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Anna Loos "Ich bin im Westen schlagartig erwachsen geworden"

Bis sie 17 war, fiel Anna Loos im Leben vieles leicht. Dann traf sie eine Entscheidung, die alles veränderte. Ein Interview von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 2/2018

ZEITmagazin: Frau Loos, wenn man Artikel über Sie liest, fällt oft das Wort "ungeschminkt", im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Wie wichtig ist Ihnen Echtheit?

Anna Loos: Sehr wichtig. Vielleicht fasziniert mich deshalb das Musikmachen so – als Schauspieler spielt man ja jemand anderen. Natürlich kann man sich in die Figur hineinversetzen und das authentisch und durchsichtig spielen, aber man ist eigentlich nicht man selbst. In der Musik ist man das im besten Falle.

ZEITmagazin: Neben Ihrer Arbeit als Schauspielerin sind Sie die Frontfrau der Band Silly. Gerade lief "Frei von Angst", eine Doku über Ihre Band. Sind Sie frei von Angst?

Loos: Ja, ich war als Kind schon angstfrei. Ich hatte ganz tolle Großeltern. Mein Opa hat mal zu mir gesagt: Wenn du etwas nicht ausprobierst, dann wirst du nie erleben, wie es ist, das zu fühlen, wie es ist, das geschafft zu haben. Mit diesem Spruch hat er so eine Art Stab in mir entzündet, der immer weiterbrennt. Mein Opa war in Kriegsgefangenschaft, und da denkt man ja, das ist ein gebrochener Mann, aber das war er nicht.

ZEITmagazin: Er sprach mit Ihnen darüber?

Loos: Ich hab ihn immer nach dem Krieg gefragt. Er erzählte, als er zurückkam, sei es ihm wirklich schlecht gegangen und seiner Frau auch – die beiden hatten da schon vier Kinder. Wie fremde Menschen seien sie gewesen. Bis meine Oma gesagt hat: Wir müssen jetzt alles auf null stellen und von vorne anfangen. Nach ein paar Wochen ist es wohl tatsächlich besser geworden. Diese Weisheit hat er mir mitgegeben: Man muss jeden Tag neu angehen und darf die Lasten, aber auch die Erfolge der Vergangenheit nicht mit sich schleppen. Es ist eine große Befreiung, wenn man das Leben nicht als riesige Strecke sieht, sondern in viele kurze Strecken einteilt. Deshalb habe ich auch wenig Angst: Wenn etwas nicht so gut geklappt hat, mache ich es eben auf der nächsten Strecke wieder wett.

ZEITmagazin: Was ist mit den Dingen, die man nicht in der Hand hat?

Loos: Davor habe ich schon Angst. Meine Eltern zum Beispiel haben von mir Sterbeverbot bekommen. Aber natürlich muss ich mich darauf vorbereiten, dass der Tag irgendwann kommen wird, sie sind jetzt 74 und 80 Jahre alt ...

ZEITmagazin: Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Loos: Das hab ich mich oft gefragt. Am besten, indem ich versuche, eine richtig gute Zeit mit ihnen zu haben. Wir fahren zum Beispiel immer zusammen in den Sommerurlaub.

ZEITmagazin: Sie sind in Brandenburg an der Havel aufgewachsen und mit 17 in den Westen geflohen. Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?

Loos: Das war der egoistischste Moment in meinem Leben. Ich durfte kein Abi machen und nicht auf die Musikhochschule, da hab ich aus Wut und Naivität diesen Entschluss gefasst.

ZEITmagazin: Warum durften Sie kein Abi machen?

Loos: Das hat mit meiner Familie zu tun, aber mein Vater möchte nicht, dass ich darüber rede. Damals war klar, ich sage meiner Familie besser nichts von der Flucht, damit sie nicht verurteilt werden können. Als ich sie dann aus Hamburg angerufen habe, waren sie unglaublich traurig. Meine beiden großen Eltern, die sich immer so um mich gekümmert hatten, haben nur noch in den Hörer geweint.

ZEITmagazin: Zwei Jahre später fiel dann die Mauer, aber das war noch nicht abzusehen.

Loos: Ja – damals am Telefon, wenn ich da alles hätte rückgängig machen können, hätte ich es getan. Andererseits empfinde ich meine Flucht heute auch als Rettung.

ZEITmagazin: Warum das?

Loos: Weil ich so wohlbehütet aufgewachsen bin. Bis ich 17 war, bin ich wie durch Butter gelaufen, tolles Elternhaus, tolle Freunde, sehr gute Leistungen in der Schule. Ich war ganz schön weichgespült. Ich wäre nie so tough geworden, wenn ich nicht weggegangen wäre. Ich bin im Westen schlagartig erwachsen geworden.

ZEITmagazin: Wie war der Westen?

Loos: Alles war anders. Die Gerüche, die Farben, die Menschen, die Schule. Ich konnte kaum Englisch, und die haben Shakespeare auf Englisch gelesen. Dafür war ich in den Naturwissenschaften weiter. Ich habe in der ersten Zeit bei meiner Tante in Wedel bei Hamburg gewohnt und später in einer WG.

ZEITmagazin: Wäre Ihr Leben anders verlaufen, wenn Sie nicht geflohen wären?

Loos: An der Schauspielschule hatte ich eine Freundin, die war zehnmal so begabt und zwanzigmal so hübsch wie ich, ihre Eltern haben sie sehr gefördert. Ich dachte, die macht bestimmt Karriere. Aber so war es nicht, vielleicht weil sie sich nie anstrengen musste. Ich glaube, die Erfahrung des Alleinseins, des Alles-auf-eine-Karte-Setzens, hat mich sehr stark gemacht.

Das Gespräch führte Christine Meffert. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Ijoma Mangold und Anna Kemper zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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