© Sebastian Willnow/ddp

Rudolf Horn Der Design-Papst der DDR

Der Sachse Rudolf Horn entwarf eine Art Ikea-Prinzip für Ostdeutschland: Mit seinen Möbeln zum Zusammenbauen schaffte er es in fast alle Wohnzimmer der DDR. Seine eigene Wohnung in Leipzig hat er vor 60 Jahren eingerichtet. "Ich habe nie einen Grund gesehen, etwas zu ändern", sagt er. Von
ZEITmagazin Nr. 15/2018

Manchmal ist es nur ein Moment, der ändert, wer wir sind, und bestimmt, was wir werden. Als Rudolf Horn dem berühmten Maler Alexander Neroslow begegnete, war er gerade 17 Jahre alt. Es war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in Waldheim, Sachsen. Rudolf Horn war hier groß geworden, mit 15 Jahren wurde er gemustert, er hatte sein Leben im Nationalsozialismus verbracht. Neroslow, der Maler, war in St. Petersburg geboren, später ging er nach Deutschland. Ein gebürtiger Russe und, was fast noch schlimmer war, ein Kommunist. "Ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, dass ein Kommunist malen kann", sagt Horn. "So verblendet war ich." Dass er ihn dennoch traf, hat er seiner Mutter zu verdanken. Denn sie war es, die sah, dass der Junge täglich zeichnete. Und sie war es, die beschloss, dass Rudolf Horn aus seinem Talent mehr machen sollte. "Du mit deinem Gekritzel, du musst mal in ordentliche Hände", sagte sie und schickte ihn zu Neroslow. Dem kommunistischen Maler, der im "Dritten Reich" in Dresden im Widerstand war, verhaftet wurde und nun in Waldheim lebte, weil er dort zuvor als politischer Gefangener im Zuchthaus gesessen hatte. Vielleicht zögerte Horn damals, das weiß er nicht mehr. Aber er ging zu ihm. Mit seiner Mappe voller gezeichneter Bauernhöfe stand er vor seiner Tür. Horn weiß noch, wie sein Herz klopfte, als Neroslow ihn ins Wohnzimmer bat. Setz dich, sagte er. Horn setzte sich, klappte seine Mappe auf, holte seine Zeichnungen hervor. Doch Neroslow schaute gar nicht hin. Er sah Rudolf Horn, diesen Jungen von 17 Jahren, an und stellte ihm eine Frage: Für wen willst du das machen? Horn weiß nicht mehr, was er geantwortet hat, wahrscheinlich dummes Zeug, sagt er, aber die Frage hat er nie vergessen. Sie sollte sein Leben bestimmen.

Rudolf Horn gilt heute als der bekannteste Designer der DDR. Manche nennen ihn den DDR-Design-Papst. Andere auch den Mister Ikea der DDR. Horn ist im Osten Deutschlands so bekannt, dass man sich eine Anekdote über ihn erzählte: Ein Mann wird morgens in seiner Wohnung auf seiner Couch wach. Der Schädel brummt. Es war wohl ein Glas zu viel. Oder zwei. Er schaut sich schläfrig um. Da kommt seine Frau ins Wohnzimmer. Nur, es ist nicht seine. Es ist die Nachbarin. Der Mann hat nicht gemerkt, dass er in der falschen Wohnung war, weil das Wohnzimmer nämlich genauso aussah wie seines. Dieselbe Schrankwand, dieselbe Couch. Von Rudolf Horn. MDW hieß das Programm, mit dem Horn es in fast alle Wohnzimmer der DDR schaffte. Aber das war lange nachdem er den Maler getroffen hatte, nachdem er eine Ausbildung zum Tischler gemacht hatte, damit er, wie seine Mutter sagte, ein anständiges Handwerk lernt, und nachdem Horn eine Lehre als Innenarchitekt absolviert hatte und an der Ingenieurschule für Holztechnologie in Dresden studiert hatte. Horn wollte das Material verstehen, die Produktionsbedingungen. Er wollte mehr als nur designen. Und überhaupt, das Wort Designer mag Horn gar nicht. Er nennt sich lieber Formgestalter, so steht es auch im Telefonbuch. Dr. Rudolf Horn, Formgestalter. Darunter die Adresse, eine Straße in Leipzig. Parterre. Hier wohnt er seit über 60 Jahren. In diesem Altbau hat er seine zwei Kinder mit seiner Frau großgezogen, jetzt lebt der 88-Jährige hier allein.

