Koffer Wieder Kante zeigen

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 7/2018

Wer besitzt eigentlich noch einen klassischen Koffer? Einen mit acht beschlagenen Ecken und einem Henkel daran? Solche Koffer sind fast nur noch als Möbelstück in Gebrauch – als Truhe, die zweckentfremdet in der Ecke steht. Dass tatsächlich jemand einen Reisekoffer durch die Straßen schleppt, ist kaum noch zu sehen. Wo sind all die Koffer nur hin? Heute zieht man seine Habe im Trolley hinter sich her, das Klackklackklack auf Asphalt ist der neue Sound von Touristenmetropolen.

Dass der Koffer den Reisenden verloren gegangen ist, muss einen nicht nostalgisch stimmen, denn es ist ein zivilisatorischer Fortschritt. Ursprünglich waren die großen kantigen Behälter ja gar nicht dafür gemacht, dass man sie selber trage. Diese Aufgabe überließ man möglichst einem Kofferträger, also Leuten, die sich früher auf Bahnsteigen drängten, um etwas Geld zu verdienen. In westlichen Ländern gibt es heute keine Kofferträger mehr. Das hat damit zu tun, dass menschliche Arbeitskraft teurer geworden ist. Es lohnt sich, sein Zeug selbst zu transportieren. Ein anderer Grund ist natürlich die veränderte Kultur des Reisens. Früher waren Reisen viel umständlicher, man legte lange Strecken mit Zügen und Schiffen zurück. Ein bisschen war Reisen wie temporäres Umziehen.

Heute sind Flugzeuge das bevorzugte Transportmittel. Wir nehmen nur noch so viel mit, wie ins Handgepäck passt, um möglichst keine Zeit am Gepäckband zu verlieren. Reisen wollen wir gerne, aber alles, was mit dem Reisen zu tun hat – Bahnhöfe, Flughäfen und Flugzeuge –, finden wir weniger glamourös. Wir sind heute viel mehr unterwegs. Zu einer Blüte der Reisekultur hat dies nicht geführt. Noch Mitte des vorigen Jahrhunderts war die Reisegarderobe eine eigene Kategorie in der Mode, der Begriff "Cruise Collection" – Mode, die auf Kreuzfahrtschiffen getragen wird – erinnert heute noch daran. Wenn man unterwegs war, wollte man besonders gut aussehen. So enthielten Schrankkoffer um 1900 herum beispielsweise für jeden Reisetag eine eigene Schublade, in der jeweils ein frisches Hemd lag. Der moderne Reisende hingegen packt möglichst leichte, knitterfreie Klamotten ein, in möglichst geringer Zahl.

Während die mobile Generation lustlos den Trolley hinter sich herzerrt, feiert der gute alte Koffer nun sein Comeback in der Mode. Das heute südkoreanisch geführte Label MCM etwa hat eine eckige gelbe Koffertasche im Programm. Ähnliches gibt es in Form eines Motorrad-Koffers von Balenciaga und in runder Hutschachtel-Form von Louis Vuitton. Zum Reisen sind die Dinger leider wenig geeignet. Aber man kann sie problemlos selber tragen.

Peter Langer / Recht eckig: Koffertasche von MCM

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Dann gehörte Ihre Großmutter wohl zur Oberklasse. Für meine Großmutter dagegen war es als Jugendliche ein besonderes Ereignis in die nächste Großstadt (Aachen) in ca 50 km Entfernung zu fahren.

Der Verlust der Kofferträger liegt wohl auch daran, dass die Unterschicht stark aufgestiegen ist und eben nicht mehr so viele Menschen als Lohnsklave arbeiten müssen nur um zu überleben.

Ich war kürzlich erstmals in Vietnam. Dort wurde uns in aus deutscher Sicht mittelpreisigen Hotels, Restaurants etc. ständig der Arsch nachgetragen.

Das Gefühl war dann doch sehr zwiegespalten.