© David Biskup

Instagram Die Quadratur der Welt

Auf Instagram soll das eigene Leben gut aussehen: Reisen werden so geplant, dass sie viele Motive hergeben, Städte und Museen schaffen "selfie spots", Restaurants werden so ausgeleuchtet, dass man das Essen fotografieren kann. Aber verlieren wir auf der Jagd nach dem beliebtesten Bild nicht einiges aus dem Blick? Von
ZEITmagazin Nr. 16/2018

Vor einigen Wochen war ich für eine Recherche in New York, und weil ich an einem Sonntagnachmittag ein paar Stunden Zeit hatte, besuchte ich ein Theaterstück in Brooklyn, im Stadtteil Dumbo. Das ist die Abkürzung für Down Under the Manhattan Bridge Overpass, was so viel heißt wie "das Viertel unter der Manhattan-Bridge-Überführung". Wie viele Viertel in Großstädten war auch Dumbo lange Zeit ein verlassenes ehemaliges Industriegebiet mit leer stehenden Fabrikhallen, dann zogen Künstlerinnen und Künstler ein, die Mieten stiegen, und heute sitzen viele Start-ups hier. Ich war etwas zu früh am Theater und spazierte also am Fluss entlang, bis ich vor einer Installation mit leuchtenden Buchstaben stehen blieb: "D U M B O". Ich trat näher und las auf einem Schild, dass die Installation an wechselnden Orten im Stadtteil aufgebaut wird und eingerichtet wurde, um den perfekten Fotohintergrund für Selfies zu bieten, eine Art Fototapete also – nur ohne Tapete. Man kann mit der Fototapete sogar kommunizieren: Wenn man auf Twitter eine Ja-oder-nein-Frage stellt, sich vor den Buchstaben fotografiert und dazu den Hashtag "dumboselfie" eintippt, antwortet die Installation, zum Beispiel auf Fragen wie "Will I find a date?". Das gesamte Ziel dieser Arbeit ist also, auf möglichst viele Selfies zu kommen, von Menschen, die sich in Dumbo fotografieren. In diesem Moment fiel mir ein, dass mir eine Bekannte vor Kurzem von einem Wochenend-Ausflug aufs Land mit einer ihrer besten Freundinnen erzählt hatte. Die beiden verbrachten eine gute Zeit miteinander, dachte zumindest meine Bekannte, bis ihre Freundin plötzlich schlechte Laune bekam. "Jetzt sind wir schon seit Stunden unterwegs", sagte sie, "und es ist noch immer kein Motiv für Instagram dabei gewesen." Die gute Stimmung war dahin.