© Giulio Boem

Antonio Citterio "Das Schlafzimmer wird oft unterschätzt"

Worauf muss man beim Einrichten seiner Wohnung achten? Warum ist die Küche so wichtig? Und wie wird sich das Wohnen in Zukunft verändern? Antonio Citterio über seine Erfahrungen aus 40 Jahren Wohnungsdesign und den vielleicht größten Fehler seines Lebens Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 15/2018

ZEIT Magazin: Herr Citterio, Sie sind seit mehr als 40 Jahren Designer und Architekt. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Antonio Citterio: Vor 40 Jahren war ein Designer eine Art Künstler – und der Produzent wollte vor allem Geld machen. Heute sind Designer in den Unternehmensleitungen. Design ist Teil der Strategie.

ZEIT Magazin: Wie hat sich das Wohnen verändert?

Citterio: Ich habe mich am meisten für die Küche interessiert. Ich habe 1988 eine Küche nach dem Vorbild einer Profiküche vorgestellt. Bis dahin waren Küchen in die Ecken gebaut worden. Designer haben nur Details verändert, aber nicht das grundsätzliche Verständnis. Ich fragte mich: Will man beim Kochen wirklich dicht an der Wand arbeiten oder lieber mitten im Raum?

ZEIT Magazin: Heute ist die Küche ja der zentrale Platz in der Wohnung.

Citterio: Ja, sie ist Zentrum des Hauses, dort wird gekocht und gegessen. Die Küche ist die Sonne, und alle anderen Räume sind Satelliten, wo die Menschen sich zurückziehen können.

ZEIT Magazin: Was ist das Erste, was man beachten muss, wenn man einen Raum gestaltet?

Citterio: Das Wichtigste ist: Wo kommt der Tisch hin? Wenn sich kein guter Ort für einen Tisch findet, stimmt mit dem Raum etwas nicht. Für mich ist auch wichtig: Wo steht der Fernseher? Meine Kinder empfinden das nicht mehr so, sie schauen Filme auf ihren Computern. Drittens: Wo soll das Sofa hin? Damit ist ein Raum fast schon perfekt.

ZEIT Magazin: Was ist der am meisten unterschätzte Raum?

Citterio: Vor 20 Jahren war es bestimmt das Bad, das hat sich geändert. Heute wird das Schlafzimmer noch oft unterschätzt. Dort verbringen wir die meiste Zeit. Ich zum Beispiel wache nachts oft auf und hänge Ideen nach. Deswegen habe ich neben meinem Schlafzimmer einen kleinen Raum mit einem Kamin, wo ich sitzen und Skizzen machen kann.

ZEIT Magazin: Was ist guter Geschmack?

Citterio: Für mich ist guter Geschmack, wenn ich etwas wirklich nutzen kann. Ich habe zum Beispiel 150 graue Polohemden, ich trage täglich eins. Ein gutes Produkt bereichert dich jeden Tag: Nehmen wir das Sofa. Ein Sofa ist für mich vor allem ein Gestell mit Kissen. Man braucht kein expressives Design, man möchte einfach in gemütlichen Kissen sitzen. Mein Sofa Diesis, das ich zusammen mit Paolo Nava entworfen habe, ist so simpel aufgebaut. Es wird seit fast 40 Jahren verkauft.

ZEIT Magazin: Was ist überschätzt im Design?

Citterio: Es werden immer noch riesige Wandschranksysteme entworfen. Aber die will niemand mehr. Die Bedeutung von Schränken und Regalen hat abgenommen. Wenn wir in eine Wohnung gehen und dort kein großes Bücherregal vorfinden, glauben wir nicht mehr automatisch, dass die Person ungebildet ist.

ZEIT Magazin: Was machen die Menschen beim Einrichten falsch?

1979 entwarf Antonio Citterio gemeinsam mit Paolo Nava das legendäre Sofa "Diesis" für B&B Italia. © Neven Allgeier und Sucuk & Bratwurst

Citterio: Viele richten sich nicht für das wirkliche Leben ein, sondern für ein Leben, das sie glauben, führen zu müssen. Etwa wenn sie große Sofalandschaften haben wollen, weil sie sich vorstellen, dass viele Gäste darauf sitzen werden. In der Realität aber kommt man viel öfter nach Hause und will seine Ruhe haben. Man hat nicht jeden Abend Gäste. Aber man stellt sich vor, dass man gerne so ein Leben hätte. Also richtet man sich im falschen Leben ein.

ZEIT Magazin: Wie geht es weiter?

Citterio: Ich denke, das Wohnen wird sich globalisieren. So wie es heute schon in Kalifornien ist. Dort bezieht man ein fertig eingerichtetes Haus. Das Haus ist nicht mehr der Ort der Identität, sondern ein Platz für einen Lebensabschnitt.

ZEIT Magazin: Wie sehen Sie die Zukunft des Designs?

Citterio: Heute werden immer mehr Produkte hergestellt, die trendy sind und ein kurzes Leben haben. Aber wir brauchen längere Produktlebenszyklen. Dazu gehören eben auch die Fragen: Was passiert, wenn das Produkt tot ist? Wie teuer ist es, es wiederzuverwerten? Matratzen etwa sind leicht herzustellen, aber sehr schwer zu recyceln. Wir werden mal neun Milliarden Menschen sein, die alle wohnen wollen. Das bedeutet, dass wir 400.000 neue Wohnungen pro Woche auf der Welt brauchen. Wie viele Matratzen, wie viele Stühle, wie viele Autos werden das sein?

ZEIT Magazin: Welchen Fehler aus den letzten 40 Jahren machen Sie nicht noch einmal?

Citterio: In den Neunzigern habe ich ein erfolgreiches Konzept für die Präsentation des Smart erarbeitet. Deswegen wurden einige Firmen auf mich aufmerksam. Eines Tages kamen Vertreter einer Marke namens Nespresso zu mir und fragten, ob ich ein Konzept für Nespresso-Läden entwerfen könnte. Ich lehnte das ab. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass tatsächlich jemand in einen Laden kommen könnte, um Aluminiumkapseln mit Kaffee darin zu kaufen.

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