© Nikita Teryoshin

Kölner Karneval Die Freiheit des Narren

Horst Schwiperich mag kein Bier, kein Menschengedränge und keine Exzesse. Warum liebt er dann den Kölner Karneval? Von
ZEITmagazin Nr. 6/2018

Das wahre Ausmaß des Kölner Karnevals lernte ich auf dem Flughafen von Terrace kennen, als ich am Gepäckband auf meine Reisetasche wartete. Terrace ist eine kleine Stadt in der kanadischen Provinz British Columbia, nicht weit entfernt von der Grenze zu Alaska, und das wahre Ausmaß des Kölner Karnevals heißt Horst Schwiperich. Das ist ein rundlicher Mann aus Köln-Longerich, der – wie meine beiden Freunde und ich – an jenem Abend im vergangenen September darauf wartete, vom Chef der Unterkunft Fisherman’s No. 1 abgeholt zu werden. Wir waren gekommen, um in einem Fluss auf Lachse zu fischen. Der entscheidende Unterschied zwischen Horst Schwiperich und uns bestand darin, dass sich in unserem Gepäck lauter Angelruten und Schnüre befanden, während er nur wenig Material zum Fischen dabeihatte, stattdessen aber seinen Tourneekoffer mit einer blau-weißen Karnevalsmütze. "Isch bin Horst", sagte er zur Begrüßung, "Mann, bin isch feddisch!"

Mitten in der Nacht war er in Köln aufgebrochen und zum Flughafen in Amsterdam gefahren. Von dort war er nach London geflogen, hatte zwei Stunden auf den Flug nach Vancouver gewartet, dort sechs Stunden lang ausgeharrt – bis er schließlich in die Maschine nach Terrace gestiegen war. 30 Stunden war er unterwegs, auf Kanada freute er sich wie ein Kind.

Horst ist 59 Jahre alt, hat eine vier Jahre jüngere Frau und zwei erwachsene Töchter. Horst ist Vorarbeiter auf Baustellen in Köln und saniert kaputte Kanäle. Oft sitzt er in einem Bagger. In Kanada war Horst noch nie. Drei Jahre lang hatte er für diese Reise gespart, er wollte unbedingt Weißkopfseeadler sehen und Bären.

Was das mit dem Karneval zu tun hat? Nichts, scheinbar nichts, aber ich muss das alles vorausschicken, weil der Witz des Karnevals darin besteht, Dinge miteinander zu vermengen, die nichts miteinander zu tun haben. Bei Horst verbindet sich alles mit dem Karneval. Im Karneval fängt das Leben an, im Karneval hört es auf. Ich weiß, das klingt maßlos übertrieben, aber so ist es.

Ich habe mich nie für den Karneval interessiert. Ich wuchs in einer Ruhrgebietsstadt auf, die sich aus diesen Ritualen nicht viel machte, und wenn ich im Fernsehen zufällig auf den Rosenmontagszug stieß, dachte ich: rheinischer Blödsinn. Sofort schaltete ich um. Ich verstehe inzwischen etwas mehr vom Karneval, weil ich versucht habe, Horst zu verstehen. Ich glaube, er ist ein mutiger Mann. Man merkt es nur nicht gleich.

Eigentlich wollte er gemeinsam mit einem Freund nach Kanada fliegen, aber der Freund hatte ihn kurz vor dem Beginn der Reise versetzt. Weil sich Horst so sehr auf Kanada gefreut hatte, bestärkte ihn seine Frau darin, allein zu fahren. In Kanada zog er dann ohne einen Freund in ein Doppelzimmer im Holzhaus der Angler und sagte: "Macht mir nix. Mich kannste überall hinschieben. Ich find Anschluss."

Horst Schwiperich mit einem Federhut, Dreispitz genannt © Nikita Teryoshin

Er machte sich keine Gedanken darum, in welche Gesellschaft er geraten war. Der Skeena River, in dem wir fischen würden, ist ein weltberühmter Lachsfluss. Angler aus Japan fliegen hierher, aus Australien oder Russland. Sie fischen mit künstlichen Fliegen, in der besonders schwierigen Königsdisziplin. Manche dieser Angler bringen 30 Jahre Routine und zwölf Ruten mit. Die Erfahrensten unter ihnen behaupten, sie könnten den Biss eines Rotlachses von dem eines Silberlachses allein am Zug der Angelschnur unterscheiden, ohne den Fisch überhaupt gesehen zu haben. Verrückte und Halbverrückte kommen am Skeena River zusammen, Spezialisten und solche, die es werden wollen (wie meine Freunde und ich).

