© Sean Gallup/Getty Images

Annalena Baerbock "Ankommen ist das eine, Heimischwerden das andere"

Als Annalena Baerbock zum Schüleraustausch in Amerika war, fühlte sie sich sehr einsam. Dann fand sie ein Fußballteam. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 11/2018

ZEITmagazin: Frau Baerbock, Sie sind in einem Dorf in Niedersachsen aufgewachsen und mit 16 für ein Jahr in die USA gegangen, nach Florida. Wie war es für Sie, zum ersten Mal in der Fremde zu sein?

Annalena Baerbock: Viel schwieriger, als ich gedacht hatte. In der Zeit kamen E-Mails gerade erst auf. Facebook gab es nicht, ich hatte keinen direkten Draht zu meiner Familie zu Hause. An meiner neuen Schule waren viele Kinder aus sehr reichen Familien, schon allein deshalb fühlte ich mich fremd. Und alle haben eine Sprache gesprochen, die ich nicht fließend beherrschte. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich einsam gefühlt.

ZEITmagazin: Wie war Ihre Gastfamilie?

Baerbock: Sehr herzlich. Die Mutter war Lehrerin an der Schule, nur deshalb ging ich dahin. Wir lebten in einem Vorort von Orlando. Da dort kein Bus fuhr und ich, anders als andere, als Deutsche mit 16 ja noch keinen Führerschein hatte, war ich von dem, was man abends so als Jugendliche tut, ziemlich abgeschnitten.

ZEITmagazin: Wie haben Sie Freunde gefunden?

Baerbock: Ich habe früher viel Sport gemacht. Als im Winter die Girls Soccer Season anfing, half mir der Fußball über den Berg. Endlich hatte ich eine Gruppe, zu der ich gehörte. Seit der Zeit muss ich immer wieder daran denken, wie wichtig es sein kann, ein nettes Wort an einen Fremden zu richten. Oder ihn zu sich nach Hause einzuladen.

ZEITmagazin: Später haben Sie in Potsdam einen Verein für Flüchtlinge gegründet.

Baerbock: Ja, Anfang 2016 haben meine Familie und ich bei der Initiative "Welcome Dinner" mitgemacht und eine Familie aus Aleppo zum Essen eingeladen. Der jüngere der beiden Söhne wurde an dem Tag fünf Jahre alt, wir haben mit ihm – typisch deutsch – Kuchen gegessen. Sie wurden dann meine Patenfamilie. Ich wusste aus meinen Erfahrungen in den USA: Ankommen ist das eine, heimisch werden das andere. Ein syrischer Bekannter und ich haben dann den Verein "Hand in Hand Potsdam" gegründet, um Geflüchtete zu unterstützen. Es ist so viel einfacher, wenn man zum ersten Mal mit einem Deutschen einkaufen oder zur Post gehen kann. Die Behördengänge allein zu bewältigen ist fast unmöglich.

ZEITmagazin: Selbst für Deutsche ist es ja schwer, Behördenbriefe zu verstehen.

Baerbock: Genau. Am Anfang lebte meine Patenfamilie in einer Flüchtlingsunterkunft am Stadtrand von Potsdam mit ganz schlechten Busverbindungen. Um für die Jungs eine Kita zu finden, mussten wir alle Kitas in der Stadt abtelefonieren. Dann hatten wir eine, aber die war mit dem Bus kaum zu erreichen. Also haben wir versucht, eine Wohnung zu finden. Wir mussten zig Anrufe machen, um überhaupt Besichtigungstermine zu bekommen – mit rudimentärem Deutsch wäre das kaum möglich gewesen. Schon allein wenn ich gesagt habe, die Wohnung ist für eine Familie aus Syrien, hieß es öfter mal: "Wenn sie kein Deutsch sprechen, können sie hier nicht einziehen."

ZEITmagazin: Haben Sie denn eine Wohnung gefunden?

Baerbock: Wir sind schließlich auf eine sehr nette Hausverwaltung gestoßen, die ganz bewusst Flüchtlingsfamilien unterstützen wollte. Zwei Jahre ist das her. Die Mutter unterrichtet jetzt dank eines Programms der Uni Potsdam als Hilfslehrerin. Der Vater hat über Online-Kurse seinen Führerschein gemacht und fährt für eine Apotheke Medikamente aus.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihren syrischen Bekannten erzählt, dass Sie Politikerin sind und oft über Flüchtlingspolitik sprechen?

Baerbock: Das wissen sie ganz genau. Wenn ich in Brandenburg bei Flüchtlingsinitiativen unterwegs bin, sind die Geflüchteten erst mal überrascht: Wie, Sie sind Abgeordnete? Als Frau? In dem Alter? Dann kommt oft die Bitte, mich für einen großzügigeren Familiennachzug einzusetzen. Das tue ich. Aber ich muss ihnen auch erklären, dass meine Partei gerade nicht in der Regierung ist und die Mehrheit im Bundestag das anders sieht als wir. Das Thema bewegt mich sehr, auch weil ich selbst zwei Kinder habe.

ZEITmagazin: Ihre Töchter sind 2 und 6 Jahre alt. Verstehen sie Ihre Arbeit?

Baerbock: Die Kleine versteht das noch nicht. Der Großen erkläre ich immer, dass es in Deutschland neue Regeln geben wird und ich mit den anderen Parteien drüber verhandele. Aber natürlich war die erste Frage, als ich Parteivorsitzende geworden bin: "Bist du jetzt mehr weg?" Wenn ich sage, dass ich noch mal arbeiten muss, kommt dann gern von der Kleinen: "Mama nicht Arbeit!" So was gibt, glaub ich, allen Eltern einen Stich. Aber wenn ich sage, ich muss noch mal los zum Fernsehen, ist es einfacher. Das hat wohl einen besseren Klang als Arbeit.

Das Gespräch führte Khuê Pham. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper, Ijoma Mangold und Christine Meffert zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren