Zugspitze Morgens halb zehn in Deutschland

© Moritz von Uslar
Unser Reporter Moritz von Uslar berichtet in dieser Kolumne aus dem deutschen Alltag. Folge 14: Auf Deutschlands höchsten Berg, die Zugspitze, bringt eine neue Seilbahn mehr Touristen als je zuvor. Gibt es dort oben noch irgendeinen Zauber? Von
Aus der Serie: Morgens halb zehn in Deutschland ZEITmagazin Nr. 6/2018

Das könnte doch ganz lustig sein, in dieser vorletzten Januarwoche, in der Deutschland in wieder neue, hochinteressante Hysterie-Phasen eintritt (seit Monaten nur eine geschäftsführende Regierung, eine SPD, die sich bei ihrem Parteitag für den Dienst am Vaterland fast selber umbringt), auf den höchsten Berg des Landes zu gondeln und hier neue Frische und Klarheit in den Kopf einziehen zu lassen. Ist das nicht die Idee jeder Gipfelreise, dass weiter oben alles wunderbar aufklart und leuchtet, was weiter unten nur trübe und unerheblich erscheint?

Es ist ein Samstag vor dem großen Sturm und den großen Schneefällen, nach denen der Berg, wie sie sich bei der Bayerischen Zugspitzbahn Bergbahn AG ausdrücken, vorübergehend ganz geschlossen werden muss (wegen Wind und Lawinengefahr ruhen die Lifte an der Zugspitze für ein paar Tage). Seit 1930 fährt die Zahnradbahn bis zum Gletscher am Zugspitzplatt, seit 1963 eine Seilbahn zum Gipfel – Mitte Dezember vergangenen Jahres eröffnete die neue Seilbahn, die nun 580 statt bisher 300 Personen pro Stunde auf den Gipfel bringt.

Die neue Zugspitzbahn bricht mehrere bauliche Rekorde. Noch ist sie nicht fertig, aber schon bald wird sie Skifahrer und Bergwanderer auf den Gipfel von Deutschlands höchstem Berg fahren.

Die Zugspitze, mit 2962 Metern der höchste Berg Deutschlands, seit Reichsgründung 1871 ein Nationalheiligtum. Der industrialisierte Berg: Da kann man natürlich traurig drüber sein, dass Deutschlands höchster Gipfel seit Jahrzehnten ein Ort für den Massentourismus ist. Lustig ist, dass sie unten im Tal, am Eibsee und im Dorf Grainau, den niedrigeren und für Skifahrer nicht erschlossenen Berg Alpspitze von jeher viel schöner finden. Bei den jungen Einheimischen, die in den Gasthöfen des Wettersteingebirges herumsitzen, gilt es als cool, zu sagen: "Zugspitze? Ich war nie oben."

Nebel über dem Eibsee. Die Tafel mit dem Werbeclaim "Zugspitze / Top of Germany" (muss man krachend bayerisch aussprechen, dann passt’s). Eine Webcam an der Talstation überträgt den Blick auf den Gipfel: acht Grad minus, leichte Hochbewölkung. Jetzt, gegen halb neun morgens, drängen Skifahrer in die Gondel.

Weltrekorde werden ja auch deshalb gebraucht, weil sie die Welt so schön begreifbar machen – mit gleich drei technischen Weltrekorden kann die neue Seilbahn aufwarten (mit 1945 Metern höchster Gesamtanstieg, mit 127 Metern höchste Stahlbaustütze, mit 3213 Metern das längste Spannfeld aller Seilbahnen). Wenn es einen Ausflug gibt, bei dem Eltern die Hoffnung haben dürfen, dass ihre Kinder die vergleichsweise sehr lange Zeitspanne von bis zu zwanzig Sekunden nicht auf ihr Handy gucken, sondern in die wilde Natur, dann ist es diese Seilbahnfahrt. Mit sagenhaftem Tempo zieht die Gondel nach oben und in den Fels hinein (zehn Meter pro Sekunde). Das Durchstoßen der Wolkendecke: Innerhalb weniger Meter wechselt es vom blinden Weiß ins blendende Glitzern. Der Reporter versucht, anders als die anderen Fahrgäste, nicht durchgängig zu fotografieren: Es geht nicht, der Mensch sieht nur noch durch sein Handy.

Der Gipfel ist ein 20 mal 170 Meter großes Felsplateau. So eine neue Bergstation bauen, das können sie mittlerweile wirklich grandios – 25 Meter weit ragt die gläserne, von einem vereisten Stahlgestänge getragene Kassette aus dem Berg hinaus ins Nichts. Und noch ein schneller Befund: Der Gipfel scheint unkaputtbar, Jahrzehnte Massentourismus haben die Zugspitze nicht ruinieren können. Da ist viel Technik am Gipfel untergebracht, es blinken die Räder, Fahnen und Schüsseln der Telekom und der Zugspitzen-Wetterwarte wie auf einer Raumstation. Die Holzschindeln der bei ihrer Errichtung im Jahr 1897 von Umweltschützern heftig umkämpften Bettenhütte Münchner Haus (im Winter geschlossen), der anrührend altmodische Automat, in dem aus 5-Cent-Münzen die Gipfelmedaille geprägt werden kann (Reklamation im Kiosk). Ja klar, es gibt hier oben auch eine Gulaschsuppe und verschiedene Schnäpse (werden von einem Garmischer Christian unter Gebrauch des oberhalb 2000 Meter geltenden Berg-Dus serviert), im Juli soll ein Restaurant mit tausend Terrassenplätzen eröffnen. Der Übertritt nach Österreich zur Tiroler Bergbahn ist ein noch mal anders nostalgisch berührender Übergang in eine andere Zeitzone: Achtziger-Jahre-Schäbigkeit. Es riecht nach Klo und nach Pommes.

Die berühmten 400 Gipfel, die der Besucher auf der Zugspitz-Terrasse sieht. Dem Reporter scheint es eher so, als könne er um die 400.000 Gipfel gleichzeitig sehen. An Tagen mit brillant klarer Luft soll der Blick gen Nordosten bis zur Münchner Allianz-Arena gehen (110 Kilometer Entfernung). Geiler Anblick: Der höchste Punkt Deutschlands ist nicht das im Dezember neu installierte goldene Gipfelkreuz, sondern der vereiste Baukran der Firma Liebherr.

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