Speisekarte "Ich esse fast alles"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 7/2018

Wenn wir als Familie essen gehen, wird es schnell kompliziert. Das liegt daran, dass Luna die vegane Vielfalt auf der Karte vermisst, Lotta unbedingt eine große Cola trinken will und sich nicht überzeugen lässt, dass das Zeug ungesund ist, und Juli zwar grundsätzlich zufrieden mit dem Apfelsaft ist, ihn aber trotzdem mit hoher Zuverlässigkeit über die Tischdecke kippt. Am schwierigsten kann sich die Lage aber mit Greta entwickeln. Greta studiert die Speisekarte so genau, als sei sie ein Vertrag, den sie unterzeichnen müsse. Allerdings lehnt sie den Schriftsatz regelmäßig ab. Wenn sie anfängt, die Vorspeisen zu lesen, ist ihre Stimmung noch gelassen. Gelangt sie dann zu den Hauptgerichten, verdüstert sich ihr Gesicht zu dunkler Materie, zu einem kleinen Schwarzen Loch, das alles, alles um sich herum verschlingt.

Es ist physisch nicht möglich, des eigenen Lebens froh zu sein, wenn Greta von der Speisekarte enttäuscht ist. Greta fühlt sich dann persönlich verletzt von der Küche. Sie sagt leise, aber dennoch in einem vorwurfsvollen Ton: "Es ist nichts dabei für mich." Frustrierend etwa ist, wenn die Karte keine Spaghetti Bolognese enthält. Denn die Erfahrung lehrt: Restaurants, die keine Bolognese haben, bieten meist auch keine Chicken-Nuggets an. Und das macht die Sache einerseits kompliziert, andererseits auch einfach: Wir können im Prinzip nur zum Italiener oder zu McDonald’s. Ich frage Greta: "Warum isst du nichts?" – "Ich esse fast alles." – "Nein, du findest doch nie etwas!" – "Weil es nie etwas gibt, das ich kenne!" Ich muss zugeben: Greta ist kein lustloser Esser, sondern ein besonders lustvoller. Für sie ist Essen so wichtig, dass sie eine Enttäuschung schwer verkraften würde. Also hält sie sich an das, was sie kennt und von dem sie glaubt, dass kein Koch es versauen kann. Bolognese ist die Schnittmenge ihrer Liebe zum Essen mit den Fähigkeiten eines durchschnittlichen Küchenarbeiters. Wenn es jeden Tag Nudeln mit Bolognese gibt, dann ist das genauso schön für Greta, wie wenn im Sommer jeden Tag die Sonne scheint. Da erfreuen wir uns ja auch immer am gleichen Zentralgestirn.

Greta möchte mir bei der Kolumne helfen. Sie sagt, ich solle mal schön bei der Wahrheit bleiben. Sie überreicht mir einen Zettel. Darauf steht: "Ich esse: Spaghetti Bolognese, Chicken-Nuggets, Spaghetti mit Tomatensoße, Spaghetti mit Champignons-Sahne-Soße, Pizza Margherita, Pizza Tomate-Mozzarella, Pizza Hawaii, Pizza mit Spinat, Spiegelei, Rührei, Kartoffeln mit Quark. Kassler mit Sauerkraut und Kartoffeln, Elsässer Flammkuchen, Hotdog, Hamburger, Leberkäse, Pommes frites, Pfannkuchen, Kartoffelklöße mit Apfelmus, Milchreis, Apfelmus, Chili con Carne, Linsensuppe, Kürbissuppe, Gemüsebrühe, Fleischbrühe, Nudelauflauf, Lasagne, Maultaschen, Gnocchi, Crêpes, Kartoffelsalat mit Würstchen, Erbsen, Bohnen, Karotten, belegte Brötchen, Fruchtjoghurt, Gummibärchen, Pudding, Götterspeise, Kekse, Schokolade, Kuchen, Nutella, Eis, Trauben. Schokoküsse, Lollis, Smoothies, Äpfel, Milchschnitte, Pistazien, weiße Schokolade, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln." Sie fragt: "Fällt dir noch etwas ein?" Ich verneine. "Siehst du – das ist fast alles!" Das nächste Mal, wenn wir im Restaurant sitzen, werde ich keine Speisekarte mehr erbitten, sondern dem Kellner einfach diese Liste überreichen und sagen: "Hiervon bitte einen Teller."

Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ich finde es lächerlich, wie hier die Kinder ausgeschlachtet werden. Was machen eigentlich die Töchter mit solchen Statements, vor allem in der letzten Zeit über die kleine Tochter, lauter als der Urknall und ein explodierendes Atomkraftwerk, meine Kinder wären entsetzt wenn sie so in der Öffentlichkeit bloßgestellt werden und witzig wie etwa Axel Hacke ist das gar nicht, eher penälerhafte Besinnungsaufsätze.

Vielleicht haben wir bei der Erziehung etwas richtig gemacht (ausnahmsweise), vielleicht haben wir einfach nur Glück. Aber dass unser Sohn nichts findet, was er mag, ist noch nie vorgekommen. Er hat von Anfang an dasselbe gekriegt, wie seine Eltern, und die wenigen Sachen, die er nicht mochte, wurden dann eben nicht mehr gekocht, oder so abgewandelt, dass er sie dann doch mochte.

Er hat auch sehr schnell mitbekommen, dass es nicht auf die Namen der Gerichte ankommt, sondern auf die Qualität der Zutaten und die Fähigkeiten des Kochs. Weshalb er - Ausnahme zu dem oben Gesagten - leider Kantinenessen in seinen bisherigen Schulen komplett verweigert. Mehrere visuelle und olfaktorische Prüfungen durch seine Eltern bestätigten seine Aussage "das kann man nicht essen". Also gibt's dicke, fette Pausenbrote.

Gretas Liste ist schon recht lang, aber leider sind viele dieser Gerichte in Restaurants nicht zu haben. Unser Sohn akzeptiert dann meist die Empfehlung seiner Eltern.