Suzanne von Borsody "Manche Träume könnte ich mir nur erfüllen, wenn ich auch im wahren Leben Zauberkräfte hätte"

© Wolf Silveri
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 7/2018

In Nathan der Weise heißt es: "Wenn denn nun meiner Träume wärmster innigster erfüllet ist – was dann? Ah – ich erschrecke!" Da ist etwas Wahres dran. Also träume ich davon, immer weiterzuträumen.

Andererseits habe ich das große Glück, dass sich einige meiner Träume erfüllt haben, wenn auch oft über Umwege. Zum Beispiel habe ich lange davon geträumt, eine Lehrerin in einem der Harry Potter- Filme zu spielen. Einmal stolperte ich in einem Traum durch die Hogwarts-Kulissen, völlig begeistert, dass ich endlich mitmachen darf. Dann stelle ich fest, dass ich keine Schuhe trage, obwohl es Winter ist. "Vielleicht bin ich ja die Hexe, die nicht friert", denke ich. Dann fällt mir ein, dass es diese Rolle ja gar nicht gibt. Und ich bemerke, dass die Kamera nicht läuft.

Tatsächlich ist diese Filmreihe ja abgedreht, mein Traum wird sich also nicht erfüllen. Aber dafür durfte ich eine Zauberin in Rapunzel spielen, eine Internatslehrerin in Hanni & Nanni und jetzt eine böse Hexe in Die kleine Hexe. In gewisser Weise ist mein Traum also wahr geworden. Allerdings muss man gerade in meinem Beruf auch vorsichtig sein, was man sich wünscht. Es gab schon Projekte, an denen ich unbedingt beteiligt sein wollte, die sich dann als schlimm und chaotisch erwiesen haben.

Manche Träume könnte ich mir nur erfüllen, wenn ich auch im wahren Leben Zauberkräfte hätte: Ich träume zum Beispiel davon, dass Dummheit tatsächlich wehtut. Oder dass ich alle Menschen, die so bösartig gegen Flüchtlinge wettern, im Zeitraffer all das erleben lassen könnte, was die Flüchtlinge durchgemacht haben: ihre Angst, ihre Verzweiflung, ihren Schmerz.

In meinen nächtlichen Träumen tauchen immer wieder verschiedene Gebäude und Wohnungen auf, die ich nur in meinen Träumen bewohne. Eine davon ist ganz fürchterlich spießig, viele kleine Zimmer gehen in ihr von einem langen Flur ab. Dort stelle ich im Traum meine Bilder aus, auf merkwürdigen Stellwänden. In einem dieser Träume bin ich einmal meiner verstorbenen Mutter begegnet. Sie hat knallrote Haare und huscht durch die Räume. "Mami, was machst du denn hier? Schön, dich zu sehen!", sage ich. "Ich wollte mir das nur mal anschauen", sagt sie, ohne mich anzugucken. Im Traum ist mir klar, dass sie tot ist. Ich bin freudig verdattert, ansonsten fühlt sich die Begegnung völlig normal an. Eine andere Wohnung sehe ich immer nur von außen, ein hochherrschaftliches Haus mit einem großen, herbstlichen Garten. Ich weiß, dass ich darin wohne, aber ich gelange nie in das Haus hinein, weil in dem verwilderten Garten so viel Arbeit zu erledigen ist. Aus einer weiteren Wohnung schaue ich immer nur hinaus. Sie liegt weit oben, die großen Fenster geben den Blick frei auf das Meer, in die Weite. Ich freue mich immer darauf, diese Wohnung im Traum zu besuchen, dort kann ich innehalten, Ruhe finden. Es heißt ja, dass Wohnungen in Träumen uns selbst darstellen. Also frage ich mich, was eigentlich diese spießige Wohnung voller Stellwände über mich aussagen soll.

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