© Jody Rogac

Plus-Size-Model "Ich bin schön"

ZEITmagazin Nr. 7/2018
Es ist nicht lange her, da sagten alle zu ihr, sie sei fett und hässlich. Inzwischen ist Barbie Ferreira ein überaus erfolgreiches Model. Von

An diesem Morgen in einem Café in Williamsburg, Brooklyn, fällt Barbie Ferreira kaum auf. Die 20-Jährige trägt, was in ihrer Nachbarschaft viele tragen: weiße, abgelaufene Turnschuhe, Karottenjeans, ein schwarzes T-Shirt und eine silberne Gliederkette. Der Stil: Nineties. Die langen, dunkelbraunen Haare hat sie zu einem Dutt nach oben gebunden. Kein Make-up, das die Sommersprossen verdecken würde. "Ich bin noch ein bisschen müde", sagt sie und lächelt entspannt. Gestern Abend war sie mit Freunden auf einer Party in der Lower East Side. Um halb elf hat die Polizei das Fest geräumt, und Ferreira hat den Rest der Nacht zu Hause mit ein paar Freunden alte Musikvideos von Pharrell Williams auf YouTube geschaut.

Seit fünf Jahren arbeitet Barbie Ferreira als Plus-Size-Model. Eigentlich heißt sie Barbara, aber ihr gefällt der Widerspruch zwischen der Plastikpuppe mit den vermeintlichen Traummaßen und dem dicken Model mit den Dehnungsstreifen. Barbie Ferreira setzt sich für die amerikanische Body-Positivity-Bewegung ein, deren Anhänger gegen Schlankheitswahn und einseitige Schönheitsideale kämpfen.

Auch in Deutschland arbeiten Frauenmagazine vermehrt mit Plus-Size-Models wie Barbie Ferreira. In der Sendung Curvy Supermodel auf RTL II wird die Frau "mit den schönsten Kurven der Nation" gesucht, und im vergangenen Frühjahr lief der von Nora Tschirner produzierte Film Embrace in deutschen Kinos. Darin suchte die Australierin Taryn Brumfitt Antworten auf die Frage, warum so viele Frauen ihren Körper hassen. Auf sozialen Netzwerken wie Instagram stellen mehr und mehr Frauen nun auch die angeblichen Makel ihres Körpers zur Schau.

Nicht mehr hungern müssen! Was für eine Freiheit. Zu dem Treffen bestellt sich Barbie Ferreira ein Sandwich mit Ei, Speck und reichlich Käse.

2015 wurde Barbie Ferreira von der renommierten New Yorker Model-Agentur Wilhelmina unter Vertrag genommen. Seitdem sind Fotostrecken mit ihr in Mode- und Jugendmagazinen wie Seventeen, Glamour und Teen Vogue erschienen. Sie war das Gesicht für Werbekampagnen von Adidas, American Eagle und Calvin Klein. Auf Instagram folgt ihr eine halbe Million Menschen. Wenn sie durch die Straßen New Yorks läuft, bitten Fans sie um Autogramme und Selfies.

Als Kind sah Ferreira aus wie Olive, die kleine Hauptdarstellerin aus dem Film Little Miss Sunshine, süß und pausbäckig, mit rundem Bauch und dicken Brillengläsern. Doch ihre Mitschüler nannten sie "hässlich" und "fett", und sie glaubte ihnen. "Ich mochte meinen Körper überhaupt nicht und dachte, dass ich erst mal 20 Kilo abnehmen müsste, um der Mensch zu sein, der ich eigentlich sein wollte", sagt sie und wischt sich die fettverschmierten Finger an einer Serviette ab. Sie hat ein Sandwich mit Ei, Speck und zerlaufenem Käse bestellt.

Mit 15 aß Ferreira dann eine Zeit lang kaum etwas, ging jeden Tag ins Fitnessstudio, kontrollierte ständig ihr Gewicht. Sie nahm 15 Kilo ab. Auf einmal folgten ihr die Blicke der Mitschüler. "Plötzlich wurde ich als attraktiv wahrgenommen", erzählt sie.

Die Anerkennung, auch wenn sie oberflächlich gewesen sein mag, gefiel ihr, und aus einer überschwänglichen Laune heraus schickte sie Fotos an American Apparel. Die amerikanische Modemarke suchte in einem offenen Casting ein neues Model. Die verschwommenen Fotos hatte Ferreira in ihrem Kinderzimmer aufgenommen, ihr Gesicht in rosafarbenes Licht getaucht.

Sie bekam den Job. Damals trug sie Kleidergröße 40. Für ein Plus-Size-Model war sie eigentlich zu dünn, für ein konventionelles Model zu dick. American Apparel war das egal. Ihre Fotos wurden auf Facebook, Twitter und Instagram gepostet, geteilt und kommentiert. Endlich fühlte Barbara Ferreira sich wahrgenommen.

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