Röcke Eine Kulturtechnik kehrt zurück

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 2/2018

In dieser Saison zeigte Burberry Röcke, die den Eindruck vermitteln, man habe sie vor langer Zeit schon mal gesehen. Nämlich damals im Handarbeitsunterricht, als es darum ging, Topflappen zu produzieren, die man der Mutter unter den Weihnachtsbaum legen konnte. Tatsächlich wirken die Röcke, als seien sie aus lauter Topflappen zusammengenäht. Das ist ernüchternd. Denn der Handarbeitsunterricht in der Schule war für viele eine Zeit der Demütigung, all die fallen gelassenen Maschen, das ständige Wiederaufribbeln des Fadens. Es war keine Freude. Auch für die beschenkten Mütter nicht, denn es war zu spüren, dass die Topflappen nicht das Resultat liebender Kindesmühen waren, sondern einer verhassten Schulaufgabe.

Nun ist gegen das Häkeln an sich nichts einzuwenden. Es ist eine alte Kulturtechnik, bei der mittels Faden und Nadel Maschen erzeugt und miteinander verknüpft werden. Anders als beim Stricken wird mit einer Nadel gearbeitet, die an der Spitze zu einem Haken gebogen ist. So können Fäden durch bereits gearbeitete Maschen gezogen werden, bis ein geschlossenes Gebilde entsteht. Schätzungsweise seit dem 13. Jahrhundert wird nördlich der Alpen so gearbeitet. Man lehrte es in den Schulen zusammen mit dem Stricken und dem Nähen, weil man glaubte, es gehöre zur menschlichen Grundausbildung, selbstständig ein Kleidungsstück produzieren zu können.

Heute gibt es keinen Häkel- und Strickunterricht mehr. Niemand geht davon aus, dass das Wohl eines Menschen je noch davon abhängen könnte, Maschen zu Kleidern zu verbinden. Die Fast Fashion hat so viel billige Kleidung produziert, dass man damit den Planeten mehrfach einkleiden könnte. Und weil es niemand mehr beherrscht, hat das Häkeln alles Hausmütterchenhafte verloren. Es ist nun ein Special Effect, der auf vielen Laufstegen zu sehen ist.

Bei Loewe verkörpern gehäkelte Stoffe das mediterrane Flair des spanischen Traditionshauses. Alexander Wang, Junya Watanabe und Louis Vuitton setzen Gehäkeltes sogar auf rebellische Weise in Szene: Ihre Kleidungsstücke mit überlangen Ärmeln, ausgefransten Enden und groben Maschen wecken Assoziationen an die Punk-Ästhetik der achtziger Jahre. Lemaire und Calvin Klein verarbeiten dagegen Netzstoffe, die nur entfernt an klassische Häkelei erinnern.

Es wird nicht lange dauern, dann wird das Häkeln als Zeitvertreib wieder gefragt sein. Und wenn man genügend Topflappen aufbewahrt hat, kann man sich unter Umständen einen Burberry-Rock daraus machen.

Foto: Peter Langer / Damit sollte man keinen heißen Topf von der Platte holen: Gehäkelter Jumpsuit aus Wolle von Acne.

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