Vatersein "Mein einziger Fehler ist, dass ich nicht Mama bin"

© Aline Zalko
Als Vater von vier Töchtern ist man wie Martin Schulz: kein Held, und ständig muss man um Zustimmung ringen. Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 2/2018

Dass ich ein moderner Vater bin, erkennt man unter anderem daran, dass ich eine Wollmütze trage und einen kurzen Bart. Und dass ich Wert darauf lege, im Büro oft früher Schluss zu machen, um meine jüngste Tochter von der Kita abzuholen. Wenn ich dann mit Wollmütze und Bart an der Pforte des Kindergartens stehe, rufe ich fröhlich nach meinem Kind. Und ernte einen Blick, der finster ist wie ein Schwarzes Loch. Dann die Frage: "WO IST MAMA? ICH WILL, DASS MAMA MICH ABHOLT!" Dann folgt Juli mir widerwillig, als würde sie polizeilich abgeführt.

Das habe ich mir als Vater, der "Quality-Time" mit seinen Kindern verbringen will, irgendwie anders vorgestellt. Ich bin mit meinem Rollendenken im 21. Jahrhundert angekommen, aber im Kopf meiner Vierjährigen ist es 1950. Vom Kindergarten abgeholt zu werden ist besser, wenn Mama es macht, sagt sie. Einkaufen macht mit Mama mehr Spaß. Essen ist leckerer, wenn Mama es kocht. Es ist nicht so, dass sie was gegen mich hätte. Mein einziger Fehler ist, dass ich nicht Mama bin.

Ich habe vier Kinder, und alle sind Mädchen. Meine Älteste, Luna, ist 18 Jahre alt und bereitet sich auf ihr Abitur vor. Ihre zwölfjährige Schwester Lotta kommt nun in die Pubertät. Die zehnjährige Greta ist gerade auf eine neue Schule gekommen. Und Juli ist die Kleinste (das darf man aber nicht sagen, Juli wird unglaublich wütend, wenn man sie als klein bezeichnet). Viele glauben, dass man als Vater von vier Töchtern ständig als Held verehrt werde. Das ist allerdings nicht der Fall. Ich ringe vielmehr um Zustimmung wie Martin Schulz.

Am härtesten kämpfe ich um Juli, und der Kampf ist nicht zu gewinnen. In Julis Welt ist es so: Mama ist schöner als Papa. Mama ist klüger. Mama ist schneller. Mama ist lustiger. Mama ist mutiger. Mama ist cooler. Mama ist größer. Mama ist stärker. In allen Disziplinen ist Mama einfach besser. Wenn ich die Welt mit Julis Augen sehen würde, wäre ich auch für Mama. Und nicht für mich.

Ich versuche mir so zu helfen: Die Zeiten, als Töchter selbstverständlich Papa-Kinder waren, sind vorbei. Früher waren die Mütter viel zu Hause und sorgten für die Familie. Die Mutter zog die Kinder an, die Mutter wusch sie, die Mutter bekochte sie. Der Vater hingegen verbrachte die meiste Zeit bei der Arbeit und tauchte nur auf, um die Kinder ins Bett zu bringen. Väter waren mythische Wesen. Man konnte allerlei großartige Eigenschaften in sie hineinfantasieren – die Mütter hingegen waren sehr real. Meine Frau und ich arbeiten beide gleich viel. Ich meine sogar, meine Frau hat oft mehr zu tun als ich. Also ziehe ich die Kinder an, koche und helfe bei den Hausaufgaben, bringe die Kinder irgendwohin und hole sie wieder ab. Als Vater bin ich sehr real. Ich denke, grundsätzlich ist es für Mädchen gut, realistische Ansichten über Männer zu haben. Auch wenn sie zu dem Schluss kommen, dass Männer im Vergleich zu Frauen nicht so gut sind.

Wenn ich Juli vom Kindergarten abgeholt habe, gehen wir Kuchen essen. Oder Eis. Ich weiß, dass das pädagogisch nicht sinnvoll ist. Aber auch da geht es mir wie den Politikern: Ich muss an meinen Beliebtheitswerten arbeiten. Und wenn die stimmen, geht die Erziehung los, versprochen.

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