Andrea Nahles Über das Fremdschämen für eine Frau

© Jörg Schüler/imago
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 6/2018

OH MY GOD, was macht Andrea Nahles da? Es war wirklich so (bisschen wie bei einem Unfall war das): Sah man der SPD-Fraktionsvorsitzenden voller Faszination bei ihrer Rede auf dem Parteitag zu, wollte man sich spontan irgendwo verstecken und vielleicht sogar die Polizei rufen, um zu melden, dass hier etwas nicht stimmte. Die Rede, über die gesagt wurde, dass sie die Koalitionsverhandlungen gerettet habe, wurde danach als "Brüll-Auftritt" oder "Inferno" beschrieben, und sie führte auch fast sofort zu der Feststellung, dass Nahles der "einzig echte Kerl" in der SPD-Spitze sei. Und diese sexistische Beschreibung (brüllende Nahles = Kerl) kommt, man muss es leider so sagen, wohl aus einer ähnlichen Richtung wie das Bedürfnis, sich zu verstecken.

Vor wem also wollte man sich hier reflexhaft verstecken? Vordergründig vor einer Frau, die sich breitbeinig vor ihr Publikum stellte, die ihr Gewicht gravitätisch von links nach rechts verlagerte, so wie Profiboxer das bei Kämpfen tun, und die sich mit angewinkelten Armen auf dem Rednerpult abstützte. Vor einer Frau, die brüllte, bis sie heiser war, und gestikulierte wie ein Rapper, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Vor einer Frau, die – und das war das Komische, das eigentlich Irritierende – keine Schwierigkeiten damit hatte, Dinge zu tun, die typischerweise Männer tun (brüllen, rappen, breitbeinig stehen), und die nicht befürchtete, deswegen nicht mehr zu gefallen (einer der Top-Skills von Frauen). Vor einer Frau also, die ihren sogenannten Brüll-Auftritt so professionell und selbstverständlich ausführte, dass er überhaupt nicht falsch wirkte. Und insofern lag der eigentliche Fehler wohl im Betrachter-Kopf, der so viel traktorenhafte Durchsetzungskraft bei einer Frau einfach noch nicht oft genug im Fernsehen gesehen hatte und sich dann für Andrea Nahles fragte, was die Leute bloß denken sollen (und das ist auch der eigentliche Grund für das Unfall-Gefühl und das Versteck-Bedürfnis: eine Art Stellvertreter-Scham).

Zurück zu den Leuten und dem, was sie bloß denken: Jedenfalls sagen sie oft, dass die Antwort der Frauen auf Geschlechterfragen nicht sein könne, dass sie einfach so werden würden wie Männer. Das ist ein kompliziertes Thema, das hier leider nicht erschöpfend behandelt werden wird, aber wir können es doch so machen: Wir gucken jetzt ganz oft zusammen diese Rede, und wir werden uns jedes Mal gemeinsam darüber versichern, dass Andrea Nahles weiterhin eine Frau geblieben ist, bis uns gar nicht mehr auffällt, dass sie brüllt beziehungsweise eine Frau ist.

Auf Führungsebene ist Politik immer noch Männersache. Wie sich das ändern könnte, sagt Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles von der SPD im Videointerview.

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