Erziehung "Ach, Papa!"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 3/2018

Sobald ich allein mit meinen Kindern reise, bricht bei mir jeder pädagogische Vorsatz zusammen. Ich sollte natürlich Vollkornschnitten mit Rote-Bete-Hummus schmieren, dazu Apfelspalten aus der Tupperbox und Früchtetee aus der Thermoskanne reichen. Ich sollte im Zug mit meinen Kindern Ich sehe was, was du nicht siehst spielen. Aber das tue ich nicht. Stattdessen verfüttere ich gummiartige Laugenstangen mit Butter, die ich in Eile im Bahnhofs-Backshop erworben habe, und lasse sie einen Trickfilm auf meinem Laptop gucken. Wichtig ist, dass der Film gefällt. Dass sie sich nicht streiten. Dass sie sich nicht über den schlechten Geruch im ICE-Großraumabteil beschweren. Dass sie nicht alle sechs Minuten fragen, wann wir endlich da sind. Das halte ich nämlich nicht aus. Auf Reisen bin ich ein Nervenbündel. Ich habe ständig Angst, dass wir zu spät zum Zug kommen. Oder zum Flughafen. Oder ich die Tickets vergessen habe. Eine Reise besteht aus einer langen Kette von Dingen, die alle nicht schiefgehen dürfen. Und in meinem Leben geht schon so vieles schief.

Das unterscheidet mein Leben von Gretas. Greta ist zehn, die zweitjüngste meiner vier Töchter. Sie ist gerade auf das Gymnasium gekommen. Greta braucht keine Laugenstange von mir, denn sie hat eigene belegte Brote dabei. Und natürlich eine Flasche Wasser. Eine Reise ohne Proviant ist für sie überhaupt nicht denkbar. Außerdem nimmt sie mindestens ein Brettspiel mit. Während sie das mit ihren Geschwistern spielt, wache ich mit stressgewellter Stirn darüber, dass keine Spielfiguren zwischen die Sitzpolster fallen. Greta ist immer besser vorbereitet als ich. Und sie tut Dinge, die ich als Kind nie getan hätte. Sie steht morgens eine halbe Stunde früher auf, um sich auf den Schultag vorzubereiten. Sie hasst es, zu spät zu kommen. Also erinnert sie ständig die ganze Familie, sich zu beeilen. Greta macht, was ich tun sollte. Viele meiner Bemerkungen quittiert sie nur mit: "Ach, Papa!" Ich habe keine Ahnung, wie ich jemanden wie Greta erziehen soll, weil sie ja in Wahrheit viel mehr damit beschäftigt ist, mich zu erziehen. Ich frage mich manchmal, woher Greta das hat. Von mir jedenfalls nicht: dieses Aufgeräumte, diesen Hang zur Vernunft, diesen Ehrgeiz. Die traditionelle bürgerliche Erziehung geht davon aus, dass Kinderseelen Blankobücher sind, die darauf warten, von den Eltern mit Werten und Weisheit vollgeschrieben zu werden. Und auch noch der liberalste Erziehungsratgeber postuliert einen enormen Einfluss der Eltern auf die Genese der Kinder. Ich will das nicht in Abrede stellen. Doch manchmal kommt mir der Verdacht, dass die Erziehungslehre nicht für Kinder gemacht ist, sondern für Eltern. Damit wir uns an einem Begriff festhalten können, der darüber hinwegtäuscht, dass wir das Werden unserer Kinder viel weniger steuern können, als wir uns einbilden.

Aber selbst dann gäbe es noch genügend Situationen, in denen man Kindern die Welt erklären muss. Eine der Verspätungen, die ich so fürchte, ergab sich, als Greta auf einem Flug nach Kroatien bei der Sicherheitskontrolle auffiel. In ihrem Rucksack fand sich eine lange Schere. Sie erklärte, sie reise grundsätzlich mit Schere. Eine Schere könne man immer gut gebrauchen. Wir erreichten den Flug in letzter Sekunde. Bis heute habe ich mich davon nicht erholt.

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