräch zwischen Englisch und Deutsch. Wenn er redet, beendet er Sätze oft mit einem fragenden "oder?", als müsse er sich noch einmal beim Gegenüber absichern, ob das, was er sagt, auch wirklich so ist. Es sei wichtig, sagt Sohm, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben – "egal, wie hoch sie dich heben".

Wie hoch das in seinem Fall ist, zeigt ein Artikel im Wirtschaftsmagazin Forbes aus dem vergangenen Jahr. "Wie sehr ich Aldo Sohm traue?", beginnt der Text, und weiter: "Nun, lassen Sie es mich so sagen. Sollte der Sommelier mir raten, Windex zu trinken, dann würde ich lediglich fragen, ob er die blaue oder gelbe Variante meint." Viermal wurde Aldo Sohm zum besten Sommelier Österreichs gekürt, später zum besten Amerikas und 2008 zum besten Weinkellner der Welt. Heute ist er Chefsommelier des Le Bernardin, eines von nur sieben Restaurants in New York mit drei Michelin-Sternen und 900 Weinen aus zwölf Ländern. Und vor drei Jahren eröffnete die nach ihm benannte Weinbar.

"Aldo besitzt einen ansteckenden Enthusiasmus", sagt Eric Ripert, Besitzer und Chefkoch des Le Bernardin. Sohm könne sich an jeden Wein erinnern, den er probiert habe, und habe einen sechsten Sinn dafür, was der Kunde wolle. "Ich habe noch nie einen wie ihn getroffen", so der Küchenchef.

Dabei konnte Aldo Sohm anfangs mit Wein wenig anfangen. Der sei ihm zu bitter und sauer gewesen. "Ich habe lieber Bier oder Bacardi-Cola getrunken", erzählt er. Aufgewachsen ist Sohm in Inzing, rund 20 Kilometer außerhalb von Innsbruck, die Eltern waren Handelsvertreter. Er selbst träumte davon, Koch zu werden. Sein Vater überzeugte ihn, eine Tourismusschule zu besuchen. Sein erstes Praktikum in der Küche und der raue Umgangston ließen den Traum platzen. Sohm überlegte hinzuschmeißen, zwei Wochen später wurde er in den Service versetzt – und blühte auf.

Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren