Liebeskolumne Muss sie ihm zuliebe über ihren Schatten springen?

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Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 2/2018

Die Frage:  Johanna und Tom haben sich über Tinder kennengelernt. Sie sind jedes Wochenende zusammen und freuen sich nach anderthalb Jahren immer noch auf jedes Treffen: sie haben einen gemeinsamen Humor, ähnliche Interessen, Spaß am Sex. Nur in einer Sache sind sie uneins: Johanna würde gern ewig so weitermachen, getrennte Wohnungen, gemeinsame Freizeit, Treue ja, aber auf keinen Fall heiraten. Tom hat Johanna seinen Eltern vorgestellt. Sie würden dem Paar gerne eine Wohnung schenken, wenn es zusammenzieht. Johanna will ihre Eltern Tom nicht vorstellen. Sie hat wenig mit ihnen zu tun, weil sie die Tochter nicht aus ihrem Scheidungskrieg herauslassen konnten. "Kannst du nicht über deinen Schatten springen?", bittet Tom. "Heiraten bringt Unglück", sagt Johanna.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Statistisch gesehen bringt heiraten wohl auch nicht mehr Unglück als der Verzicht auf Standesamt und Hochzeitsfeier. Johannas Position mag unlogisch sein, nachvollziehbar ist sie. Eine liebevolle Beziehung beruht nicht auf der Durchsetzung eigener Normen, sondern auf dem einfühlenden Umgang mit sperrigen Entscheidungen und irrationalen Ängsten. Wenn Johanna ihren Widerwillen übergeht, um Tom den Gefallen zu tun, droht ein Missverständnis: Tom wird denken, Johanna sei zur Vernunft gekommen, Johanna wird glauben, dass Tom ihr etwas schuldig ist. Solche Erwartungen sind eine Hypothek, die umso schwerer lastet, je weniger sie wahrgenommen wird. Klüger wäre es, weder Druck zu machen, noch den Unterschied zu leugnen, sondern die Brücken zu festigen, die über solche Gräben führen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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