Betritt man Horns Wohnung durch den dunklen Altbauflur und geht in das Wohnzimmer, dann hat man für einen Moment das Gefühl, in einer anderen Zeit zu sein und dennoch im Jetzt. Die Sessel vor dem Glastisch, der in Holz gefasst ist, gegenüber keine Couch, sondern eine mit beigefarbenem Stoff bezogenene Bank, das Bücherregal aus Holz, der kleine weiße Tisch mit zwei Stühlen, das alles, in sanften Farben mit viel Cremetönen, wirkt nicht nur retro, es ist es auch. "Ich habe meine Wohnung vor 60 Jahren eingerichtet", sagt Horn. Und dann: "Ich habe nie einen Grund gesehen, etwas zu ändern." Nicht nur weil seine Möbel zeitlos wirken, sondern weil hier in seiner Wohnung alles so ist, wie er es braucht. Und genau das, sagt er, wollte er auch für die Menschen, für die er Dinge gestaltet hat. "Ich wollte nicht für die Avantgarde gestalten, ich wollte auch keinen Wohlstandsmüll entwerfen, den man sich in eine Vitrine stellt, sondern einfache und dadurch schöne Dinge. Für die soziale Mitte." Jeder, auch wenn er nicht reich war, sollte sich seine Wohnung gestalten können, wie er es will und braucht. Auch deshalb nennt Horn sich nicht gerne Designer, weil Design nach etwas Abgeschlossenem klingt. "Der Finalist aber", sagt Horn, "kann doch immer nur der Benutzer sein. Ich kann nur erahnen, was er braucht, aber wissen kann ich es nicht. Nur er weiß, wie er wohnen will." Und dann, mit einem Blick auf den Tisch, auf dem eine Thermoskanne, löslicher Kaffee und Gebäck stehen, sagt er: "Ich habe extra löslichen Kaffee genommen, dann können Sie sich Ihren Kaffee so stark machen, wie Sie es am liebsten mögen."

Eine Garderobe von Horn mit rundem Spiegel und Ablage aus den sechziger Jahren – jedes Teil ist variabel. © Neven Allgeier und Sucuk & Bratwurst

Als Horn Anfang der sechziger Jahre das Büro für Entwicklung, Messen und Werbung der Möbelindustrie in Leipzig übernahm, ging er als Erstes in die Wohnungen der Menschen in seinem Land. Er ging in den Altbau, aber vor allem in die Platte. Zu den Alten, aber vor allem zu den Jungen, und fragte: Wie wollt ihr es? Was braucht ihr?

"Die sagten mir vor allem, Mensch, wir haben nur eine kleine Bude, wohnen und schlafen darin, dazu die dicken Polstermöbel, es ist so schrecklich eng!" Also, überlegte Horn, braucht es etwas, wodurch die Menschen Raum gewinnen, eine Auflösung der festgelegten Garnitur. Zuerst fing er nur mit einem Regal an, bei dem man auch Frontwände einsetzen konnte. Dann dachte er, wie wäre es, wenn wir keine Möbel, sondern nur noch Bauteile produzieren, mit denen man verschiedene Kombinationen aufbauen kann. Keine festgelegte Schrankwand, sondern eine Schrankwand, die der Benutzer selbst gestaltet. Bei der er entscheidet, wie hoch sie sein soll, wie breit und wo er welchen Abstand braucht. Montagemöbel. Das Ikea-Prinzip der DDR, ungefähr zur selben Zeit, als Ikea anfing, ins Ausland zu exportieren, das war das Möbelprogramm Deutsche Werkstätten, kurz MDW. Auf der Messe in Leipzig 1967 stellten sie seine Idee vor. Ein Riesenhit! Die Menschen standen Schlange, um seine Möbel zu sehen, die Polizei musste eingesetzt werden, so groß, sagt Horn, sei der Andrang gewesen.

Auch Walter Ulbricht besuchte die Messe. Wie jedes Jahr. Doch als er am Stand von Horns Programm vorbeiging und ihm jemand das Möbelprogramm erklären wollte, unterbrach er ihn: "Ich sehe hier keine Möbel, ich sehe nur Bretter." Eine harsche Kritik – von ganz oben. Eigentlich, sagt Horn, wäre das der Tod für das MDW gewesen. Eigentlich. Denn die Menschen hatten sein Programm ja bereits gesehen, die Produktionsstätten waren gebaut, erste Auslieferungen fanden statt. Die Mitte, für die er es gemacht hatte, wollte seine Bretter. Und bekam sie auch. Sie bekamen Individualität in einem Land, in dem vieles konform gehen musste. Sie bekamen die Freiheit, selbst zu bestimmen, wie sie wohnen. Und genau das wollten die Menschen auch, 24 Jahre lang. So lange wurde Horns Programm hergestellt. Es ist eines der am längsten produzierten Möbelsysteme Europas. Wenig später hat Horn versucht, noch mehr Freiheit zu schaffen, indem er das sogenannte variable Wohnen entwarf. Eine Wohnung, in der es keine festgelegten Innenwände mehr geben sollte. Der Bewohner sollte entscheiden, ob und wenn ja, wo und wie viele Innenwände er haben möchte. Aber vielleicht war das dann zu viel Freiraum für den starren Staat. Horns variable Wohnung setzte sich nicht durch.

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

@ Flugboot:....im Sozialismus parallel erfunden.

Das ist Bauhaus, Weimar/Dessau usw. und hat so wenig mit Sozialismus zu tun wie die DDR:-)
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Ein wenig differenzieren hilft Missverständnisse zu vermeiden.
Karlchen M. & seine Mitstreiter waren Wissenschaftler&Journalisten, einer sogar Unternehmer, die sich nebenbei politisch betätigt haben. Kein Politiker:-)
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Die haben Gedanken in die Welt gesetzt, Schlecht oder falsch umgesetzt, dann noch mit dem Label "Sozialismus" versehen haben es die Epigonen!(1)
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Gruss Sikasuu
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(1) Streng nach "Markenrecht" gesehen müsse heute allen "Sozialdemokratischen" Parteine weltweit der Name entzogen werden. Die Betreiben, wie auch die DDR usw. "Warenunterschiebung & Markenfälschung" :-)
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Gruss Sikasuu