Joggen "Ich geh dann mal laufen"

© Aline Zalko
Was ist mit diesem Kind los? Jetzt geht es morgens joggen. Da kann der Vater nur staunen, und sich freuen, dass es sich danach wenigstens ein Nutella-Brot schmiert. Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 16/2018

Lotta geht jetzt laufen. Jeden Morgen. Ich habe das nicht glauben können, denn bislang war es schwierig genug, von Lotta irgendwelche Lebenszeichen zu erhalten, wenn man sie morgens aus dem Bett bekommen wollte. Lotta wecken ging so: Sie hat zwei Wecker, die beide so lange Krach machen, bis irgendwer wach wird, um in Lottas Zimmer zu stolpern und sie aufzuwecken. Es spielten sich dann Szenen ab wie aus Frankenstein-Filmen. Ein scheinbar lebloser Körper begann zu zucken, sich zu regen. Dann richtete sich ein Wesen im Bett auf, offenbar aus Fleisch und Blut und trotzdem nicht von dieser Welt. Es dauerte meist noch etwas, bis sich dieses Geschöpf in meine fröhliche Tochter verwandelte. Ich konnte das gut nachvollziehen. Als ich selbst in ihrem Alter war, erschien es mir als Unmöglichkeit, morgens aus dem Bett zu kommen. Für mich begann der Tag stets drei Stunden zu früh. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was andere Menschen zu dieser Zeit anfangen wollten. Ich selbst hätte Lotta gerne ausschlafen lassen. Aber ich bin jetzt von der Gegenseite, die rüttelnde und mahnende elterliche Kontrollinstanz, die bekloppte Sätze sagt wie: "Dann geh halt früher ins Bett." Ich weiß nur zu gut, dass man als Jugendlicher nicht einfach total vernünftig früh zu Bett gehen kann. Ich staune selbst über meine Sätze.

Noch mehr staune ich nun, dass Lotta jetzt unter die Frühaufsteher gegangen ist. Wie konnte das passieren? Morgens schlüpft sie in ihre Joggingklamotten und sagt: "Ich geh dann mal laufen." Ich frage mich: Was kann meine Tochter dermaßen motivieren? Lotta sagt, Laufen sei gesund.

Da treffe ich auf ein inneres Dilemma. Auf der einen Seite finde ich es sehr lobenswert, wenn meine Kinder sich um ihre Gesundheit kümmern. Ich ermahne sie ja selbst immer wieder dazu. Etwa, wenn die Kinder zu viel Zucker essen. In die Schule gebe ich ihnen geschnittenes Gemüse mit Kräuterquark mit. Oft kommt es unangetastet zurück. Meine Kinder hungern offenbar lieber, als sich gesund zu ernähren. Und ich zweifle dann an mir: Denn nichts zu essen ist vielleicht noch ungesünder, als schlecht zu essen, oder? Und gehört es nicht auch zur Kindheit, das Leben mit Nuss-Nougat-Creme zuzuschmieren? Ich habe gelesen, wenn man Kinder einfach ihr Ernährungsprogramm selbst wählen ließe, kämen sie von alleine auf eine ausgewogene Ernährung.

Meine Angst ist, dass dies im Fall meiner Kinder nur rote, grüne, gelbe und orangene Haribo-Bärchen bedeuten würde. Und kann ich von meinen Kindern Ernährungsdisziplin verlangen, wenn ich mit mir selbst gar nicht im Reinen bin? Einerseits bin ich für Gesundheit, andererseits verschlinge ich jeden Tag eine halbe Tafel Schokolade. Und mich nervt, dass wir in so körperbewussten Zeiten leben. Wir zitieren die Auflistungen von Inhaltsstoffen wie früher Gedichte, reden von Kalorien, als seien sie Schadstoffe. Außerdem ist Laufen eigentlich etwas für gesundheitsbewusste Erwachsene. Und eigentlich finde ich auch, dass Kinder unbefangen und mit Spaß essen sollten. Beim Sport sollten sie sich auspowern und nicht diszipliniert Runden im Park drehen. Manchmal denke ich, ich will meinen Morgenzombie wiederhaben. Ich hätte gedacht, dass sich das mit Lottas Morgenlauf bald wieder erledigen würde. Aber sie hält bislang eisern durch. Allerdings macht sie sich danach ein dickes Nutella-Brot. Beruhigend.

Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren