© Marian Lenhard

Nachbarschaft Das Dorf-Prinzip

Wie ein Internet-Start-up das nachbarschaftliche Miteinander in Deutschland verbessern will. Von
ZEITmagazin Nr. 5/2018

Mit Mitte dreißig war Christian Vollmann am Ziel seiner Wünsche – und unglücklich wie nie zuvor. Er hatte zwei Start-ups gegründet und mit dem Verkauf des einen so viel Geld gemacht, dass er auf unabsehbare Zeit nicht mehr würde arbeiten müssen. Er hatte ein Haus gekauft, Berlin-Mitte, in dem er mit Frau und drei Kindern auf mehreren Etagen lebte. Er wollte seinen Eltern ein neues Auto schenken, aber die waren mit dem alten zufrieden. Er hatte so früh alles erreicht, worauf er seit dem BWL-Studium hingearbeitet hatte, bloß fühlte es sich anders an als erwartet: "Du hast immer nach diesem wirtschaftlichen Erfolg gestrebt, und dann ist er da, und du bist unzufrieden", erinnert sich der Vierzigjährige an diese Zeit. "Auch sehr zum Leidwesen meines Umfelds."

Er hatte ein Haus – aber er fühlte sich nicht zu Hause. In seiner Straße kannte er keinen Einzigen, er war immer in der Welt herumgeflogen oder hatte gearbeitet. Sein Traum war verwirklicht, jetzt gab es keinen mehr. Wenn andere Gründer fragten, was sein nächstes Projekt sei, hätte er am liebsten gesagt: Ich bin in der Krise, keine Ahnung, was ich machen soll. Aber das verbiss er sich. Nur sein Bruder und enge Freunde wussten, wie frustriert er war. Ein Mensch, der alles hat – außer einem Ziel.

Aber halt – eine Idee gab es. 2013 war Vollmann auf eine amerikanische Internet-Plattform namens nextdoor.com gestoßen. Die Idee hatte ihm sofort eingeleuchtet: Leute, die sich nicht kennen, knüpfen online Kontakte zu Menschen aus ihrer Umgebung – ein Gegenmodell zu Facebook, das die sozialen Interaktionen ins Globale und Virtuelle ausweitete. Was es heißt, in der Umgebung fremd zu sein, erlebte er ja gerade am eigenen Leib.

Vollmann hat immer gerne Leute zusammengebracht, von denen er glaubte, dass sie sich verstehen könnten: "Zu sehen, wie es funkt – das bereitete mir ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit." Die Vorstellung, überall in Deutschland Zufallsbegegnungen zu schaffen, gefiel ihm: "Der eine kommt, um eine Bohrmaschine auszuleihen. Oder einer hat den Forchheimer Teil der Nürnberger Zeitung, und der andere hat den Erlanger Teil, und im Gespräch merken sie, dass sie etwas gemeinsam haben."

Vollmann schwebte ein Ort vor, "den Nutzer mit ihren eigenen Inhalten füllen". © Marian Lenhard

Er fragte einige Investoren, was sie von einem deutschen Nachbarschaftsnetzwerk hielten, doch die waren skeptisch. Er sprach mit seinem jüngeren Bruder Michael. Michael, 35, hatte bereits eine Arbeit, die ihn erfüllte: Projektleitung bei Ashoka, einem weltweiten Netz von Unternehmern, die gemeinnützig Firmen und Projekte fördern. "Ich lag ihm ständig in den Ohren: Michael, diese Nachbarschaftsidee geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich wollte wissen: Ist es eine Geschäftsidee? Oder sollte ich es eher als gemeinnützige Plattform aufziehen? Vor allem aber wollte ich hören: Das ist super, mach das." Irgendwann, sie saßen zusammen in der Sauna, nannte Michael ihm den Namen eines Gründers, der mit Unternehmen mit höherem Zweck schon viel Erfahrung hatte: Till Behnke, 38. Er hatte vor zehn Jahren in Berlin die sehr erfolgreiche Spenden-Website betterplace.de gegründet.

Als Vollmann schließlich Behnke von seiner Idee "Betriebssystem für Nachbarschaften" erzählte, war dieser begeistert. "Er hat sofort verstanden, dass wir uns eine Plattform vorstellen", sagt Vollmann. Einen Ort, den Nutzer mit ihren eigenen Inhalten füllen und für die Programmierer nach dem Open-Source-Prinzip eigene Programme schreiben könnten – für Carsharing etwa oder zum Lebensmittel-Retten. "Mir wurde klar, dass der perfekte Mitgründer vor mir steht."

Erfolgreiche Internetfirmen helfen Menschen, Bedürfnisse zu erfüllen: nach Freundschaft (Facebook), Ablenkung (YouTube), Liebe oder Sex (Tinder) oder Pizza Napoli (Deliveroo). Das Bedürfnis, das eine Nachbarschaftsplattform aufspürt, ist weniger impulshaft, dafür aber umso tiefer: sich da, wo man lebt, zu Hause zu fühlen.

In Deutschland kann das nach einem Umzug dauern. Menschen ziehen hier seltener um als etwa in den USA, entsprechend verkümmert ist die Kultur des Kennenlernens. Wer neu ins Dorf kommt, braucht manchmal Jahre, um in der Nähe Gleichgesinnte zu finden. In städtischen Mehrfamilienhäusern verbringen ganze Familien ihr Leben wenige Quadratmeter voneinander entfernt und bleiben einander fremd. Freunde vor Ort finden Zugezogene oft erst, wenn Kinder da sind, aber die Zeit bis dahin: eine soziale Durststrecke.

Dormitz ist eine Art Labor, in dem die Wirkung von nebenan.de getestet wird. 150 Haushalte sind bei der Plattform angemeldet. © Marian Lenhard

Laut einer Marktforschung von Nextdoor, jener amerikanischen Plattform, deren Idee Vollmann kopierte, wünschen sich in Deutschland je nach Alterskohorte zwischen 15 und 30 Prozent der Menschen mehr Kontakt zu ihren Nachbarn, in einer Stadt wie Hamburg kennen 39 Prozent der Einwohner keinen einzigen Nachbarn.

Vollmann betrieb seine eigene Marktforschung: Er klingelte bei den Nachbarn in seiner Straße und fragte: "Würden Sie mir ihre E-Mail-Adresse geben, wenn ich ein Internet-Forum für unsere Straße programmiere?" 20 Leute sprach er an, 19 sagten Ja. Nur ein Rentner im Plattenbau gegenüber blieb skeptisch: Er habe schlechte Erfahrung mit dem Internet. Dafür kannte Vollmann nun endlich seine Nachbarn.

Im April 2015 hatte Till Behnke den Vorschlag überschlafen. Er sagte zu – unter einer Bedingung: Er wolle zwei Leute mitbringen, mit denen er eine eigene Firma hatte gründen wollen. Christian Vollmann wiederum wollte seinen Bruder Michael dazuholen. Immer wieder hatten sie darüber gesprochen, irgendwann zusammenzuarbeiten: Christian, FDP-Mitglied, Absolvent der elitären Management-Uni in Vallendar, und Michael, Master der Lateinamerikanistik mit Erfahrungen in der Entwicklungshilfe. Jetzt sah es so aus, als könnte nebenan.de ihre Schnittmenge sein: ein Wirtschaftsunternehmen, das auch die Welt besser machen wollte

Fünf Gründer hatten sich gefunden.

Christian Vollmann und Till Behnke als Geschäftsführer von nebenan.de, Matthes Scheinhardt, 44, als Head of Product, Ina Brunk, 34, als Kommunikationschefin. Später kam noch Sven Tantau, 37, als Technik-Chef dazu. Michael, der jüngere Vollmann, sollte Geschäftsführer einer Stiftung sein, die von nebenan.de mitfinanziert würde, die Nachbarschaftsprojekte in Deutschland fördern und gleichzeitig dafür sorgen sollte, dass das Unternehmen seinen sozialen Zweck nicht aus den Augen verliert.

Drei Jahre später: In einer Fabriketage in Kreuzberg hämmern vierzig Mitarbeiter auf ihre Keyboards ein. Neben dem Eingang sitzen Christian Vollmann und Till Behnke, ihnen gegenüber sitzt Michael Vollmann, der mit zwei Mitarbeitern die Stiftung führt. Am Kopfende des Raums: Bildschirme mit Diagrammen – Nutzerzahlen, Anmeldezahlen, Rückkehrer-Rate. Im Moment weisen alle Zahlen nach oben: nebenan.de wächst um 50.000 Mitglieder im Monat.

Auf einer internen Karte ist sichtbar, wie weit die Eroberung des Landes schon fortgeschritten ist: Deutschland – ein Mosaik aus 30.000 Kreisen und Flecken, jeder ein Dorf oder ein Stadtviertel von ein paar Hundert bis ein paar Tausend Leuten, das als "Nachbarschaft" definiert wurde. Noch sind weite Teile des Landes grau und also unerschlossen. Vor allem mittlere und große Städte sind bereits bunt eingefärbt, dazu einige versprengte Dörfer im Nirgendwo wie etwa das Heimatdorf der Vollmann-Brüder in Franken. Insgesamt sind jetzt etwa 800.000 Menschen in Nachbarschaften aktiv, warten darauf, dass sich mindestens zehn Leute finden, denn erst dann wird ihr Viertel eröffnet. Weitere 150.000 müssen noch per Zugangscode verifizieren, dass sie tatsächlich am angegebenen Ort leben. Wer sich in seinem Viertel anmeldet, in dem sich noch nicht genügend andere gefunden haben, erhält die Botschaft "Deine Nachbarschaft ist noch nicht eröffnet" und kann dann losziehen und den Mitbewohnern seines Hauses oder seiner Straße einen vorformulierten Zettel mit einem Zugangscode in den Briefkasten werfen.

Wer mit seiner Anmeldung Erfolg hat, landet auf einer Seite in sanftem Lindgrün. Jeder hat ein Profil, auf dem Interessen, Alter, Bild angegeben werden können und kann anderen Profilen private Nachrichten schreiben. Im Gegensatz zu Facebook befreundet man sich allerdings nicht mit einzelnen Usern, sondern liest mit, was die anderen Mitglieder einer Nachbarschaft posten. Auf einer Pinnwand erscheinen die Beiträge. Wer in einer Stadt lebt und sämtliche umliegenden Viertel zugeschaltet hat, sieht etwa einen neuen Eintrag pro Stunde. Kein Algorithmus sortiert sie vor, sie erscheinen chronologisch: Jemand hat etwas zu verschenken, jemand sucht einen Babysitter, Leute gründen einen Spieleabend – solche Sachen. Wem ein Beitrag gefällt, kann diesen mit einem "Danke" belohnen – die Währung von nebenan.de.

"Eigentlich sind es banale Dinge, aber wenn das zehntausendfach passiert, kann es gesellschaftsverändernde Wirkung haben. Nach dem Motto: Hört auf zu nörgeln und immerzu Angst zu haben, und fangt an, etwas zu tun. Jeden Tag eine gute Tat, wie bei den Pfadfindern", sagt Christian Vollmann (der als Kind in Franken tatsächlich ein Pfadfinder war).

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