Hüfthose Unter der Gürtellinie

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 16/2018

Als in den Sommerkollektionen, unter anderen von Miu Miu, Tom Ford und Rodarte, die Hüfthose auftauchte, waren die Reaktionen geteilt. Wer nach 1990 geboren wurde, empfindet es wohl als seltsam, den Hosenbund so tief zu tragen, dass die Beckenknochen zu sehen sind. Wer aber in den siebziger Jahren geboren ist, erkennt die eigene Jugend wieder – denn die Hüfthose hat die Mode der neunziger Jahre bestimmt.

Den Anfang machte Alexander McQueen: Bereits 1993, in seiner ersten Kollektion nach dem Abschluss seines Modestudiums am Londoner Central Saint Martins College, zeigte er extrem tief sitzende Hosen. In einem Interview mit dem Guardian zu seinen bumsters (Gesäßhosen) erklärte er, ihm sei es gar nicht darauf angekommen, den Hintern in Szene zu setzen. Vielmehr habe er den Oberkörper verlängert. Vor allem aber habe er den unteren Rücken betonen wollen. Dies sei, so Alexander McQueen, der erotischste Teil des Körpers, "bei Mann und Frau".

In den neunziger Jahren wurde man sich der Erotik dieses Körperbereichs umfassend bewusst: Es war die große Zeit der bauchfreien Mode und der Steißinszenierung. Populär waren etwa Bauchnabelpiercings, und wer im Fitnessstudio trainierte, präsentierte seine perfekten Bauchmuskeln. Wer die nicht hatte, konnte wenigstens seinen Steiß betonen. Den hat schließlich jeder. Legendär wurde die Ausschmückung des unteren Rückens durch Tribal-Tätowierungen, im Volksmund auch "Arschgeweih" genannt.

Es war einer der seltenen Momente, in denen sich Luxusmode und Streetwear verbanden. Die Hüfthose war überall. Tom Ford zeigte 1995 in seiner ersten Kollektion für Gucci Hüfthosen, und auch in der Hip-Hop-Szene trug man die Hosen auf halbmast. Letztere waren die sogenannten Baggy Pants, mit denen sich schwarze Jugendliche mit Gefängnisinsassen solidarisierten: Die tief sitzenden Hosen symbolisierten die schlecht sitzende Knastkleidung. Dies griff die Mode dankbar auf, man konnte also viel Geld für eine Hose ausgeben und sich gleichzeitig wie ein Rebell fühlen.

Ende der neunziger Jahre waren es Pop- und R&B-Stars wie Britney Spears und Christina Aguilera, die Hüfthosen populär hielten. Als die verblassten, rutschte der Hosenbund wieder nach oben, über den Bauchnabel. Nun ist die Hüfthose zurück, und auch wenn sie kein so großer Hit wie in den Neunzigern wird, könnte sie doch bewirken, dass wir einiger gealterter Steißgeweihe ansichtig werden. Irgendwo müssen die ja noch sein.

Foto: Peter Langer / "Ganz unten: Hüfthose von Miu Miu"

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