Und dann tauchte Horst auf, eine ganz und gar unwahrscheinliche Gestalt. Horst war bestimmt der erste Mensch am Skeena River, der keine Anglerkappe, aber eine Karnevalsmütze im Gepäck hatte. Man muss sich das so vorstellen: Beim FC Barcelona betritt ein Spieler den Rasen, der seine Fußballschuhe vergessen hat. In Badelatschen schlurft er aus der Umkleidekabine und sagt: "Ich mache jetzt bei euch mit."

An einem Morgen saß Horst im Frühstücksraum der Holzhütte und erzählte, dass er Jahr für Jahr rund 600 Euro bezahlt, um beim Rosenmontagszug in Köln mitlaufen zu dürfen. Wird die Veranstaltung abgesagt, wegen einer Terror- oder Sturmwarnung, ist das Geld weg. "Du machst was?", fragte einer der Zuhörer. "Du zahlst 600 Euro – nur um mitzulaufen?" Nun rückten die anderen Gäste näher, der leitende Croupier eines österreichischen Spielkasinos und sein liebster Mitarbeiter, ein Ehepaar vom Kamener Kreuz, der Finanzchef eines deutschen Medizinkonzerns und sein 19-jähriger Sohn. Sie umringten Horst und schauten ihn an wie einen Außerirdischen. Schnell ging das Staunen in ein Feixen über. Horst zahlt 600 Euro, um vier Stunden lang vor einem Karnevalswagen herzulaufen? Nur Horst blieb die ganze Zeit ernst, er ließ sich nicht beirren.

In seiner Erzählung verzichtete er auf das Detail, dass in den 600 Euro die Prämie für eine Unfallversicherung enthalten ist. Seine Frau wurde mal während eines Rosenmontagszuges von einer Tafel Schokolade am Kopf getroffen, lag danach blutend im Lazarettzelt und musste mit mehreren Stichen genäht werden. Diese Episode klammerte Horst aus, die Zuhörer sollten sich nicht über eine Verletzung seiner Frau amüsieren.

Aber er berichtete, dass er ein tadelloses polizeiliches Führungszeugnis und außerdem zwei Bürgen brauchte, um bei den Blauen Funken aufgenommen zu werden, einer bekannten Kölner Karnevalsgesellschaft. Zu den Blauen Funken wollte Horst sein Leben lang, schließlich hat er es geschafft. Ein Leben ohne die Blauen Funken könne er sich nicht mehr vorstellen. Einer der Bürgen, die Horst benötigte, wurde "Ober-Eier-Bär" genannt. Von den meisten Menschen kennt Horst nur die Vornamen oder die Spitznamen. Im Karnevalsverein heißt er Hotte.

Als er dann erzählte, was seine maßgeschneiderte Karnevalsuniform kostet, prusteten seine Zuhörer in der Holzhütte los. Die Uniformjacke 700 Euro, die Epauletten 100 Euro, der Gürtel 90 Euro, die Stiefel 700 Euro, die Hose 150 Euro, der Dreispitz mit den Federn 400 Euro, die Mütze 60 Euro, der Umhang 600 Euro, der Säbel 250 Euro. Und das ist bloß die Erstausrüstung. Horst braucht auch Kleidung zum Wechseln. Er hat fünf Hosen, zwei Paar Stiefel, zwei Federhüte, fünf Gürtel. Alles in allem etwa 4.500 Euro. "Dat is kein Witz", sagte er, als den anderen vor Lachen die Tränen kamen.

Die Absurdität dieser Situation lässt sich kaum in Worten wiedergeben. In einer Gegend, in die sich kein normaler Tourist verirrt, dort, wo die Wälder so dunkel sind, dass Pilzsammler glitzernde Bänder an Tannenzweige knoten, damit sie aus der Finsternis zurückfinden, dort, wo die Leichen gekenterter Bootsfahrer irgendwo unter angetriebenen Baumstämmen im Fluss schwimmen, dort, wo Autofahrer schon im Oktober Winterreifen aufziehen müssen, wegen des einsetzenden Schneefalls, dort, wo die wichtigste Schnellstraße Highway of Tears heißt, "Autobahn der Tränen", weil dort im Laufe der Jahre 43 Frauen, die meisten von ihnen Indianerinnen, ermordet wurden oder spurlos verschwanden, genau dort hängte sich ein Mann einen Karnevalsschal um und referierte über die ungeschriebenen Gesetze des Frohsinns.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren