© Ingrid Christie

David Sedaris "Ich war komplett abhängig von Crystal Meth"

David Sedaris war 25 Jahre am Stück drogenabhängig. Von einem Tag auf den anderen war er geheilt. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 3/2018

ZEITmagazin: Herr Sedaris, welche Rolle spielt die Komik in Ihrem Schriftstellerleben?

David Sedaris: Im Gegensatz zu einem Krimiautor versuchst du als Humorist, die Leute zum Lachen zu bringen. So wie ich es sehe, ist im Grunde alles komisch. Du musst nur Geduld aufbringen und abwarten. Angenommen, du haust mir mit voller Wucht eine rein, dann würde ich sicherlich vor Schmerz aufschreien. Mein angeschwollenes Gesicht wäre blutig, aber irgendwie würde ich auch darüber lachen können, allein schon damit du dich so richtig erbärmlich fühlst. Vielleicht ist das Schreiben mit Humor eine Art, Rache zu üben.

ZEITmagazin: Manchmal ist das Leben alles andere als komisch, zum Beispiel als Sie von Alkohol und anderen Drogen abhängig waren.

Sedaris: Ich hing an dem Irrglauben fest, high sein zu müssen, um kreativ zu sein. Ich war 14 Jahre alt, als ich das erste Mal Marihuana rauchte. Es gab mir rein gar nichts, und danach war ich vier Jahre extrem gegen Drogen. Erst auf dem College nahm ich wieder was. Die anderen Studenten, mit denen ich zusammenlebte, setzten mich unter Druck: Ich sollte endlich einen Joint rauchen. Also habe ich es gemacht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich an dem Abend in mein Zimmer zurückkam und in den Spiegel starrte. Es war, als sähe ich mich zum ersten Mal. Wow, dachte ich, das bin ich, so wie ich wirklich bin!

ZEITmagazin: Und wie ging es nach der Offenbarung weiter?

Sedaris: Ich war volle 25 Jahre am Stück high. So war es auch mit dem Alkohol. Sogar als es nicht mehr so lustig war. Vielleicht hätte ich es früher geschafft, davon loszukommen, aber ich war davon überzeugt, dass ich die Drogen und den Alkohol brauche – um schreiben zu können. Ich hatte so viele Aufträge und musste mich an enge Fristen halten, also war es erforderlich, rund um die Uhr zu schreiben. Abends betrunken zu sein ist eine Sache. Aber morgens um zehn Uhr schon einen sitzen zu haben ist noch mal was anderes. Das war ein regelrechter Weckruf.

ZEITmagazin: Über welche Mengen reden wir?

Sedaris: Ich bin kein Riesenkerl, also fünf Bier auf leeren Magen machen mich schon fertig. Dann folgte ein großes Glas Scotch, meist wurden daraus zwei, dann drei. Danach kamen die Drogen, ich war high, bis ich umkippte. Um davon loszukommen, musste ich meinen Lebensrhythmus ändern, und so begann ich damit, morgens zu schreiben. Nie abends.

ZEITmagazin: Und wie war es mit den harten Drogen?

Sedaris: Ich war komplett abhängig von Crystal Meth. Es ging mir so dreckig, ich klaute es von meinen Freunden und war über Tage am Stück wach. Wenn ich heute meine Tagebücher aus der Zeit lese, dann sehe ich, dass ich verrückt war. Meine Rettung: Mein Dealer ist zum Glück irgendwann einfach weggezogen. Da hatte ich keine Quelle mehr. Die Genesung war nicht mal mein Verdienst, aber sie änderte mein Leben. Heute findest du innerhalb weniger Stunden einen neuen Lieferanten, aber damals, 1978, war die Droge nicht so einfach zu bekommen. Von Crystal Meth loszukommen war eins der schwierigsten Dinge, die ich je durchlebt habe.

ZEITmagazin: Wie haben Sie es körperlich geschafft?

Sedaris: Ich habe von einem auf den anderen Tag aufgehört. Ein Tag ohne Drink folgte dem anderen und so weiter. Mit dem Rauchen war es genauso. Ich habe aufgehört, weil ich frei sein wollte. Ich wollte überall hingehen können, egal wann. Das macht das Reisen so viel einfacher. Ich konnte mir viele Jahre gar nicht vorstellen, ohne eine Zigarette in der Hand zu schreiben. Daran denke ich jetzt überhaupt nicht mehr. Ich kann jetzt überall schreiben, im Flugzeug, im Wartezimmer. Ich sage nicht, dass es gut ist, was ich schreibe, aber so gelingt es mir.

ZEITmagazin: Rückblickend, hatten Sie keine Angst, Drogen zu nehmen?

Sedaris: Nein, ich habe alles ausprobiert. Das meiste bereue ich nicht. Aber Kokain habe ich bereut: das ganze Geld, das draufgegangen ist! Heroin habe ich nur einmal genommen, um jemanden zu beeindrucken. Wenn jemand mir gesagt hätte, du wirst high, wenn du deine Fingernägel rauchst – ich hätte das versucht.

ZEITmagazin: Fühlten Sie sich als jemand Besonderes, weil Sie von Ihrer Abhängigkeit losgekommen sind?

Sedaris: Es war jetzt nichts, was andere nicht auch geschafft haben. Viele Leute schmeißen ihre Gewohnheiten über Bord und fangen neu an. So gesehen war ich niemand Besonderes, und es war gut, mir darüber im Klaren zu sein.

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