Harald Martenstein Über Kutteln und Reisbier

Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 14/2018

Die Redaktion sagt, ich soll etwas über Deutschland schreiben. Ich mag das Land. Es hat natürlich seine Stärken und Schwächen. Die deutsche Küche mag ich zum Beispiel nicht. Wenn ein Restaurant mit dem Schild "Deutsche Küche" für sich wirbt, darf man da auf keinen Fall hineingehen. Bei "Deutsche und internationale Küche" sind die Wirtsleute nach meiner Erfahrung häufig Kroaten, das ist okay.

Nun wird mir jeder entgegenhalten, dass es in Deutschland heutzutage hervorragende Restaurants gibt. Das stimmt. Jede Menge. Sie kochen dort meistens international, ich glaube, man sagt: Cross-over. Man kann auch aus deutschen Traditionsgerichten etwas Leckeres machen, aber nur, indem man sie verfeinert, der Pichelsteiner Eintopf von Wolfram Siebeck ist so ein Fall, er enthält schätzungsweise zwei Kilo Butter. Neulich habe ich nach den Angaben meiner Kollegin Elisabeth Raether eine Erbsensuppe gekocht, die echt gut war, man nimmt dazu Kokosmilch und Chiliflocken. Vermutlich würde auch eine Bratwurst interessant schmecken, wenn man sie in Kokosmilch gart.

Ein billiges Restaurant kann in Frankreich oder Spanien toll sein, in Deutschland habe ich die drei oder vier billigen Restaurants, die bestimmt auch toll sind, leider noch nicht gefunden. Currywurst geht. Kalbshaxe auch, aber das liegt eher am Kalb und weniger am Rezept. Andererseits haben wir in Deutschland hervorragende Italiener. Falls Sie eine einwöchige Europareise planen, essen Sie in Deutschland italienisch, und lassen Sie sich für Ihren Kurzaufenthalt in Italien von dem deutschen Italiener etwas einpacken. Bis hierhin habe ich nur Unüberraschendes geschrieben.

Ich mag auch das deutsche Bier nicht sonderlich. Jetzt werde ich vom Zentralverband der Biertrinker gegrillt, das steht fest. Mein Gott, ich mag’s halt nicht, außer zu Currywurst. Ein Deutscher, der deutsches Bier nicht mag – das ist mein Beitrag zu diversity. Bier aus Spanien, aus Mexiko oder Hawaii, wunderbar. Deutsches Bier ist zu bitter für mich. In das Bier muss Reis hinein, wie man es in Asien gewohnt ist, der Reis macht es doch erst süffig. Weizenbier ist okay, vielleicht wegen des Weizens.

Ich habe aber ein deutsches Lieblingsgericht. Es ist billig. Kein Sternekoch kriegt das hin, außer vielleicht Vincent Klink in Stuttgart. Meine Oma hat es oft gekocht. Das Beste an der deutschen Küche, ein Gericht, für das ich weite Wege in Kauf nehme, sind Kutteln. Das sind in Streifen geschnittene Teile des Rindermagens in Soße mit Bratkartoffeln. Man nimmt Kutteln oder Pansen auch gern für Hundefutter. Kutteln sind weich, säuerlich und etwas glitschig, sie schmecken fast so, als ob die Kuh noch lebendig wäre. Du nimmst den Odem des Lebens in dich auf und wirst eins mit dem Tier, um es mal poetisch auszudrücken. Magen schmiegt sich an Magen, Esser und Gegessenes werden eins, es ist ganzheitlich, respektvoll und nachhaltig. Denn wenn man schon Tiere isst, sollte man es ganz tun und nicht die Hälfte wegschmeißen. Der Geschmack ist zart und doch kräftig, ein Hauch von Pulpo mit Noten von Hühnchenbrust, Limone und Weinbergpfirsich. Die Kuttel kommt auch in anderen europäischen Küchen vor, aber wir Deutschen kriegen sie tatsächlich am besten hin, vor allem in Schwaben. Über einen besonders gesund wirkenden Mitbürger sagt man dort gern, er habe "eine gute Kuttel". Niemand würde je sagen, ein munterer Bayer besitze "eine gute Weißwurst". Mehr muss man über die kulturprägende Kraft der deutschen Kuttel gar nicht wissen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Gut, dass Geschmäcker verschieden sind und sein dürfen. Currywurst mag ich z.B. gar nicht, und Kutteln weder auf Deutsch noch auf Französisch. Meine Hunde sind da anderer Meinung, sei ihnen gegönnt.
Manch schlechten Italiener kenne ich, wie eben auch gut und mit Phantasie " deutsch kochende" Restaurants in mittlerer Preisklasse, in der gehobenen sowieso.
Bier? Auch da sind Geschmäcker verschieden, die Craft-Bier Brauereien in meiner Umgebung brauen für süßen wie für die herben Trinker, äh, Genießer passendes.